Zum Tod von Jürgen Habermas: Er verteidigte die Vernunft – auch, als es vergeblich schien

Der Maulwurf hat in der Ideengeschichte eine erstaunliche Präsenz. Kant argwöhnte noch, er würde blindlings und vergebens nach den Schätzen der Vernunft graben. Bei Hegel hingegen fördert er den Fortschritt, bei Marx die Revolution zutage. Und bei Jürgen Habermas schließlich ist er das „nützliche“ Tier, das „den schönen Rasen zerstört“.

Auch wenn Habermas, als er diese humorvolle Wendung der Maulwurf-Metapher schrieb, den Intellektuellen und Filmemacher Alexander Kluge adressierte, so passt diese Zuschreibung auch auf ihn selbst und sein enormes, allein 43 Monografien und Essaybände umfassendes Werk.

Kaum ein philosophisches und sozialwissenschaftliches Theoriegebiet, das er nicht bearbeitete, zu dem er nicht eine eigene Theorie entwickelte, kaum ein gesellschaftlich relevantes Thema, zu dem er sich nicht streitbar, aber stets diskursiv äußerte, bis – um im Bild zu bleiben – keine Rasenfläche unversehrt blieb.

Gefeiert wie ein Popstar

Er war ein Ausnahme-Philosoph und Intellektueller, weltweit bekannt und geehrt, der die berühmtesten Preise der Welt auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften erhielt und der bald nach seiner Emeritierung von Frankfurt bis China wie ein Popstar gefeiert wurde. Ohne allerdings, dass Habermas sich jemals als ein solcher geriert hätte.

Mit seinen Beiträgen zum öffentlichen Diskurs begann Habermas schon sehr früh. Als Student, während seiner Promotionszeit in Bonn 1954, veröffentlichte Habermas in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Text, in dem er Martin Heidegger eine politische, aber auch philosophische Nähe zum Nationalsozialismus nachwies.

Der Skandal bestand nicht nur darin, dass das kollektive Beschweigen einer Mittäterschaft während der Nazi-Zeit ans Tageslicht gebracht wurde, sondern schlug auch hohe Wellen, weil hier weniger philosophisch als vielmehr politisch argumentiert wurde. Heidegger hatte eine Vorlesung aus den 1930er Jahren nach Ende des Krieges in einer Weise geschönt, dass man die Äußerungen als Entlastung lesen konnte.

Gegen die Verdrängung des Holocaust

Für das Verständnis von Habermas‘ Werk kann man, ähnlich wie bei seinen Zeitgenossen Niklas Luhmann, Hans Magnus Enzensberger, Ralf Dahrendorf und anderen, bei aller Verschiedenheit ihrer Anliegen, die Kindheit und frühe Jugend während des Krieges, den Zusammenbruch des mörderischen Staatssystems und dann die Gründung der demokratischen Bundesrepublik gar nicht wichtig genug nehmen.

Sie waren noch zu jung, als dass sie, wie die ältere Generation der Mittäter und Mitläufer, an irgendwelchen Ämtern klebten, aber alt genug, um die personelle und gedankliche Kontinuität in der Verdrängung und Verleugnung der Kriegsverbrechen und des Holocaust klar zu erkennen.

Die Nürnberger Auschwitzprozesse ebenso wie die „Spiegelaffäre“ 1962, bei der Mitarbeiter des Magazins des Landesverrates bezichtigt wurden, weil sie die Verteidigungsfähigkeit der jungen Bundesregierung bezweifelten, waren Schlüsselereignisse, die den Nationalsozialismus zur „gegenwärtigen Vergangenheit“ (Brunkhorst) werden ließen.

Es war daher auch kein Zufall, dass Habermas den sogenannten Historikerstreit befeuerte, in dem von älteren Historikern die Vergleichbarkeit der Nazi-Verbrechen mit stalinistischen Formen totalitärer Herrschaft behauptet wurde. Für Habermas war diese Position eine der vielen Strategien, die eigene Verantwortlichkeit für die Nazi-Verbrechen zu vernebeln und das Schweigen aktiv weiter zu betreiben.

Studium bei Adorno

Sein Studium bei Theodor Adorno und später die Diskussionen mit Wolfgang Abendroth, der seine Habilitationsschrift betreute, ließen aus dem linken Heideggerianer einen unorthodoxen Neomarxisten werden. Die inzwischen fast übliche Ansicht, Habermas habe sich schon recht früh vom Marxismus verabschiedet und sei ganz zum Kantianer geworden, ist ein großes Missverständnis.

