US-Comiczeichner dokumentieren ICE-Gewalt: Mit dem Stift gegen Trump und die Monster-Truppen
Eine Schaufel im Schnee. Das ist alles, was von ihrem lateinamerikanischen Nachbarn vor seinem Haus geblieben ist, als ihn kürzlich die ICE-Beamten holten, während er den Weg freischippte – und möglicherweise auch das Auto, das seitdem unbenutzt an der Straße steht, und von dem die Nachbarn nicht wissen, wem sonst es gehören sollte.
Nur vier Bilder braucht die Zeichnerin K. Woodman-Maynard aus Minneapolis, um mit sparsamem Strich die Tragweite eines Vorgangs zu vermitteln, der sich so ähnlich in den vergangenen Monaten hunderttausendfach in den USA abgespielt hat. Ihr Kurz-Comic ist einer von Dutzenden über die Massenabschiebungen und das gewalttätige Vorgehen der US-Einwanderungsbehörde ICE, die in den vergangenen Tagen unter dem Titel „Ice Out Comics“ auf Instagram veröffentlicht wurden.

© K. Woodman-Maynard
Zehntausende haben den Comic mit der Schneeschippe auf der für künstlerische Beiträge besonders populären Plattform bislang gesehen, mehr als 3000 haben ihn mit einem Herz markiert, etliche Male wurde er weiterverbreitet. Und Dutzende Menschen haben Kommentare wie diese neben der Bilderfolge hinterlassen: „Diese Geschichten müssen unbedingt erzählt werden, deine Illustrationen sind kraftvoll und wunderschön. Mach weiter so, wir leisten Widerstand, so gut wir können.“
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Auch die anderen Comics der am 16. Januar gestarteten Aktion haben viel Zuspruch von Menschen bekommen, die der Trump-Regierung kritisch gegenüberstehen.

© K. Woodman-Maynard
Die Idee zu „Ice Out Comics“ kam K. Woodman-Maynard, nachdem sie Mitte Januar einen Comic in der „Washington Post“ veröffentlicht hatte, der die aktuelle Lage in Minneapolis und ihre Beziehung zu der Stadt und ihren Menschen thematisierte.
Die Metropole im mittleren Westen der USA steht derzeit im Zentrum der Auseinandersetzungen um das rigorose Vorgehen der US-Einwanderungsbehörde ICE. Deren mehr als 22.000 Mitarbeiter führen derzeit die härteste Abschiebungsoffensive der USA seit vielen Jahren durch, sie agieren martialisch, maskiert und oft mit Waffengewalt.
Mehr als 600.000 Abschiebungen gehen bislang auf ihr Konto, Zehntausende Migranten wurden in Gewahrsam genommen – und mehrere Menschen starben bei tödlichen Schusswaffenvorfällen, darunter Renee Nicole Good und Alex Pretti, die beide in Minneapolis von Mitarbeitern der US-Grenzschutzbehörde erschossen wurden.
Ich möchte, dass die Menschen diese Comics lesen und emotional verstehen, wie schwerwiegend und schrecklich das ist, was hier in Minneapolis und anderswo geschieht.
K. Woodman-Maynard, Comiczeichnerin aus Minneapolis
„Ich möchte, dass die Menschen diese Comics lesen und emotional verstehen, wie schwerwiegend und schrecklich das ist, was hier in Minneapolis und anderswo geschieht“, sagt Zeichnerin Woodman-Maynard dem Tagesspiegel, „und dass sie alles in ihrer Macht Stehende tun, um die weitere Ausbreitung zu verhindern.“

