Arte-Serie „Etty“ über Judenverfolgung in Amsterdam: Das fühlt sich alles so heutig an

Es könnte heute sein. Eine junge Frau trifft einen älteren Mann. Er nimmt einen Abdruck ihrer mit Farbe bemalten Hand auf Papier. Extreme Nahaufnahmen konzentrieren sich auf beider Augenpaare, beider Blicke. „Die Analyse folgt dann nächste Woche“, verabschiedet der mutmaßliche Psychologe sie.

Sie radelt durch Amsterdam. Kommt nach Hause, offensichtlich eine WG, isst im Vorbeigehen, schreibt, raucht, radelt wieder los. In der Uni herrscht Unruhe. Draußen wird demonstriert. Ein Sozialist mit Mikro prangert die neoliberale Ökonomie an. Studis halten Schilder mit Slogans wie „Refugees Welcome“ hoch. Plötzlich ist der Redner nicht mehr zu hören. Junge Leute in schwarzen Shirts und Jacken haben den Mikrostecker gezogen. „Faschisten“, ruft der Redner, zeigt auf sie und skandiert: „Sagt nein zum Faschismus!“.

Aber es ist nicht heute. Die Studentin, der die dynamische Kamera jetzt drängend, dringlich durch die Flure der Universität Amsterdam folgt, lebt nicht mehr. Die niederländische Intellektuelle Etty Hillesum, Zentralgestirn von Hagai Levis Serie „Etty“, wurde 1943 mit 29 Jahren in Auschwitz ermordet. So wie mehr als 100.000 andere Jüdinnen und Juden, die die Nationalsozialisten aus dem besetzten Holland über das Durchgangslager Westerbork in den Osten deportierten.

Hillesums Tagebücher erschienen 40 Jahre später

Dafür, dass der physische Tod nicht das Ende der Erinnerung an die angehende Schriftstellerin war, hat Etty Hillesum selbst gesorgt, mit Tagebüchern, die sie von 1941 bis 1943 führte. 40 Jahre später veröffentlicht, wurden sie in 20 Sprachen übersetzt. Diese Tagebücher und Briefe waren es auch, die den israelischen Regisseur Hagai Levi zu der nur eingangs etwas spröden und in der Schilderung der schrittweisen Entrechtung der Juden zutiefst beklemmenden Serie inspiriert haben.

„Etty“, mitproduziert von der deutschen Independent-Firma Komplizen Film, ist anspruchsvolle Arthouse-Kost. Konzentriert erzählt, fokussiert auf die Innerlichkeit und den Blick in die Seele der Hauptfigur. Was sich auf der langen Erzählstrecke von 327 Minuten aber als großer Gewinn erweist. Es gibt wenige Szenen, die nicht vom blassblauen Blick der Burg-Schauspielerin und Regisseurin Julia Windischbauer getragen werden, die eine emotional pulsierende, unter Dauerstrom stehende Etty spielt.