Rapper J. Cole und sein angeblich letztes Album: Wie eine rund laufende Maschine mit Retro-Touch

„I’m ridin’ through the city streets reachin’ for a memory to hang on.“ Diese Zeilen singt J. Cole in „Run A Train“, kurz darauf fügt er an: „Funny how a few dollars change minds.“ Die Stadt, auf deren Straßen er hier nach Erinnerungen fahndet, ist Fayetteville, immerhin die sechstgrößte im US-Bundesstaat North Carolina. Hier wuchs der Rapper auf, der am Tag der Albumveröffentlichung seinen 41. Geburtstag feiert.

„The Fall-Off“, so richtete er kurz vorher über die sozialen Medien aus, sei sein letztes Album, ganze zehn Jahre habe er an dem Projekt gearbeitet. Ob dieser Abschied final ist, bleibt abzuwarten, erfahrungsgemäß halten Musiker den Ruhestand dann doch nur so mittelgut aus.

In der Tat fasst das Album aber Coles Geschichte noch einmal ausführlich zusammen. Dabei bedient er sich eines guten Kniffs, um die verschiedenen Perioden seiner Karriere abzubilden: Auf der ersten Hälfte des Doppelalbums, klassisch „Disc 29“ betitelt, besucht er seine Heimatstadt als 29-Jähriger, der es in New York geschafft hat.

Zu Beginn hören wir prominent ein Sample aus James Taylors Akustik-Ballade „Carolina In My Mind“, anschließend knallen Schüsse. Auf dem zweiten Teil, „Disc 39“ genannt, ist er zehn Jahre älter und ein erfolgreicher Rapper. Er ist ruhiger geworden; die Gewalt in der Stadt, sie ist immer noch da, der Hang zur Selbstreflektion ebenfalls.

In den USA ist „The Fall-Off“ eines der meisterwarteten Album des Jahres. Das liegt zunächst einmal an der beeindruckenden Verkaufsbilanz des Künstlers: Fünf Studioalben veröffentlichte J. Cole bisher, alle erreichten sie die Spitzenposition der US-amerikanischen Hitparaden. Damit gehört er neben Kendrick Lamar und Drake zu den sogenannten „Big Three“ im nordamerikanischen Hip-Hop.

Der Rapper (bürgerlich: Jermaine Lamarr Cole), der als Sohn eines US-amerikanischen Soldaten und einer irischen Mutter in Frankfurt am Main geboren wurde, verzichtete dabei aber auf eine im Hip-Hop nicht zuletzt aus Marketinggründen übliche Vorgehensweise: Featureschlachten suchte man bei ihm immer vergeblich.

Wo etwa Kendrick Lamar auf seinen Platten die Zusammenarbeit mit so unterschiedlichen Künstlern wie Thundercat, Dr. Dre, U2 oder Rihanna suchte und Drake gemeinsame Sache mit Bad Bunny oder Jay-Z machte, war sich Cole meist selbst genug.

Wichtig ist „The Fall-Off“ aber auch noch aus einem anderen Grund: Die kommerzielle Dominanz von Hip-Hop hat in den USA zuletzt spürbar nachgelassen. Im Oktober 2025 war erstmals seit 1990 kein Rap-Song in den Top 40 der Billboard Hot 100 vertreten. Der Streaming-Anteil von R’n’B und Hip-Hop fiel laut des Datenerhebers Luminate zuletzt von 30 (2020) auf rund 24 Prozent (2025).

Das mag damit zu tun haben, dass zuletzt nicht immer die Musik im Mittelpunkt stand. So lieferten sich Drake und Lamar 2024 eine der giftigsten Rap-Fehden aller Zeiten: Alles begann, als Kendrick Lamar in einem Song erwähnten „Big Three“-Status ablehnte und sich selbst als unangefochtenen König positionierte. Es folgte ein diverse Tracks umfassender Schlagabtausch, den Lamar mit „Not Like Us“ für sich entschied und 2025 beim Super Bowl triumphierend zelebrierte.

J. Cole spielte bei alldem nur eine Nebenrolle: Er konterte einmal, beendete aber nach nur zwei Tagen seine Beteiligung mit einer öffentlichen Entschuldigung.

Backgroundgesang von Tems und Erykah Badu

„The Fall-Off“ ist frei von aktuellem Eskalationsbalast; Referenzen ans Genre beziehen sich erfreulicherweise auf Klang und Kultur und sind eher retrospektiv. „I Love Her Again“ kommt mit einem Sample des Conscious-Rap-Pioniers Common, der mit seinen introspektiven Fragen und seinen Verhandlungen moralischer und gesellschaftlicher Fragen ein wichtiger Einfluss für Cole gewesen sein dürfte.

Auf „Life Sentence“ zitiert er DMX, in „What If“ reflektiert er die Fehde zwischen Tupac Shakur und Notorious B.I.G., die Mitte der 1990er Jahre letztendlich mit dem Tod beider Rapper endete. Das Personaltableau birgt Überraschungen, auch wenn Cole nach wie vor auf klassische Features verzichtet: Backgroundgesang steuerten unter anderem die Weird-Soul-Königin Erykah Badu und die Afrobeats-Superstars Burna Boy und Tems bei.