So gut ist der neue „Tatort“: Armageddon im Kommissariat

Tragisch missglückter Überfall auf einen Geldautomaten in der Ludwigshafener Innenstadt. Der polizeibekannte Dennis Lohberg kommt bei der Automaten-Sprengung ums Leben. Eine der Geldkassetten fehlt. Ist ein Komplize geflohen und hat den Kumpel liegen gelassen? „Tatort: Explosive Mischung“ (Sonntag, ARD, 20:15 Uhr, ARD Mediathek).
Lohberg war Kopf der „Schlachthof-Gang“ im Kiez, zu der auch sein Bruder Chris (Filip Schnack) gehörte. Während Kommissarin Johanna Stern (Lisa Bitter) den Tathergang rekonstruiert und Kollegin Mara Herrmann undercover Dennis’ Ex-Freundin beobachtet, befragt Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) den selbst ernannten Aufpasser im Viertel, Ulf Meisner (Christian Schneeweiß).
Wir übernehmen die Aufgaben, die Sie nicht mehr hinbekommen.
Ulf Meisner (Christian Schneeweiß), der sich zum Aufpasser im Kiez ernannt hat, im „Tatort“ zu Kommissarin Odenthal
Der rühmt sich, dort zu handeln, wo staatliche Macht nicht durchgreift („Wir übernehmen die Aufgaben, die Sie nicht mehr hinbekommen“), bietet Antiaggressionskurse für Jungs wie Dennis an, hat sich selbst im häuslichen Umfeld aber nicht im Griff.
Als sich mit Odenthals jungem Kollegen Nico Langenkamp ein weiterer Polizist undercover in die Gang einschleust, eskaliert die Lage mit einer doppelten Geiselnahme im Kommissariat.
Relativ schnell wird klar, wer hier der Mörder ist, zu schnell. Offenbar hat Martin Eigler (Buch und Regie) seinem Krimi-Konstrukt – verrohte Jugendliche und Straßen-Gewalt, häusliche Gewalt von Alphamännern, Misstrauen gegen den Staat – nicht ganz vertraut.
Spitzt er doch seine Geschichte mit einem der längsten SEK-Einsätze der „Tatort“-Geschichte zu: Blendgranaten mitten im Polizeirevier, Schüsse, Ermittlerinnen in Lebensgefahr, Eskalationsschraube, das ganze Besteck. Fast wie Hollywood.
Die Gewalt, die auf den Straßen beginnt, landet im Herzen der Polizei – diese Idee ist interessant, aber müssen es im Kommissariat gleich zwei (!) Geiselnahmen sein, die sich untereinander auch noch in die Quere kommen? Da wird dann mal eben der „Armageddon“ ausgerufen. Sheriff Meisner gegen die Jugendgang, gegen das SEK, wie im Wilden Westen.
Das ist alles ziemlich starker Tobak, aber immerhin der Versuch, die – oft etwas blässliche – „Tatort“-Stadt Ludwigshafen mit viel blaugrünem Licht, bellenden Hunden, Glücksspielautomaten, rauchendem Pflaster, fiebriger Musik, Splitscreen, Alphamännern und Schlachthof-Gang als Pulverfass zu verkaufen. Mit einer zunehmend zersplitterten Gesellschaft, in der manche das Recht in die eigene Hand nehmen.