Literaturnobelpreis für Anne Carson: Liebe ist die Pein der Liebe wert

Man muss zunächst von einer einigermaßen konservativen Entscheidung sprechen, die die Schwedische Akademie mit ihrer Wahl der kanadischen Autorin Anne Carson als diesjährige Literaturnobelpreisträgerin getroffen hat. Denn Carson, die 1950 in Toronto geboren wurde, gehört seit Jahren zum engsten Favoritenkreis für die höchste literarische Auszeichnung, die es auf der Welt gibt.

Dieses Jahr scheinen sich die 18 Jurorinnen und Juroren grundlegend und intensivst in das vielfältige, weitverzweigte Werk dieser Dichterin versenkt zu haben, um sie endlich für überragend genug zu befinden. Was wiederum auch bedeutet, dass Carsons Landsfrau Margaret Atwood, die ebenfalls die vergangenen Jahre stets als Favoritin gehandelt wurde, den Literaturnobelpreis nicht mehr bekommen wird.

Die Entscheidung für Carson ist überdies eine primär ästhetische. Ganz bewusst, so scheint es, hat die Akademie dem immer mal wieder auf sie ausgeübten Druck widerstanden, mit ihrer Wahl ein politisches Statement abzugeben, obwohl man auch dieses Mal subtile politische Strömungen erkennen könnte. Carson ist tendenziell mehr „Writer’s Writer“ mit durchaus jüngeren Fans, aber sicher keine Publikumsautorin. Die Literatur vieler Jahrhunderte bis zurück zur Antike ist unabdingbar für ihre eigene Literatur.

Carson ist Altphilologin

Im Erstberuf ist sie Altphilologin und Expertin für die Metrik des Griechischen. Ihr Geld verdient sie damit, in Montreal klassische griechische und römische Literatur zu lehren und zudem mit Übersetzungen. In ihren Büchern rekurriert sie bevorzugt auf antike Mythen und Erzählungen und verbindet darin Altgriechisch und Latein mit Geschichte, Anthropologie und moderner Kulturwissenschaft.

1986 veröffentlichte Carson ihr erstes Buch, „Der bittersüße Eros“, einen Essay über den „gliederlösenden“ griechischen Gott, den Sappho seinerzeit als allererste als „bittersüß“ bezeichnet hat: „Niemand, der je geliebt hat, widerspricht ihr.“ Es geht in dem Essay, der auf Carsons Doktorarbeit beruht, zwar auch um Liebe, Lust und Eifersucht, aber gleichzeitig ist dieser selbst ein poetisches Traktat, in dem Homer und Sophokles genauso herangezogen werden wie Kafka oder Kundera.

ARCHIV - 05.08.2015, Schweden, Stockholm: Die kanadische Dichterin Anne Carson trägt am 5. August 2015 im Moderna Museet in Stockholm ihr Werk „Antigonick“ vor. Anne Carson, kanadische Dichterin und Essayistin, hat den Nobelpreis für Literatur 2026 gewonnen. Foto: Pontus Lundahl/TT News Agency/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Die kanadische Dichterin Anne Carson 2015 in Stockholm.

© dpa/Pontus Lundahl

Schon in diesem Debüt ließ sich erkennen, dass Carson mehr als nur eine literarische Form beherrscht, und so mischt sie Lyrik, Poesie, Prosa, Drama und Essay. Beispielsweise in auch ins Deutsche übersetzten Büchern wie „Glas, Ironie und Gott“ mit fünf epischen Gedichten und einem Essay über das Geschlecht des Klanges. Oder Carson schrieb ein Buch wie die „Anthropologie des Wassers“, mit Texten, die lyrische Formen, Prosa, Pop und anthropologische Erkenntnisse in Verbindung treten lassen.

Und dann ist da noch ihr vielleicht erfolgreichstes und bekanntestes Buch, „Rot“. Dieser Versroman besteht aus 47 poetischen Abschnitten, erzählt die Geschichte des mythischen Außenseiters und schließlich von Herakles getöteten Monsters Geryon und transferiert diese sprachlich zwischen Lyrik und Prosa changierend in die Gegenwart. Beide finden sich als homosexuelle Teenager wieder: „Liebe ist die Pein der Liebe wert“, heißt es einmal. Dazu steht im bildlichen Hintergrund eine vulkanische Landschaft: „Wie die Erdkruste, die / im Verhältnis zehnmal so dünn ist wie Eierschalen, ist auch die Haut der Seele / ein Wunder des Druckausgleichs.“

Liebesübungen mit Marcel Proust

Die antike Welt ist für Carson ein großes Reservoir, das für die Gegenwart von Bedeutung sein kann, aber in keiner Weise muss. Wie sagte sie es in einem Interview, angesprochen auf die aktuelle Relevanz der antiken Mythen, Vorstellungen, Ideen und Helden in ihrem Werk: „Sie bilden die Wurzel all dessen, was daraus wuchs und die Bäume formte, auf denen wir heute leben – sie sind frisch, die Ideen noch unbeschwert. (…) Die Neuheit der Welt dämmert den Griechen selbst immer wieder, als würde ihnen das erstmals auffallen.“

Was Carson ansonsten gern tut: sich in einzelne Wörter zu versenken, diese zu untersuchen, mit der Sprache zu experimentieren, sie zu dehnen und ihr Neues abzugewinnen. Oder Kürzestgeschichten ohne Handlung zu schreiben, etwa, naheliegenderweise, eine über Gertrude Stein, „gegen 9 Uhr 30: Wie seltsam. Ich hatte keine Ahnung. Der Tag ist vorbei.“ Oder, für jeden Proust-Fan eine große Freude, in 59 Liebesübungen (+ Appendices) kurzerhand dem Verhältnis von Marcel und Albertine nachzuspüren, auch mithilfe von anderen Proust-Exegeten wie Samuel Beckett oder Roland Barthes.

Geehrt werde Carson „für ihr kühnes und einfallsreiches Werk“, so die Schwedische Akademie in ihrer Begründung, dieses habe „im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die zeitgenössische Literatur geschaffen“.

Obwohl einige Bücher von Anne Carson schon lange ins Deutsche übersetzt worden sind, bei verschiedenen Verlagen wie Piper, S. Fischer, Matthes & Seitz, Wallstein und dem Wiener Turia und Kant Verlag, gilt es, dieses Werk jetzt wirklich zu entdecken. Das könnte nicht ganz leicht, aber sicher ein ästhetisches Vergnügen sein.