Zeitzeugenberichte, Familiendramen, Abenteuergeschichten: Die besten Comics zur Mauer und zur deutsch-deutschen Teilung

Dokumentarische Berichte, Umbruchs-Biografien, Alltagsgeschichten und fiktive Erzählungen vor realem Hintergrund: Die Berliner Mauer, deren Baubeginn sich an diesem Donnerstag zum 65. Mal jährt, und die deutsch-deutsche Teilung wurden in zahlreichen Comics thematisiert.

Hier eine Auswahl der wichtigsten Veröffentlichungen, die sich auch gut für jüngere Leserinnen und Leser eignen. Und dazu ein paar unterhaltsame Genre-Werke, bei denen die reale Geschichte Ausgangspunkt für fantastische Abenteuer- und Action-Storys ist.


Susanne Buddenberg und Thomas Henseler: „Berlin – Geteilte Stadt“, „Grenzfall“ und andere Veröffentlichungen

Das Kreativ-Duo Thomas Henseler und Susanne Buddenberg hat Berlins wohl meistgelesenen Comic geschaffen. Am Zaun des Bundesfinanzministeriums, direkt gegenüber der Topografie des Terrors, hängt seit einigen Jahren in Postergröße eine von den beiden geschriebene und gezeichnete 16-seitige Episode über die Zeit der deutsch-deutschen Teilung, die täglich von unzähligen Touristen und Passanten betrachtet wird.

Es ist einer der wohl meistgelesenen Comics des Landes: Seit rund fünf Jahren hängt am Zaun des Bundesfinanzministeriums in der Niederkirchnerstraße die auf wetterfesten Postern gedruckte Bildgeschichte „Mit der Seilbahn über die Mauer“ von Thomas Henseler und Susanne Buddenberg. Darin erzählt das Berliner Zeichner-Autoren- Duo von der spektakulären Flucht der Familie Holzapfel 1965 in den Westen. Fast rund um die Uhr bleiben Touristen und immer wieder auch Berliner stehen und vertiefen sich in die Geschichte aus jener Zeit, als hier die deutsch-deutsche Grenze verlief. Foto: Lars v. Törne
Susanne Buddenbergs und Thomas Henselers Buch „Berlin, geteilte Stadt“ gibt es auch auf Englisch, hier eine Seite daraus.

© PR/Avant

Buchcover Susanne Buddenberg und Thomas Henseler: „Berlin, geteilte Stadt“ , Fotos: Avant
Susanne Buddenberg und Thomas Henseler: „Grenzfall“, Avant, 104 S., 14,95 €

© PR/Avant

Zwischen 1982 und 1987 engagierte er sich in der Umweltbibliothek der Zionskirche und gründete mit anderen die regimekritische Zeitung „Grenzfall“, wodurch er ins Visier der Stasi geriet. Als die Staatssicherheit mithilfe eines Spitzels einen Großeinsatz gegen die oppositionelle Gruppe startete und Schreib- und Druckmaschinen beschlagnahmte, erreichte sie letztlich das Gegenteil: Die Aktion mobilisierte den Widerstand in der ganzen DDR.

Auf Grundlage von Grimms Erinnerungen, seiner Stasi-Akte und Gesprächen mit weiteren Zeitzeugen vermittelt das Buch anschaulich, wie riskant, aber auch von Freundschaft, Lebensfreude und kleinen Erfolgen geprägt der Widerstand gegen die SED-Diktatur war.

Zu diesem Buch, das ebenso wie „Berlin – Geteilte Stadt“ von der Bundesstiftung Aufarbeitung für den Schulunterricht empfohlen wird, gibt es auch Unterrichtsmaterial für die Sekundarstufen I und II, das auf der Website des Verlages gratis heruntergeladen werden kann.

In ihrem Buch „DDR-Geschichte zum Einkleben – Die Teilung Berlins in 8 Stationen“ (Berlin Story Verlag, 80 S., 16,95 €) schildern Buddenberg und Henseler in acht Episoden am Beispiel einer fiktiven, von der Realität inspirierten Zeitzeugin, wie die Berliner das Ende des Zweiten Weltkriegs, die Teilung samt Mauerbau und Luftbrücke, die DDR und die Zeit nach der Wiedervereinigung erlebt haben. Das ist klar strukturiert, angemessen vereinfacht und durch die Verknüpfung von individuellen Schicksalen und großer Politik auch unterhaltsam. Der 2015 erschienene Band ist beim Verlag vergriffen, im Buch- und Onlinehandel gibt es aber noch Exemplare.

Buch "Kleine illustrierte Geschichte der DDR" von Ulrich Mählert, Illustrationen von Thomas Henseler und Susanne Buddenberg, Quelle: Verlagshaus Jacoby und Stuart
Eine Seite aus „drüben“ von Simon Schwartz.

