Georg Kolbes Tänzerinnen-Brunnen wird versteigert: Erben hoffen auf Rekordergebnis

Für das Kolbe-Museum ist es ein Trauerspiel, für das Auktionshaus Grisebach ein Coup, für die Erben des Tänzerinnen-Brunnens von Georg Kolbe wohl die beste Lösung. Das monumentale Werk des Bildhauers soll am 4. Juni bei Grisebach mit einem Schätzpreis von 1 bis 1,5 Millionen Euro versteigert werden. Im Februar hatte das Museum einer Restitution zugestimmt.
Damit endet eine komplizierte Auseinandersetzung mit den Erben des einstigen Auftraggebers, denn zweifellos handelt es sich bei dem Werk um NS-Raubkunst. Kolbe hatte den Brunnen 1922 für die Berliner Villa des jüdischen Sammlers und Direktors der Victoria-Versicherung Heinrich Stahl angefertigt, in dessen Garten er aufgestellt war. Während des Nationalsozialismus musste Stahl das Haus samt Brunnen unter Wert verkaufen.
Heinrich Stahl wurde im Konzentrationslager ermordet, seine Frau konnte sich in die USA retten. In den 1970er Jahren führte das Kolbe-Museum die in Berlin verbliebenen unteren Teile des Brunnens wieder zusammen mit der bekrönenden Tänzerin-Figur, die mit dem späteren Käufer der Villa nach Spanien gelangt war.
Nach erster Kontaktaufnahme mit den Nachfahren von Stahl im Jahr 2000 durch die damalige Direktorin des Kolbe-Museums, stimmte allerdings nur ein Teil der Familie einer endgültigen Überlassung zu. Als ihre Nachfolgerin erneut zum Brunnen zu forschen begann, kam es zum Konflikt mit jenem anderen Zweig der Familie, der zunächst nicht gefragt worden war und nun auf Rückgabe drang.
Eine komplizierte Geschichte
Dem Museum gelang es nicht, mit den Erben eine Einigung zu erlangen, ebenso wenig die nötigen Gelder für einen Ankauf zu akquirieren. Damit wanderte das Werk auf den Markt, eines der eindrucksvollsten und bewegendsten der klassischen Moderne, wie das Auktionshaus Grisebach jetzt in seiner Ankündigung schreibt.
Es hofft nun, seinen Weltrekord-Preis von 1,42 Millionen Euro für eine Kolbe-Skulptur vom vergangenen Jahr zu übertreffen. Damals war es die Bronze „Stehende Frau“ von 1915/16, diesmal ist es mehrteiliges Objekt, bestehend aus drei steinernen Trägerfiguren und der Wasserschale in Blütenform sowie der bronzenen Tänzerin. In die bewegte Geschichte des Werks mischt sich außerdem Rassismus und koloniale Vergangenheit: Die knieenden Träger werden von Schwarzen verkörpert.