„Wir erleben Kinder, die noch nie im Wasser gewesen sind“: Sicher schwimmen zu können, soll wieder selbstverständlich werden
Die Zahlen sind erschreckend: 20 Prozent der Kinder, die die Grundschule verlassen, können nicht schwimmen. 40 Prozent schwimmen nicht sicher. Häufig betroffen sind vor allem Kinder aus einkommensschwachen Familien. Das vom Bund neu aufgelegte Förderprogramm „Deutschland lernt Schwimmen“ soll das ändern, indem bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden. Bis 2029 werden dafür insgesamt 20 Millionen Euro investiert.
Ob ein Kind schwimmen lernt oder nicht, hängt in Deutschland zunehmend davon ab, wo es aufwächst und wie viel Geld seine Eltern verdienen. Das zeigt eine repräsentative Forsa-Befragung, die die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) 2022 in Auftrag gegeben hat.
Während in Familien mit einem monatlichen Nettoeinkommen von mindestens 4.000 Euro nur zwölf Prozent der Kinder zwischen sechs und zehn Jahren nicht schwimmen können, sind es in Familien mit weniger als 2.500 Euro Einkommen 49 Prozent. Der Anteil der Nichtschwimmer unter den Grundschulkindern hat sich zwischen 2017 und 2022 von zehn auf 20 Prozent verdoppelt.
Mit dem neuen Modellvorhaben „Deutschland lernt Schwimmen“ will die Bundesregierung gemeinsam mit dem Deutschen Schwimm-Verband (DSV) und der DLRG mehr Kindern die Möglichkeit geben, schwimmen zu lernen. Bei einer Pressekonferenz am Mittwoch im Berliner Stadtbad Tiergarten stellte Staatsminister Ronald Rauhe das Programm vor.
Sicher schwimmen zu können, sollte eigentlich für alle eine Selbstverständlichkeit sein.
Ronald Rauhe, Sportstaatsminister
Der ehemalige Kanute und zweifache Olympiasieger weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig die Sicherheit im Wasser ist. „Sicher schwimmen zu können, sollte eigentlich für alle eine Selbstverständlichkeit sein“, sagte Rauhe. Leider ist Deutschland von dieser Selbstverständlichkeit offenbar weit entfernt.
Warum immer weniger Kinder schwimmen können
Schwimmbäder wurden geschlossen, an anderen Orten herrscht Sanierungsstau. Besonders in ländlichen und strukturschwachen Regionen fehlen erreichbare Wasserflächen. Gleichzeitig gibt es zu wenig Schwimmlehrer:innen oder es fehlt an Transportmöglichkeiten.
DLRG-Präsidentin Ute Vogt berichtete, dass einige Ortsgruppen mehr als eine Stunde benötigen, um mit ihren Kindern zum nächsten Schwimmbad zu kommen. „Wir erleben häufig Kinder, die, wenn sie überhaupt den Weg zu uns finden, im Seepferdchenkurs ankommen und noch nie im Wasser gewesen sind“, schilderte Vogt.
20
Prozent der Grundschulkinder können nicht schwimmen
Dabei ist das Seepferdchen noch kein Nachweis dafür, ob sich ein Kind sicher im Freiwasser bewegen kann. Erst mit dem Deutschen Schwimmabzeichen Bronze, dem sogenannten Freischwimmer, haben Kinder nachgewiesen, dass sie mindestens 15 Minuten schwimmen, ins Wasser springen und tauchen können.
Nichtschwimmer:innen sind von vielen Freizeitangeboten ausgeschlossen. Jan Pommer, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Schwimm-Verbandes, bezeichnete Schwimmen bei der Pressekonferenz deshalb als eine Kulturtechnik, die Menschen ein Leben lang begleiten sollte.
Drei Säulen für mehr Schwimmunterricht
Mit insgesamt bis zu 20 Millionen Euro soll das Programm „Deutschland lernt Schwimmen“ bis Ende 2029 neue Wege erproben, um die Schwimmausbildung zu verbessern. Es baut auf drei Säulen auf: Kooperation, Koordination und Qualifizierung.
