Debatte zur Zukunft des Reichskanzleibunkers: Ein Ort, um über die Gegenwart zu debattieren

Die Debatte über die Zukunft der Reste von Hitlers Neuer Reichskanzlei, die von 1934 bis 1943 nach Plänen von Albert Speer in Berlin gebaut wurde, wird uns wohl noch einige Zeit beschäftigen.

Zur Erinnerung: Noch sind einige Bunkerwände und -räume erhalten, nachdem die DDR in den 1980ern für den Neubau von Wohnbauten an der Wilhelmstraße vieles gesprengt hatte. Der rührige Verein Berliner Unterwelten e. V. würde den Ort gerne für ein Dokumentationszentrum nutzen. Landesdenkmalamt und Landesdenkmalrat würden ihn sofort in die Denkmalliste einschreiben, was Bausenator Gaebler und Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeld aber verhindert haben. Stattdessen wollen sie einem Hamburger Investor den Bau eines Büro- und Wohnhauses genehmigen.

Unterwelten e. V. erwiderte pragmatisch, man könne ja über den Bunkerresten bauen und diese als Erinnerungsstätte nutzen. Aber die Renditespekulation des Investors beruht ja gerade darauf, die fürchterliche Geschichte des Orts auszublenden und den Bau nur über Top-Lage und Luxus-Architektur zu vermarkten.

Wichtiger als 64 Luxuswohnungen

Zahlreiche historisch bewusste Leserinnen und Leser haben mir in Zuschriften seit Debattenbeginn versichert: Man braucht diese speziellen Reste nicht, um an die Nazi-Zeit zu erinnern. Sie fordern stattdessen besseren Schulunterricht. Die Angst des Senators vor einem Wallfahrtsort teilte kaum jemand: Schließlich huldigen Rechte generell, siehe die AfD und ihre Kniebeugen vor Diktatoren wie Wladimir Putin, den vorgeblichen Mächtigen und verachten à la Trump „Loser“. Der Bunker allerdings ist ein Ort der absoluten Niederlage.

Ebenso bedenkenswert der Einwand: Lebendiger Alltag zeige gerade hier doch am besten, dass die Nazis und ihre Deutschen den Krieg gegen die Menschlichkeit letztlich verloren haben. Und dann: Gedenkstätten handelten, so der Vorwurf, meist vom Gestern und wie es dazu kam. Aber wo werde über das Heute debattiert?

Am Telefon (danke für das ausführliche Gespräch!) entstand eine Idee: Wie wäre es, an dieser Stelle, der letzten, an der Hitlers Reichskanzlei noch physisch erlebt werden kann, eine Institution der Selbstreflektion und Selbstertüchtigung für Demokraten zu gründen, um zu erforschen: Wie gelingt es den Hetzern immer wieder, Bildungsfeindlichkeit, Nationalismus und Hass zu aktivieren gegen Demokratie, Rechtsstaat und Menschlichkeit, diese Grundlagen unserer Sicherheit, von Freiheit und Wohlstand? Wie machen wir unsere Gesellschaften und uns widerstandsfähig gegen die Versuchung des „starken Mannes“ und des populistischen „ist doch ganz einfach“? Einfach wäre so ein Ort sicher nicht. Aber für die Gesellschaft vielleicht wichtiger als 64 Luxuswohnungen.