© K. Woodman-Maynard
In einem anderen Comic für „Ice Out Comics“ beschreibt die Zeichnerin einen Akt von Zivilcourage, den sie in ihrem Viertel beobachtet hat: Jeden Freitag, wenn die Moschee in ihrer Nachbarschaft gut besucht ist, kreisen ICE-Beamte mit ihren Fahrzeugen bedrohlich um das Gotteshaus. Eine Gruppe von Nachbarn hat sich zusammengetan, um die Moschee mit einer Menschenkette zu schützen, erklärt die Zeichnerin im dritten Panel: „Aktionen wie diese gibt es in ganz Minneapolis – auch an Tagen wie heute, wenn es draußen minus 21 Grad Celsius ist.“
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Thomas Greven ist Privatdozent für Politikwissenschaft an der FU Berlin und Autor des demnächst erscheinenden Buches „Das internationale Netz der radikalen Rechten“.
Das sieht Woodman-Maynard ähnlich: „Ich glaube an die transformative Kraft von Comics, wenn es darum geht, Emotionen zu verarbeiten“, sagt sie. „Wenn ich meine Comics teile und die Comics anderer Leute über ICE sehe, wird mir klar, wie viele von uns etwas sehr Ähnliches erleben, insbesondere auf emotionaler Ebene.“ Sie habe auch von Zeichnerinnen und Zeichnern gehört, dass sie beim Erstellen der Beiträge eine Katharsis empfinden: „Indem sie die Comics teilen, öffnen sie sich der Kraft der Verbundenheit und der Unterstützung ihrer Community.“
Gestartet hatb Woodman-Maynard die Aktion „Ice Out Comics“ gemeinsam mit zwei befreundeten Zeichnern, die ebenfalls in Minneapolis leben, Jason Walz und Trung Le Nguyen.
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© Jason Walz
„In erster Linie möchten wir, dass die Welt versteht, wie schrecklich die Lage hier in Minneapolis tatsächlich ist“, erzählt Walz im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Wir haben das Gefühl, dass Minneapolis zu einer roten Linie für Verfassungsrechte und Demokratie geworden ist, und da wir uns nicht vor den Verantwortlichen beugen, sind wir auch zu einem Schlachtfeld geworden.“
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© Jason Walz
© Jason Walz
© Jason Walz
© Jason Walz
„Meine Comics werden niemanden davon überzeugen, dass seine politische Meinung falsch ist, und sie werden wahrscheinlich auch keinen Trump-Anhänger dazu bewegen, anders zu wählen“, sagt Walz. „Aber ich hoffe, dass diese Comics jeden ansprechen, der über ein gewisses Maß an Empathie und Mitgefühl verfügt, damit er versteht, welche menschlichen Konflikte hier in Minneapolis tatsächlich stattfinden.“
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Für Zeichner Trung Le Nguyen ist die aktuelle Verschärfung der Lage in den USA auch mit Sorge um das eigene Wohlergehen verbunden. Er kam in einem vietnamesischen Flüchtlingslager auf den Philippinen zur Welt, lebt seit 35 Jahren in den USA und hat einen amerikanischen Pass. Den trägt er jetzt im Gegensatz zu früher immer bei sich, wie er in einem persönlichen Comic schildert – Menschen, die aufgrund ihres Aussehens für Ausländer gehalten werden, geraten in den USA besonders häufig in die Fänge der ICE-Beamten.

© Trung Le Nguyen

© Trung Le Nguyen

© Trung Le Nguyen

© Trung Le Nguyen
„Für mich ist es eine Möglichkeit, meinen Lesern zu vermitteln, dass diese Ereignisse für mich persönlich sind“, sagt Nguyen dem Tagesspiegel. „Ich mache mir Sorgen, dass wir gegenüber der Gewalt dieser Regierung völlig abgestumpft sind, und hoffe, dass ein kleiner Comic-Tagebuchbeitrag den Menschen hilft zu verstehen, dass nichts davon für uns nur rhetorisch ist.“
Die wahren Monster
Neben Gruppenprojekten wie „Ice Out Comics“ haben US-Zeichnerinnen und Zeichner in den vergangenen Wochen die aktuelle Zuspitzung der Lage mit zahlreichen anderen Veröffentlichungen dokumentiert und kommentiert. Eine der bekanntesten Independent-Zeichnerinnen der USA ist Lynda Barry. Sie hat in ihren Arbeiten immer wieder surrealistische Elemente benutzt und fantastische Kreaturen und Monster darin agieren lassen. Ein Comic, den sie kürzlich mit ihren gut 70.000 Leserinnen und Lesern auf Instagram geteilt hat, trägt den Titel: „I’ve never seen the real monsters until now“ (Die wahren Monster habe ich jetzt zum ersten Mal gesehen).