Die erste Säule setzt auf eine engere Zusammenarbeit zwischen Schulen, Kindertagesstätten, Ganztagseinrichtungen, Schwimmvereinen und Bäderbetrieben. Das Fördergeld kann beispielsweise dafür eingesetzt werden, weitere Wasserzeiten zu finanzieren oder den Transport von Kindern zu weiter entfernten Schwimmbädern zu organisieren.

© dpa/Fabian Sommer
Die zweite Säule sieht den Einsatz sogenannter Schwimmlots:innen in 15 ausgewählten Modellregionen vor. Denn oft ist es so, dass die Voraussetzungen für den Schwimmunterricht zwar gegeben wären, die verschiedenen Beteiligten aber nicht zusammenfinden. Vielleicht hat eine Schule Zugang zu einem Schwimmbad, aber keine qualifizierte Lehrkraft. Gleichzeitig gibt es in einem nahegelegenen Schwimmverein Trainerinnen oder Trainer, die unterstützen könnten.
Die dritte Säule widmet sich der Qualifizierung. Gemeinsam wollen DSV und DLRG digitale Lernangebote und Ausbildungsmaterialien entwickeln, um zusätzliche Menschen für die Schwimmausbildung zu gewinnen und ihnen den Zugang zu entsprechenden Qualifikationen zu erleichtern. Interessierte Einrichtungen und Organisationen können sich bis zum 31. Januar 2027 mit entsprechenden Projekten bewerben.
Schwimmenlernen für alle Kinder
Ein besonderes Augenmerk liegt auf Kindern, die bislang nur schwer Zugang zu Schwimmangeboten haben. Dazu gehören neben den Kindern aus Familien mit geringem Einkommen, auch Kinder mit Behinderungen.
Wie wichtig gerade der inklusive Ansatz ist, verdeutlichte die dreifache Paralympicssiegerin Kirsten Bruhn, heute Vizepräsidentin Sport im Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband Berlin. Die ehemalige Schwimmerin sprach sich dafür aus, auch die Ausbildung von Trainerinnen und Trainern stärker inklusiv zu gestalten.
Mein Sohn hält Schwimmen für die langweiligste Sportart der Welt.
Britta Steffen, Schwimmolympiasiegerin
Häufig seien es weniger die Kinder selbst als die Unsicherheiten der Erwachsenen, die den Zugang erschwerten. Bruhn appellierte deshalb, Berührungsängste abzubauen und allen Kindern die Möglichkeit zu geben, diese Erfahrung zu machen.
Auch die zweifache Schwimmolympiasiegerin Britta Steffen unterstützt das Vorhaben. Um das zu unterstreichen, berichtete die ehemalige Spitzensportlerin aus ihrem Familienalltag und erzählte, dass ihr neunjähriger Sohn zwar bereits das Bronzeabzeichen besitzt, Schwimmen aber für die langweiligste Sportart der Welt hält.
Ohne Schwimmbäder geht es nicht
Wo keine geeignete Wasserfläche vorhanden ist, lassen sich eben keine zusätzlichen Schwimmkurse anbieten. Deshalb setzt die Bundesregierung auf ein weiteres Förderprogramm. Für die Sanierung kommunaler Schwimmbäder wurden zunächst 250 Millionen Euro bereitgestellt, für eine weitere Förderrunde stehen laut Staatsminister Rauhe zusätzliche 331 Millionen Euro zur Verfügung.
Das Programm „Deutschland lernt Schwimmen“ soll deshalb zunächst erproben, welche zusätzlichen Angebote und Formen der Zusammenarbeit tatsächlich funktionieren. Erfolgreiche Modelle könnten später auf andere Regionen übertragen werden. Es ist ein Anfang.
Ein wichtiger Punkt abseits von Programmen bleibt, dass die Notwendigkeit des Schwimmenlernens auch von den Eltern erkannt werden muss. Wer früh damit beginnt, Kinder ans Wasser zu gewöhnen und das mit positiven Erfahrungen verknüpft, legt eine gute Basis für sicheres Schwimmen.