© PR/Avant

Der Absolvent der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg erzählt in klaren Schwarz-Weiß-Bildern, wie seine Eltern zunehmend am Sinn des DDR-Systems zweifelten und infolge persönlicher Konflikte und staatlicher Repressionen letztlich mit dem Land brachen. Das zeichnet Schwartz mit einem sachlich wirkenden Strich, der in der Konzentration auf das Wesentliche an den Iran-Comic „Persepolis“ erinnert.

Comic "drüben!" von Simon Schwartz. Credit: Avant-Verlag
Eine Seite aus Claire Lenkovas „Doppelte Heimat“.

© PR/Jacoby und Stuart

Lenkova erzählt die autobiografisch geprägte Geschichte der Geschwister Jana und Lutz, die die deutsche Teilung, das Leben in der DDR und die spätere Ausreise in den Westen erleben. Ihre Erzählung, in deren Verlauf die ältere Jana dem jüngeren Bruder vom Alltag hinter der Mauer erzählt, zeichnet sich mit ihren kolorierten Bleistiftzeichnungen durch eine dichte Atmosphäre aus.

Claire Lenkova: „Doppelte Heimat“, Foto: Jacoby und Stuart
Eine Seite aus Nils Knoblichs „Fortmachen“.

© PR/Edition Moderne

Comic "Fortmachen" - Nils Knoblich comic-buch
Pubertätswirren im Schatten der Mauer: Eine Szene aus Mawils „Kinderland“.

© Reprodukt

In seiner Graphic Novel, von der es inzwischen auch eine günstigere Taschenbuchausgabe sowie eine englische Version gibt, erzählt der einstige Tagesspiegel-Zeichner die autobiografisch inspirierte Coming-of-Age-Geschichte des schüchternen Ost-Berliner Siebtklässlers Mirco Watzke. Der sucht in den letzten Monaten vor dem Mauerfall zwischen Tischtennisturnieren, ersten Freundschaften, Schulkonflikten und der Entdeckung des anderen Geschlechts seinen eigenen Weg.

Comic "Kinderland" von Mawil. Credit: Reprodukt-Verlag
Eine Szene aus Flix’ „Da war mal was …”.

© Carlsen

Die Geschichten sind keine chronologische Geschichtsdarstellung, sondern nähern sich der Teilung und dem Leben im Schatten der Mauer über persönliche Erlebnisse, Alltagssituationen und Erinnerungen von Menschen aus Ost und West. Deren Erinnerungen hat Flix mal humorvoll und mal sehr ernst in Szene gesetzt. Ein ungewöhnlicher, aber wirkungsvoller Zugang zu einer Zeit, die für jüngere Generationen nicht mehr aus eigener Erfahrung bekannt ist.

Buchcover Flix: „Da war mal was“, Foto: Carlsen
Eine Seite aus dem Album „Fluchttunnel nach West-Berlin“.

© PR/Avant

Die Franzosen Olivier Jouvray und Nicolas Brachet erzählen in ihrem 2014 auf Deutsch erschienenen Comic-Album „Fluchttunnel nach West-Berlin“ (Übersetzung aus dem Französischen von Annika Wisniewski, Avant, 56 S., 19,95 €) sehr anschaulich die Geschichte des wohl bekanntesten Projekts, das später „Tunnel 57“ genannt wurde: 57 Menschen konnten hier 1964 unter der Berliner Mauer hindurch nach Westen flüchten.

Jouvrays und Brachets Story ist packend wie ein Hollywood-Thriller inszeniert, inklusive persönlicher Dramen und Ost-West-Liebesgeschichte. Bei den fiktiven, aber von realen Personen inspirierten Figuren und ihren persönlichen Beziehungen haben die Franzosen ihrer Fantasie freien Lauf gelassen. Aber der Kontext der Geschichte sowie die technischen Details des Tunnels sind authentisch. Die fast fotorealistisch anmutenden Bilder geben einen guten Eindruck von der Größe und Waghalsigkeit des Projekts und vermitteln zudem sehr stimmungsvoll die Atmosphäre im Berlin der 1960er Jahre.

Olivier Jouvray / Nicolas Brachet: „Fluchttunnel nach West-Berlin“, Foto: Avant
Susanne Buddenberg und Thomas Henseler: „Tunnel 57 – Eine Fluchtgeschichte als Comic“, Aufbau/Ch, Links, 32 S., 7 €

© PR/Ch. Links Verlag


Jochen Voit und Lilya Matveeva: „Rose + Robert – Liebe in Zeiten der Kriege“

Eine dramatische Liebesgeschichte im Schatten des Eisernen Vorhangs und der politischen Teilung Deutschlands erzählt die Graphic Novel „Rose + Robert – Liebe in Zeiten der Kriege“ (Schiler & Mücke, 156 S., 25 €) geschrieben vom Historiker und Autor Jochen Voit und gezeichnet von der Illustratorin Lilya Matveeva.

