H. G. Wells‘ „Die Zeitmaschine“ als queere Neuinterpretation: „Ich kann mich in diese Zeit hineinversetzen“
Thilo Krapp arbeitet als Illustrator und hat sich in den vergangenen Jahren unter anderem mit erfolgreichen Comic-Adaptionen klassischer Science-Fiction-Erzählungen von Jules Verne („20.000 Meilen unter dem Meer“) und H. G. Wells („Krieg der Welten“) einen Namen gemacht. Jetzt hat er Wells’ Roman „Die Zeitmaschine“ aus dem Jahr 1895 als Graphic Novel umgesetzt – und inhaltlich neu akzentuiert.
Aus dem namenlosen Zeitreisenden wird bei ihm Henry, ein queerer Mann, der in der viktorianischen Gesellschaft um eine verlorene Liebe kämpft.
Im Gespräch erzählt Krapp, warum die Welt um 1900 für ihn so reizvoll ist, wie er Wells’ Zukunftsvision visuell weiterentwickelt hat – und wie er mit abwertenden Reaktionen von Lesern umgeht. (Spoiler-Warnung: Das Gespräch verrät zentrale Handlungselemente der Graphic Novel.)
Thilo Krapp, Ihre neue Graphic Novel „Die Zeitmaschine“ ist nicht nur eine Adaption des Romans von H. G. Wells, sondern auch eine Neuinterpretation. Vor allem die Hauptfigur haben Sie stark erweitert. Wie ist diese Figur bei Ihnen entstanden?
Ich hatte beim Lesen immer das Gefühl, dass mir bei der Hauptfigur eine entscheidende Motivation fehlt. Die Geschichte ist großartig, auch wegen ihrer gesellschaftlichen Dimension. Aber ich konnte nie ganz nachvollziehen, warum jemand aus rein wissenschaftlicher Neugier enorme Mühen auf sich nimmt, um eine Zeitmaschine zu bauen und damit durch die Geschichte zu reisen.
© PR/Carlsen-Verlag
Für „Der Krieg der Welten“ erhielt Krapp 2017 den Rudolf-Dirks-Award als beste Literaturadaption. Seine online veröffentlichte Science-Fiction-Liebesgeschichte „Miles & Sally“ wurde 2025 mit einem Ginco-Award als bester fortlaufender Comic ausgezeichnet.
Dieses Interview ist die redaktionell überarbeitete Kurzfassung eines Gesprächs von Tagesspiegel-Redakteur Lars von Törne mit Krapp beim Internationalen Literaturfestival Berlin Anfang September 2026.
Im späten 19. Jahrhundert mochte diese Erklärung ausgereicht haben: Der Zeitreisende ist eben ein fortschrittlicher Techniker oder Ingenieur. Heute hinterfragen wir stärker, welche Folgen Erfindungen und wissenschaftlicher Fortschritt haben.
Für eine Graphic Novel war mir diese Figur deshalb zu wenig greifbar. In einem visuellen Medium sehen wir sie ständig; wir wollen mit ihr mitfühlen. Dafür brauchte ich einen menschlich nachvollziehbaren Grund, warum sie überhaupt durch die Zeit reisen will.
Die Handlung spielt im viktorianischen England, also in einer äußerst rigiden gesellschaftlichen Ordnung. Ich habe mich gefragt, was für jemanden damals eine akute Notwendigkeit sein könnte, aus seiner Zeit zu fliehen. Als queerer Mensch konnte ich mir vorstellen, dass Henry einer verlorenen Liebe nachtrauert, die unter den gesellschaftlichen Bedingungen seiner Zeit unmöglich geworden ist. Er baut die Zeitmaschine zunächst, um zu dem Moment zurückzukehren, an dem diese Beziehung zerbrochen ist – in der Hoffnung, sie vielleicht doch noch retten zu können.
Henry ist also schwul, und Sie verbinden seine persönliche Geschichte mit der historischen Situation der 1890er Jahre.
Ja. Die Handlung setzt kurz nach dem Prozess gegen Oscar Wilde ein, der 1895 wegen seiner Homosexualität verurteilt wurde. Das war eine Zeit, in der queeres Leben besonders stark kriminalisiert und verfolgt wurde.
H. G. Wells erzählt fantastische Geschichten, die zugleich sehr fest in der Realität verankert sind. Man denkt: Das könnte tatsächlich geschehen.
Thilo Krapp
Henry trifft seinen Geliebten in einem sogenannten Molly-House – so wurden damals Orte genannt, an denen sich Männer heimlich treffen konnten. Später reist er in die Vergangenheit zurück und sucht diesen Mann noch einmal auf. Der ist irritiert, weil er Henry gerade erst kennengelernt hat und nun demselben Menschen begegnet, der aus seiner Zukunft kommt. Er macht Henry jedoch erneut klar, dass aus ihnen nichts werden kann: Er werde eine Frau heiraten, die Kanzlei seines Vaters übernehmen und Henry solle sich von ihm fernhalten.