© Lynda Barry
In 15 Bildern schildert Barry, wie sie als Kind mit ihrer von den Philippinen stammenden Großmutter Horrorfilme schaute, für die die alte Dame ein Faible hatte. „Meine Oma hat vier Jahre Krieg in Manila überlebt – sie wusste, dass die Monster echt sind“, schreibt Barry in einem Panel. Im nächsten zeigt sie dann ein Bild von drei ICE-Beamten, die einen wehrlosen Mann auf dem Parkplatz eines Heimwerkermarkts zu Boden ringen, darüber die Worte: „Die wahren Monster habe ich jetzt zum ersten Mal gesehen.“ Und im nächsten Panel: „Meine Oma würde wollen, dass ich gegen sie kämpfe. Ich denke, ich hoffe, dass die guten Geister auf unserer Seite sind“.
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Lynda Barrys Comic wurde inzwischen hunderttausendfach angeschaut, mehr als 10.000 Menschen haben ein Herz hinterlassen, Dutzende haben ihn kommentiert und der Zeichnerin dafür gedankt.
Ich bin fest davon überzeugt, dass es wichtig ist, uns einander daran zu erinnern, dass wir nicht allein sind.
Mike Dawson, Comiczeichner
Mike Dawson aus New Jersey kommentiert schon länger die Politik der Trump-Regierung mit kurzen Comics auf seinem Instagram-Kanal. In einem am Montag veröffentlichten Mini-Comic reagiert er auf die Tötung von Alex Pretti am Wochenende in Minneapolis. Der Fokus liegt auf zwei Bildern, die er nebeneinander zeigt: eines vom Sturm auf das US-Kapitol in Washington im Januar 2021 durch Anhänger des damals abgewählten Präsidenten Trump – und eines von bewaffneten ICE-Beamten bei einem rabiaten Einsatz.

© Mike Dawson
Beide Bilder haben den gleichen Aufbau. „Es ist dasselbe Bild“, sagt eine Frau im dritten Panel. Es ist die Figur Pam aus der populären Serie „The Office“: Eine Szene mit ihr, in der sie einen Kollegen auffordert, Unterschiede in zwei identischen Bildern zu finden, ist ein populäres Internet-Motiv, das Dawson hier zitiert.
„Sie haben Alex Pretti am helllichten Tag ermordet und dann seinen Namen beschmutzt, und sie würden dasselbe mit jedem von uns machen“, schreibt der Zeichner neben seinem Comic. „Dies ist in der Tat die Zeit der Monster, aber es ist auch die Zeit des unglaublichen Widerstands und des Lichts. Es war beeindruckend zu sehen, wie Minneapolis sich für seine Nachbarn einsetzt, zusammenhält und Widerstand leistet. Ein Vorbild für uns alle.“
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„Ich bin fest davon überzeugt, dass es wichtig ist, uns einander daran zu erinnern, dass wir nicht allein sind“, sagt Mike Dawson dem Tagesspiegel. „Das kann auf kleine Weise geschehen, beispielsweise durch Online-Comics, die eine bestimmte Sichtweise vermitteln, aber auch auf große Weise, wie durch die No-Kings-Proteste und nun durch die unglaublichen Widerstandsaktionen, die die Menschen in Minneapolis im vergangenen Monat gezeigt haben.“
Diese Comics produzieren eine intensive Gemeinschaftserfahrung.
Politikwissenschaftler Thomas Greven
Comics wie diese „produzieren eine intensive Gemeinschaftserfahrung“, sagt Politikwissenschaftler Thomas Greven. „Allerdings bleibt diese wohl auf die ‚Bubble‘ der Gegner der ICE-Einsätze und der Politik der Regierung beschränkt. Und natürlich auf die vergleichsweise kleine Welt der Comicleser.“
Im politischen Spektrum seien diese Comics „im links-progressiven Spektrum zu verorten“, sagt Greven. „Sie drücken dementsprechend Sympathien mit den Opfern der ICE-Aktivitäten und Kritik an der Regierung aus, direkt oder indirekt – zum Glück ohne Aufrufe zur Eskalation.“ Was bisher fehle – „wenig überraschend in der extrem polarisierten Medienlandschaft der USA“ –, sind aus Grevens Sicht „Versuche, jenseits der eigenen Perspektive über Möglichkeiten nachzudenken, die Situation zu befrieden“.

© K. Woodman-Maynard

© K. Woodman-Maynard

© K. Woodman-Maynard

© Nora Krug / FAZ
Im Februar 2026 hat sie in ihrer Text-Bild-Arbeit mit dem Titel „Wir Einwanderer sind die Vereinigten Staaten“ die Erfahrungen einer seit 23 Jahren ohne gültige Papiere in New York lebenden Migrantin aus Mexiko thematisiert, die zu jenen Menschen gehört, deren Abschiebung der kurz zuvor zum zweiten Mal vereidigte Präsident Trump angekündigt hatte. Kurz zuvor hatte die „Washington Post“ bei der Künstlerin wegen einer Geschichte zu einem Thema ihrer Wahl angefragt.
Aber diesen Trump-kritischen Beitrag lehnte die Zeitung dann doch ab. Stattdessen wurde Krugs Arbeit auf Deutsch in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ publiziert. Hier veröffentlichen wir ihn mit freundlicher Genehmigung von Krug und der FAZ erneut.