Was steckt hinter den „Backrooms“?: Gen-Z-Horror aus dem Internet erobert das Kino
Eine Gruppe Jugendlicher dreht einen Amateurfilm, das Bild ist körnig, wir schreiben das Jahr 1996. Der Kameramann geht einige Schritte zurück, als er plötzlich durch den Boden fällt und in einem mysteriösen Raum wieder zu sich kommt. Es scheint sich um einen verlassenen Bürokomplex zu handeln, die Decken sind abgehängt, die gelben Wände in ungesund wirkendes Neonlicht getaucht.
Der Filmende begibt sich auf eine Erkundungstour und stellt fest, dass die Räume scheinbar endlos weitergehen. Kritzeleien an den Wänden weisen darauf hin, dass er nicht als Erster durch diese Gänge wandelt. Kurz darauf merkt er, dass er nicht allein ist.
So beginnt die Saga der „Backrooms“, einer Horror-YouTube-Serie, die der damals 16-jährige Kane Parsons vor vier Jahren online stellte und damit einen enormen Hype auslöste.
Direkt auf Platz 1 der US-Kinocharts
Wobei, eigentlich ist auch die Serie nicht der Anfang. Denn die Backrooms waren schon vorher Internet-Folklore, zurückzuführen auf ein Meme auf dem Imageboard 4Chan und auf die Obsession vieler junger Menschen im Internet mit sogenannten „Liminal Spaces“: Scheinbar alltägliche Räume wie Durchgangshallen oder Einkaufszentren, die unheimlich wirken, weil sie komplett verlassen sind.
Es rankten sich bereits viele Mythen um die Backrooms, bevor Kane Parsons sich dem Phänomen in seiner Serie widmete. Er erfand eine Hintergrundgeschichte, postete immer weitere Videos, die neue Aspekte der Räume beleuchteten, und zog damit nicht nur die Aufmerksamkeit von Millionen Zuschauenden und Miträtselnden, sondern auch die großer Filmproduktionsfirmen auf sich.
Parsons unterschrieb schließlich einen Deal mit A24, bekannt für hippe Arthouse-Filme wie „Marty Surpreme“, und ist jetzt mit 20 Jahren der jüngste Regisseur, der je auf Anhieb Platz 1 der US-Kinocharts belegen konnte. Die Gen Z hat Horror damit fest in der Hand: Der 26-jährige Curry Baker hat gerade erst mit „Obsession“ einen Überraschungserfolg an den US-Kinokassen gefeiert. Der Film startet nächste Woche in Deutschland und wird nun oft in einem Atemzug mit „Backrooms“ genannt.
Statt Software jetzt ein riesiges Set
Ganz vergleichbar sind die beiden Projekte allerdings nicht, denn während „Obsession“ mit einem Mikrobudget gedreht wurde und durch Mundpropaganda – und natürlich das Internet – groß geworden ist, hat A24 sich den Erfolg von „Backrooms“ durchaus etwas kosten lassen.
Statt seine surrealen Räume mit 3-D-Software wie Blender zu kreieren, konnte Parsons „Backrooms“ in einem riesigen Set drehen, zwei Oscar-nominierte Hollywood-Stars sind in den Hauptrollen zu sehen: Chiwetel Ejiofor („12 Years a Slave“) spielt Clark, ein frustrierter Möbelhaus-Besitzer, der eigentlich mal Architekt werden wollte, gerade von seiner Frau verlassen wurde und ein Alkoholproblem hat. Renate Reinsve („Sentimental Value“) ist seine Therapeutin Mary Kline, die versucht, ihm und ihren anderen Klienten zu helfen, aber selbst von einem Kindheitstrauma heimgesucht wird, von dem sie sich nicht lösen kann.

© PR/A24
Mary ist skeptisch, doch Clark ist entschlossen, weiter vorzudringen, und verpflichtet seine beiden jungen, dauerbekifften Angestellten, mit ihm in die Backrooms zu gehen und zu filmen. Was folgt, ist eine körnige Videoaufnahme, die an „Blair Witch Project“ und Parsons YouTube-Filme erinnert und wirklich furchteinflößend ist.
Zwei verlorene Seelen mit Erwachsenenproblemen
Viele Schockmomente gibt es in „Backrooms“ ansonsten nicht, der Film wird getragen von der sehr eigenen Ästhetik und der unheimlichen Atmosphäre, die Parsons und sein Kameramann Jeremy Cox meisterhaft aufbauen. Die Vibes sind definitiv da, am Plot – das Drehbuch kommt von Will Soodik, der vorher für Serien wie „Westworld“ schrieb – hätte man noch etwas schrauben können.
Denn auch großartige schauspielerische Leistungen von Ejiofor und Reinsve können nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihre Charaktere recht grobschlächtig gezeichnet sind: zwei verlorene Seelen mit klischeehaften Erwachsenenproblemen. Als irgendwann ein Wissenschaftler (Mark Duplass) auftaucht, der das ganze Phänomen halbherzig zu erklären versucht, eigentlich wohl aber nur als Vehikel für die bereits geplante Fortsetzung dient, haben die Backrooms schon etwas von ihrer Faszination verloren.