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Sie haben neben „Die Zeitmaschine“ auch „Der Krieg der Welten“ adaptiert, außerdem Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“. Was fasziniert Sie an der Literatur des späten 19. Jahrhunderts?
Zunächst einmal der enorme Formenreichtum. Um 1900 war visuell sehr vieles möglich. Man konnte historistisch bauen, sich an Renaissance oder Barock orientieren, aber auch Mischformen entwickeln. Gleichzeitig entstanden neue Bewegungen wie der Jugendstil. Diese Epoche war ästhetisch unglaublich vielseitig.

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Die Eloi wirken frei und freundlich, sind aber von den Morlocks abhängig. Wells beschreibt damit auch eine späte Folge der Klassengesellschaft: Die Nachfahren der Besitzenden leben oben, während die Nachfahren der Arbeiter unter der Erde arbeiten. Sehen Sie eine Verbindung zwischen der Überwindung von Geschlechterrollen und der Kritik an Klassenverhältnissen?
Eine Verbindung gibt es durchaus. Die Eloi sind gewissermaßen die verwöhnten Nachfahren der ehemaligen Oberschicht. Die Morlocks, die Nachfahren der Arbeiterklasse, halten ihre Welt am Laufen, während die Eloi ein schönes, aber naives und hilfloses Leben führen.
Das Interessante ist, dass man die Eloi trotzdem mag. Ihr Umgang miteinander ist zwanglos, freundlich und frei von vielen Hierarchien. Ihr Leben wirkt zunächst beneidenswert. Gleichzeitig weiß man, dass es auf der Arbeit anderer beruht und dass die Eloi in gewisser Weise die Nachfahren jener Menschen sind, die früher über andere geherrscht haben.
Daraus entsteht eine schwierige Frage: Bleiben Menschen für immer für die Geschichte ihrer Vorfahren verantwortlich? Oder entwickeln sich aus ihnen neue Menschen, die nicht einfach mit den Taten früherer Generationen gleichzusetzen sind? Der Roman wirft diese Fragen auf, ohne sie eindeutig zu beantworten. Gerade diese Ambivalenz finde ich spannend.

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Im Roman erzählt der Zeitreisende seine Geschichte seinen Freunden. Es bleibt aber offen, ob er tatsächlich gereist ist oder ob er alles nur erfunden hat. Ihre Graphic Novel macht die Zeitreise dagegen sichtbar.
Wells arbeitet mit einem schönen Trick. Der Zeitreisende kehrt nicht völlig mit leeren Händen zurück: Er bringt eine Blume aus der Zukunft mit und gibt sie seinem Freund Filby. Der soll sie von einem Botaniker untersuchen lassen. Am Ende bleibt aber offen, ob diese Blume tatsächlich ein Beweis für die Zeitreise ist.
In meiner Adaption sehen wir, dass es diese Blume wirklich gibt und dass sie aus der Zukunft stammt. Henry erhält sie allerdings auf einem anderen Weg als bei Wells. Durch die Bilder wissen wir als Leserinnen und Leser also sicher, dass die Zeitreise stattgefunden hat. Wir wissen in diesem Punkt mehr als die Figuren innerhalb der Geschichte.
Das ist eine besondere Möglichkeit des Comics: Ich kann eine andere Beweislage schaffen, als sie der Roman hat. Die Handlung muss nicht allein durch die Aussage einer Figur glaubhaft gemacht werden. Wir sehen Henry reisen, wir sehen die verschiedenen Zeiten und können seine Erfahrungen unmittelbar miterleben.
Bei der Adaption eines Klassikers erwarte ich nie, dass alle Menschen jede Entscheidung gutheißen. Viele verbinden mit dem Original etwas sehr Persönliches.
Thilo Krapp
Auch die Zeitreise selbst mussten Sie sichtbar machen. Dabei gab es bereits sehr bekannte visuelle Umsetzungen, unter anderem in Form zweier Kinofilme. Hat Sie das beeinflusst?
Natürlich kann man sich solchen Bildern nicht vollständig entziehen. Die Verfilmung von 1960 mit Rod Taylor in der Hauptrolle ist ein großer Klassiker. Damals wurden viele gute Ideen entwickelt, um den schnellen Ablauf der Zeit zu zeigen. Zum Beispiel brennt eine Kerze in wenigen Augenblicken herunter oder eine Schnecke bewegt sich scheinbar rasend schnell. Im Comic wären das naheliegende Lösungen gewesen – drei Panels, und man sieht, wie die Zeit vergeht.
Genau deshalb konnte ich diese Bilder nicht einfach übernehmen. Ich musste andere Wege finden, Henrys Zeitreise zu visualisieren. Das war eine Herausforderung, aber auch das Spannende an einer Adaption: Man muss ein eigenes visuelles Kleid für eine bekannte Geschichte finden.
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Man spricht gelegentlich vom „Wells’schen Gesetz“: In einer Geschichte gibt es ein fantastisches Element, während alles andere realistisch gehalten wird. Ob man das als feste Regel bezeichnen kann, sei dahingestellt. Aber diese Mischung fasziniert mich sehr. Sie lenkt den Blick auf das eine fantastische Element und eröffnet gerade dadurch viele Möglichkeiten, es zu interpretieren.
Wells weiß sehr genau, worauf er die Aufmerksamkeit richten will. Das macht seine Geschichten bis heute so stark – und zu so einer ergiebigen Grundlage für neue Adaptionen.