Zwar spielt Kant, fast gleichermaßen aber auch Hegel, ab Ende der 1980er Jahre eine zunehmend wichtige Rolle. Marx‘ Denken zieht sich jedoch, originell interpretiert, wie ein roter Faden durch Habermas‘ gesamtes Werk. Immer geht es Habermas, ebenso wie Marx, um „kritische Gesellschaftstheorie“ und darum, diese mit der Philosophie, anders als Kant, Hegel und auch John Rawls, im wechselseitigen Austausch zu verbinden.

Max Horkheimer (vorn links), Theodor Adorno (vorn rechts), Jürgen Habermas (im Hintergrund rechts) sowie Siegfried Landshut (im Hintergrund links) im Jahr 1964 in Heidelberg.
Habermas 1981 in seinem Haus in Starnberg.

© dpa

Ganz im Sinne des amerikanischen Philosophen John Dewey, die Krise der Demokratie mit mehr Demokratie zu bekämpfen, erweiterte Habermas Mitte der 90er Jahre in „Die postnationale Konstellation“ die Demokratisierung auf die Weltgesellschaft. Das führte zu dem ebenfalls eingängigen Begriff der Weltinnenpolitik. Gemeint war eine Politik, die sich den veränderten Begebenheiten anpasst: Nicht mehr nationalstaatliche Grenzen und Interessenpolitik setzen den Rahmen für Verhandlungen. Vielmehr können und sollten die großen Probleme der Welt, von Klimakatastrophe, über Krieg, Genmanipulationen am Menschen, Digitalisierung, KI bis hin zu Menschenrechtsverletzungen kooperativ bearbeitet werden.

Ein radikaler Reformist

Es wird dann aber doch, trotz aller Nähe zum Neomarxismus, ein Unterschied deutlich: Habermas lag die Revolution fern, zum Missfallen auch der Studierendenschaft 1968. Er vertrat einen radikalen Reformismus, der zwar möglichst weitgehend die Einhegung des Kapitalismus betreiben soll – aber dies stets im Rahmen des demokratischen Verfassungsstaates.

In „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“ beschrieb Habermas, ähnlich wie fast zeitgleich Claus Offe, wie die sozialdemokratische Reformpolitik an der enormen Anpassungsfähigkeit kapitalistischer Verhältnisse zu scheitern drohte. Die Politik werde dadurch ohnmächtig und schlittere in eine handfeste Legitimationskrise. Es war die Periode der „neuen Unübersichtlichkeiten“ – noch so ein viel verwendeter Begriff. Darauf folgte, nicht ganz überraschend, eine haargenaue Analyse dessen, was die Gesellschaft unter kapitalistischen Bedingungen zu verlieren droht.

ARCHIV - 12.12.2012, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Der Philosoph Jürgen Habermas steht im Heinrich-Heine-Institut neben einer Heine-Büste. Am 14.03.2026 starb der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren in Starnberg, wie der Suhrkamp Verlag unter Berufung auf die Familie der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. Foto: Martin Gerten/dpa +++ dpa-Bildfunk +++Jürgen Habermas über Glauben und Wissen Religiöse Funken in einer säkularen Welt Philosophie und Theologie Ratzingers Magd

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Gegen die  Anmaßung des Menschenklonens wandte es sich ebenso vehement wie gegen soziale Ungleichheit und Elitendemokratien und warnte, im Ukraine-Krieg nicht das Abwägen von Risiken und Freiheitsgewinnen aus den Augen zu verlieren. Als Philosoph legte er noch mit 90 Jahren ein zweibändiges, 1400 Seiten umfassendes Werk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ vor, das den Lesern einige Rätsel aufgab, in dem es aber zweifelsohne um eines ging: eine Neukonzeption der Geschichte menschlicher Vernunft, die mit entscheidender Hilfe der Philosophie – wie der Maulwurf – auf Spurensuche geht.

Im Durchgang durch die Religions- und Philosophiegeschichte legt Habermas Anzeichen der Vernunft und des moralischen Fortschritts in einer durch Elend, Leid, Krieg und andere Formen der Gewalt geprägten modernen Welt frei. Der glänzende Essayist, begnadete Polemiker, kontextsensible Soziologe und scharfsinne Philosoph hat nie aufgehört, in den Gängen der Finsternis, trotz aller Widerstände, nach dem Lichtstrahl der Vernunft zu graben. Darin war er Realist. Die Berliner Republik, Europa und viele andere Regionen der Welt haben mit Habermas, der nun mit 96 Jahren verstorben ist, diese kritische und zugleich hoffnungsvolle Stimme verloren.