Sportliche Zusammenkunft auch der Langsamen

Gegen 13 Uhr, die schnellsten Läuferinnen und Läufer waren seit ungefähr zwei Stunden im Ziel, vermutlich geduscht und ja, einige dürften sich schon auf dem Heimweg befunden haben, gegen 13 Uhr also rannten immer noch massenweise Frauen und Männer die Kochstraße in Kreuzberg hinunter. Sie hatten noch vier Kilometer vor sich. Die Läuferinnen und Läufer waren alt und jung, sie waren bucklig und sportlich, groß und klein, dick und dünn, sie liefen formschön und unrund; manche von ihnen hatten etwas mitzuteilen.

Einen Zettel mit der Aufschrift „Für Susi“ etwa trug ein Läufer auf seinem Bäuchlein. Andere blickten nicht auf die Strecke, sondern auf die Schaufenster, um sich selbst beim Laufen sehen zu können. Was diese Teilnehmer alle einte: Sie waren recht langsam – verglichen mit den Spitzenläuferinnen und –läufern aus Ostafrika, die fast ausnahmslos in Höhen von rund 2000 Metern geboren und aufgewachsen sind. Mit rund 20 km/h im Durchschnitt spurten diese Ausnahmeathleten über die 21,0975-Kilometerstrecke. Die großen Berliner Laufevents sind aber mehr als eine Schau der atemberaubenden Läuferinnen und Läufer aus Ostafrika. Sie sind in erster Linie eine sportliche Zusammenkunft auch der Buckligen und Krummen.

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Über 33.000 hatten sich für den 41. Berliner Halbmarathon angemeldet. Doch schon in den Tagen zuvor konnte man davon ausgehen, dass nicht alle daran teilnehmen würden. Zu frostig war die Wettervorhersage, die leider stimmte. Bei zwei bis drei Grad begann der Lauf auf der Straße des 17. Juni. So mancher Teilnehmer war dick eingepackt und bereute dies womöglich eine halbe Stunde später. Rund 26.000 Starter dürfte es trotz des Wetters gegeben haben.

Auch Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey war winterlich gekleidet beim Startschuss. „Die vielen Läuferinnen und Läufer aus so vielen Nationen sind ein Zeichen für die Freiheit in dieser wunderschönen Stadt Berlin“, sagte sie. Frauen und Männer aus 121 Nationen waren am Start. Giffeys Worte waren gemünzt auf den Krieg in der Ukraine, der bei dem großen Event nicht vergessen worden war. Die ukrainischen Landesfarben wurden zahlreich gezeigt. Und die Veranstalter hatten im Vorfeld versprochen, jene aus dem Verkehr zu ziehen, die das russische Propagandazeichen „Z“ sichtbar tragen sollten. Bei der Läuferbewegung, die in den vergangenen Monaten große Solidarität mit den Menschen aus der Ukraine zeigte, war die Drohung des Ausrichters vermutlich ohnehin nicht nötig.

Laufboom trotz oder gerade wegen der Pandemie

Tausende Menschen auf engstem Raum wirken auch zwei Jahre nach Ausbruch der Coronavirus-Pandemie seltsam. Gleichwohl spiegeln Veranstaltungen wie der Halbmarathon doch den generellen Umgang der Gesellschaft mit dem Virus wider. Das Leben normalisiert sich wieder ein bisschen, Maßnahmen werden gelockert, Menschen kommen wieder mehr zusammen. Die Veranstalter des Halbmarathons wollten aber nicht den Eindruck erwecken, leichtfertig mit dem Thema umzugehen.
Für alle Teilnehmenden galt – anders als es die Behörden vorsahen – unmittelbar vor dem Start und nach dem Einlaufen ins Ziel die Maskenpflicht. „Man sieht einfach, dass viele Menschen immer noch Respekt vor dem Virus haben“, sagte Jürgen Lock vom Veranstalter SCC Events. „Und wir wollen dem Rechnung tragen.“

Lock und seine Mitarbeiter hatten in den vergangenen zwei Jahren wie so viele Menschen im Veranstaltungsbereich zu kämpfen. Viele großen Läufe waren pandemiebedingt ausgefallen. SCC Events allein beschäftigt rund 70 Mitarbeiter. Jahre wie 2020 und 2021 können sich die Veranstalteragenturen nicht häufiger leisten. Der Laufsport ist verdammt groß geworden. Vor der Pandemie hatten jedes Jahr die Läufe zugenommen, aber auch die Teilnehmerzahlen, die Sponsoren sowie die Übertragungszeiten. Allein der volkswirtschaftliche Nutzen des Berlin-Marathons im Herbst mit rund 40.000 Teilnehmern und einer Million Zuschauer wird auf knapp 400 Millionen Euro beziffert.

Von einer Krise des Laufsports konnte allerdings in den Pandemiejahren keine Rede sein. Mehr Menschen denn je begannen mit dem Laufsport. Nur eben für sich. Dieser Laufboom zeigte sich auch beim Berliner Halbmarathon. Gefühlt liefen noch nie so viele Läuferinnen und Läufer eher krumm und schief im Ziel ein wie in diesem Jahr. Die meisten taten das trotz der Anstrengung mit einem Lächeln im Gesicht. Sie werden den Lauf in den nächsten Tagen noch in den Knochen haben. Vermutlich wird es ihnen das wert gewesen sein