Zum Tod der kroatischen Schriftstellerin Slavenka Drakulić: Die kluge Mitfühlende

Es war die Zeit, als Slavenka Drakulić in Kroatien als Landesverräterin beschimpft wurde, weil sie immer wieder als Feministin öffentlich hervortrat, zum Beispiel mit dem Buch „Die Todsünden des Feminismus“, mit dem sie bekannt wurde, und weil sie den autoritären Regierungsstil des damaligen kroatischen Präsidenten Franjo Tuđman kritisierte; aber eben auch die Zeit, als die jugoslawischen Kriege schon ein Jahr im Gange waren.

Slavenka Drakulić schrieb da im Februar 1992 im amerikanischen „Time Magazine“ einen Artikel darüber, wie wenig sie als Kroatin damit anfangen konnte, nach der Unabhängigkeitserklärung Kroatiens und dem Krieg mit der jugoslawischen Volksarmee auf ihre nationale Zugehörigkeit reduziert zu werden. Zumal sie immer auch die historischen Untaten der Kroaten an den Serben im Blick hatte.

Es war dies der Beginn ihrer intensiven Auseinandersetzung mit den jugoslawischen Zerfallskriegen und deren Folgen, die dann mit dem 2004 veröffentlichten Buch „Keiner war dabei. Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht“ gewissermaßen ihren Höhepunkt finden sollte.

Buch über die Kriegsverbrechen auf dem Balkan

Slavenka Drakulić, die 1949 in Rijeka geboren wurde und Komparatistik und Soziologie an der Universität Zagreb studiert hat, hatte für das Buch fast ein halbes Jahr lang die Prozesse vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verfolgt.

Sie beobachtete die Verhöre, aber auch den Alltag der Angeklagten, um in Erfahrung zu bringen, wie aus unauffälligen jungen Männern und guten Nachbarn Mörder und Todfeinde wurden. Um Schuld und Verantwortung ging es Drakulić mit ihrem Buch, und immer wieder musste sie erkennen, dass sie es kaum mit fanatischen, aus Überzeugung tötenden Nationalisten zu tun hatte..

So schreibt sie über den Massenmörder Borislav Herak, der 1993 in Sarajevo vor Gericht stand: „Meine größte Enttäuschung war, dass er wie jeder andere aussah, wie ein Nachbar, Verwandter oder Freund. Fast verzweifelt suchte ich nach Zeichen von Wahnsinn in seinen Augen oder sonstigen Merkmalen, dass er das Monster war, das ich in ihm sehen wollte.“ Trotzdem sieht sie in dem Mann das Böse, erkennt sie die Unfähigkeit zum empathischen Einfühlungsvermögen: „Das Böse ist die Abwesenheit von Mitgefühl.“

2005 wurde ihr in Leipzig der Preis der Europäischen Verständigung verliehen

Drakulić erhielt für dieses Buch ein Jahr später, 2005, den Europäischen Verständigungspreis der Leipziger Buchmesse. In ihrer Dankesrede konstatierte sie, dass in Bezug auf Schuld und Verantwortung „die Wahrheit noch nicht festgestellt wurde, und wenn sie festgestellt worden wäre, würde sie niemand hören wollen“. Und: „Es zeigt sich, dass es auch zehn Jahre nach Ende des Krieges noch zu früh ist, für ein solches Unterfangen.“

Wir sollten nicht vergessen, dass wir in diesen Bereichen wenig aus der Geschichte lernen und daher alles möglich ist.

Slavenka Drakulić über die Kriege in Jugoslawien

Draculic löste sich dann wieder von der Fixierung auf die jugoslawischen Kriege, wohl wissend, wie schwer die humanistische Durchdringung war und dass es ein vollständiges Verstehen wohl nie geben würde.

Wie sagte sie es in einem Interview mit dem serbischen Nachrichten- und Wochenmagazin „Vreme“ bezüglich ständiger Unruhen in Serbien und politischer Krisen in Bosnien und Herzegowina, verursacht auch durch den Präsidenten der Republika Srpska, Milorad Dodik: „Wir sollten nicht vergessen, dass wir in diesen Bereichen wenig aus der Geschichte lernen und daher alles möglich ist.“

Sie schrieb einen Roman über Frida Kahlo („Frida“) und einen über Pablo Picasso und seine Geliebte Dora Maar („Dora und der Minotaurus“), und auch ein Buch über ihre Nierenkrankheit, die sie erst zur Dialyse zwang und dann mehrere Nierentransplantationen zur Folge hatte: „Leben spenden. Was Menschen bewegt, Gutes zu tun.“

Zuletzt erschien von ihr ein Erzählungsband mit dem Titel „Worüber reden wir nicht?“, mit Geschichten über unsichtbare Verluste und ungelebte Lieben, über Nähe, Einsamkeit und unser aller Sterblichkeit. Am vergangenen Samstag ist Slavenka Drakulić in Rijeka gestorben. Sie wurde 76 Jahre alt.