In dem Comic, dessen Erarbeitung von der Bundesstiftung Aufarbeitung gefördert wurde und der Anfang dieses Jahres erschien, lernt die Zeichnerin Lilya den alten Mann Robert kennen. Er erzählt ihr von seiner Jugendliebe Rose und ihrer Beziehung in der DDR der 1970er Jahre. Zunächst erscheint die Geschichte wie eine persönliche Erinnerung an eine vergangene Romanze; doch bald kommen Zweifel auf, ob Roberts Version vollständig oder wahr ist.

Buchcover „Rose + Robert – Liebe in Zeiten der Kriege“ von Jochen Voit und Lilya Matveeva, Foto: Verlag Schiler & Mücke
Sie verlassen jetzt den frankobelgischen Sektor. Eine Seite aus „Spirou in Berlin“.

© Carlsen

Zwischen Berliner Sehenswürdigkeiten, Trabis und der Mauer geraten die beiden Helden in einen komplexen Spionagefall. Zum Ausgangspunkt der Handlung wird Fantasios Begegnung mit einer Bürgerrechtlerin, die brisantes Material über die DDR-Führung besitzt und das Regime mit ungewöhnlichen Mitteln bekämpft.

Buchcover "Spirou in Berlin" von Flix, Foto: Carlsen
Marvano: „Berlin“, Übersetzung Bernd Leibowitz, Egmont Comic Collection, 176 S., 49,98 €

© PR/Egmont

Der dritte Band der im Ligne-Claire-Stil gezeichneten Trilogie widmet sich dem Jahr 1961, dem Bau der Berliner Mauer und Fluchtversuchen. Damit zeigt Marvano zentrale Stationen der deutschen Teilung und Berlin als Frontstadt des Kalten Krieges. Die DDR wird in seinem Comic hauptsächlich indirekt über die Trennung von Ost und West, die Abriegelung der Stadt und die Fluchtbewegungen sichtbar. Erklärende Passagen ordnen die Handlung historisch und politisch ein, um besonders jüngeren Lesern die Bedeutung der Vergangenheit nahezubringen. Der 176 Seiten umfassende Comic ist 2012 im Berliner Egmont-Verlag erschienen, aber inzwischen verlagsvergriffen. Online kann man aber bei Gebraucht- und Antiquariatsportalen nach wie vor Exemplare davon kaufen.


Tobias O. Meißner und Reinhard Kleist: „Berlinoir“

Eine dystopische Allegorie auf die deutsch-deutsche Geschichte ist der Comic „Berlinoir“ (Neuausgabe ab 1.9. bei Carlsen, 176 S., 30 €) von Tobias O. Meißner und Reinhard Kleist. In ihrer Geschichte, die am 16. September unter dem Titel „City of Blood“ auch als Verfilmung bei Disney+ läuft, regieren Vampire ein düsteres Parallelwelt-Berlin. Sie haben im „Blutroten Rathaus“ eine korrupte Diktatur errichtet und machen die Menschen zu ausgebeuteten Blutspendern. Gegen die unsterblichen Herrscher formiert sich eine Widerstandsbewegung, die sich in den Kellergewölben Kreuzbergs und den Plattenbauten Marzahns auf den entscheidenden Kampf vorbereitet.

Eine Szene aus dem Comic „Berlinoir“.
Graphic Novel „Berlinoir“ von Reinhard Kleist und Tobias O. Meißner, Quelle: Carlsen

© Carlsen


Jim Owsley, Mark Bright und Al Williamson: „Spider-Man: High Tide“

Eine besonders kuriose Comic-Episode, die in der Mauerstadt Berlin spielt, erschien 1987 in der Endphase des Kalten Krieges. Damals schickte der US-Comicverlag Marvel seinen populärsten Helden Spider-Man in der von Jim Owsley geschriebenen und von Mark Bright und Al Williamson gezeichneten Geschichte „High Tide“ auf eine seiner seltenen Auslandsreisen ausgerechnet in die deutsche Halbstadt.

Mauerspringer: Ende der 1980er Jahre stattete Spider-Man der geteilten Stadt in der Episode "High Tide" einen Besuch ab.Science-Fiction-Comic „Die Summe seiner Teile“ Tanz mit dem Tod Auszeichnungen auf der San Diego Comic-Con Diese Eisner-prämierten US-Comics gibt es auch auf Deutsch

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Statt durch New Yorker Hochhausschluchten schwingt sich Spider-Man an Berliner Gründerzeitfassaden entlang. In einem besonders wagemutigen Moment macht er einen Salto über die Mauer – und wird begrüßt von explodierenden Minen und DDR-Grenzern, die ihn auf dem Todesstreifen mit Gewehrsalven eindecken. Abschrecken lässt sich ein echter Superheld davon natürlich nicht: Mit seinem Spinnennetz bringt der amerikanische Besucher die Ost-Berliner Soldaten zu Fall.