Der „Tatort“ aus Bremen : Mord im Studentenmilieu und ein Wiedersehen mit Prince
Ein sehr blaues Auge für die Ermittlerin Linda Selb. Bei der Verfolgung eines Verdächtigen wird sie zusammengeschlagen. Kollegin Liv Moormann bekommt „Prince“ an die Seite gestellt, den smarten, gut aussehenden Patrice Schipper vom KDD (Kriminaldauerdienst): „Tatort: Wenn man nur einen retten könnte“ (Sonntag, ARD, 20:15 Uhr).
So ganz reibungslos (und vorurteilsfrei) ist die Chemie zwischen Moormann (Jasna Fritzi Bauer) und „Prince“ (Tijan Njie) zunächst nicht, was die Ermittlungen im Fall der Jurastudentin Annalena Höpken (Annika Gräslund), die morgens in der Nähe eines Nachtclubs tot aufgefunden wird, erschwert – bis zum ersten Abendessen der beiden.
Höpken wurde offenbar eine Treppe hinuntergestoßen und starb an einem Genickbruch. Zuvor hatte sie massive Auseinandersetzungen in ihrer vierköpfigen Wohngemeinschaft und immensen Leistungsdruck an der Uni.
Besonders verdächtig bei all dem: der schnöselige, unsympathische WG-Kollege Hannes Butenbeker (Michael Schweisser). So schnöselig und unsympathisch, dass relativ schnell klar ist, dass Höpkens Mörder eher im familiären Umfeld der Getöteten zu suchen ist: bei ihrer verschuldeten, überforderten Mutter (Catrin Striebeck) und Schwester Betty (Mathilda Smidt), die einen sehr engen Kontakt zum Nachtclubbesitzer Mike Harnisch (Niklas Marian Müller) hat, jenem Club, vor dem Höpken tot aufgefunden wurde.
Außerdem gerät noch der Obdachlose Emil Klaßen (Robin Bongarts), der Selb attackiert hatte und das Handy der Toten bei sich trug, in den Kreis der Verdächtigen.
Dieser Typ hat eine große Portion Leichtigkeit. Für Liv ist das erstmal fremd und fordert sie richtig, aber sie lässt sich darauf ein.
Jasna Fritzi Bauer, die als „Tatort“-Kommissarin Liv Moormann erstmals mit dem KDD-Kollegen Patrice Schipper (Tijan Njie) ermittelt
Eine erquickliche Anzahl an potenziellen Tätern und Motiven also, was Kern und Anliegen der Geschichte etwas überdeckt: von der Atemlosigkeit unserer leistungsfixierten Gegenwart zu erzählen, sagen die Drehbuchautorinnen Elisabeth Herrmann und Christine Otto.

© Radio Bremen/Magdalena Stengel/Radio Bremen/Magdalena Stengel
Der Ausgangspunkt für „Wenn man nur einen retten könnte“ sei ein reales Erlebnis, das die Autorinnen erschüttert hat: eine junge Frau, die über Jahre vorgibt, Jura zu studieren, und nicht den Mut findet, ihren Eltern zu gestehen, dass sie das Studium einfach nicht mehr schafft.
Hier zeige sich exemplarisch, unter welchem emotionalen Druck junge Erwachsene stehen. Über allem schwebt die schwarze Wolke des „Immer-funktionieren-Müssens“, an der Uni, beim Sex, im kreativen Ausdruck.
Kritische Zeitgenossenschaft also und spannende Krimi-Unterhaltung, Aufklärung und Verbrechen – diesem „Tatort“-Konzept kommt dieser Krimi weitestgehend nach, auch wenn man schon bessere Bremer Ausgaben gesehen hat. Man bleibt den Figuren, gerade auch der Familie Höpken, bei aller Tragik und schwarzen Wolken seltsam fern.
Vielleicht hat die Ermittlerin Linda Selb (Luise Wolfram) gefehlt, die am Ende aus dem Krankenhaus in den Dienst zurückkehrt. Den Kollegen „Prince“ würden wir aber auch gerne wiedersehen. Das erste Abendessen mit der Moormann war recht vielversprechend.