„Man darf solche Spieler nicht aufgeben“: Trotz starker Zahlen wachsen die Zweifel an Florian Wirtz

Die Tabelle lügt, heißt es im Fußball oft. Ganz im Gegensatz zur Statistik, die zahlreiche Experten und Analysten mittlerweile gerne interpretieren, um Rückschlüsse auf die Leistung eines Spielers oder eines Teams zu ziehen. Von der Packing-Rate bis hin zu den verschiedensten xG-Modellen, also etwa erwarteten Toren oder Vorlagen, lässt sich mittlerweile so gut wie jede Aktion auf dem Rasen bis ins kleinste Detail auseinandernehmen.

Im Fall von Florian Wirtz hingegen ist es einfach. Es braucht keine große Expertise, um zu erkennen, dass 20 herausgespielte Chancen in sieben Spielen in der Premier League ein herausragender Wert sind. Der 23-jährige Spieler des FC Liverpool führt damit sogar die Statistik in der Liga an.

Und doch würde jemand wie Jamie Carragher wahrscheinlich bemängeln, dass von diesen 20 herausgespielten Chancen allein neun beim jüngsten Sieg über den FC Brentford zustande kamen, als Liverpool die gesamte zweite Halbzeit in Überzahl spielte. Und dass Wirtz in den Spielen zuvor unterperformte. „Ich denke, er muss aus der Mannschaft herausgenommen werden“, sagte der ehemalige Liverpooler Verteidiger kürzlich. Carragher ist einer der lautesten Kritiker von Florian Wirtz und sagte, dass er Liverpool weder defensiv noch im Angriff etwas bringe.

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Vorlagen sammelte Florian Wirtz in der bisherigen Spielzeit, aber noch kein Tor.

Seit der deutsche Nationalspieler im vergangenen Sommer zum englischen Topklub wechselte, konnte er die großen Erwartungen an ihn kaum erfüllen. Für 116 Millionen Pfund (etwa 137,8 Millionen Euro) als einer der begehrtesten Spieler Europas eingekauft, enttäuschte er mit einer Ausbeute von sieben Toren und zehn Vorlagen aus 49 Pflichtspielen in seiner Premierensaison.

Auch in dieser Spielzeit überzeugt er noch nicht. Wirtz läuft bislang zwar am drittmeisten in der gesamten Premier League pro 90 Minuten, hat nach neun Spielen aber erst drei Vorlagen und noch kein Tor auf dem Konto. Und doch gibt es auch einige prominente Stimmen, die immer wieder auf seine außergewöhnlichen Fähigkeiten verweisen. „Er ist ein Talent, er ist jung – man darf solche Spieler nicht aufgeben. Er braucht Unterstützung. Die Spieler um ihn herum auf dem Platz müssen auch besser werden“, sagte etwa Steven Gerrard, langjähriger Liverpool-Kapitän.

In der vergangenen Saison hat er manchmal den Ball punktgenau auf den Fuß eines Mitspielers gespielt, und der hat dann trotzdem nicht getroffen.

Andy Robertson über seinen ehemaligen Teamkollegen Florian Wirtz

Wirtz’ ehemaliger Mitspieler Andy Robertson stärkte ihm kürzlich ebenfalls den Rücken, indem er die Leistung des gesamten Teams in der vergangenen Saison als schwach bezeichnete. Das habe Robertson zufolge viel mit dem Tod von Diogo Jota zu tun gehabt. „Die Neuzugänge kamen zu einem Klub, der am Boden zerstört war. Deshalb taten mir diese Jungs so leid: Sie hatten für viel Geld unterschrieben“, sagte Robertson und mit Blick auf Wirtz: „In der vergangenen Saison hat er manchmal den Ball punktgenau auf den Fuß eines Mitspielers gespielt, und der hat dann trotzdem nicht getroffen – er braucht Leute, die Tore schießen. Er hätte in der vergangenen Saison locker 10 bis 12 Vorlagen erzielen können.“

Womit wir wieder beim Thema Zahlen angekommen wären. Denn es lässt sich nicht bestreiten, dass eine gewisse Diskrepanz zwischen dem Florian Wirtz der Statistik und dem auf dem Platz besteht. Zwar gibt es immer wieder Szenen, in denen der Offensivstar seine Qualitäten mit einem starken Dribbling oder einer kreativen Spieleröffnung zeigt, allerdings deutlich mehr in der Champions League oder im deutschen Nationalteam und weniger in der Premier League.

Eine Erklärung könnte die deutlich höhere Physis in England sein, die Wirtz‘ leichtfüßiger Art, Fußball zu spielen, nicht unbedingt entgegenkommt. Als er mit dem DFB-Team gegen Gegner wie Serbien und Griechenland oder mit Liverpool in der Champions League gegen den österreichischen Erstligisten Linzer ASK antrat, hatte Wirtz deutlich mehr Platz im Zentrum. Seine Spielweise entfaltete sich sofort.

Passt der englische Fußball zu Florian Wirtz?

Heißt das im Umkehrschluss, dass der 23‑Jährige in einer anderen Liga vielleicht besser aufgehoben wäre? Etwa in der spanischen, wo ein kontrolliertes Ballbesitzspiel deutlich ausgeprägter ist, oder beim FC Bayern München, der wohl vor Kurzem einmal mehr sein Interesse bekundet haben soll.

Berichten zufolge möchte Wirtz jedoch an der Anfield Road bleiben, und auch Liverpool ist nicht gewillt, ihn ziehen zu lassen. „Bradley (Barcola, d. R.) und Flo hatten, wie alle anderen auch, gute und schlechte Spiele, aber wir kennen ihr Niveau. Sie sind Spieler, denen ich zu 100 Prozent vertraue“, sagte Liverpools Trainer Andoni Iraola. „Manchmal konzentrieren wir uns zu sehr auf die Zahlen.“

Letztlich zählen für einen Offensivspieler allerdings die Scorerpunkte und in diesem Punkt hat der deutsche Ausnahmespieler noch Luft nach oben. Das weiß auch sein Trainer – Zahlen hin oder her.