Ein Debakel zum Schluss: Hertha BSC verliert das letzte Saisonspiel 1:6 bei Arminia Bielefeld

Erst fünf Minuten waren vorüber, als Stefan Leitl an der Seitenlinie aktiv werden musste. Der Trainer von Hertha BSC wies mit seinen Handflächen nach unten, tippte sich anschließend mit beiden Zeigefingern an die Schläfen. Ruhig bleiben, sollte das heißen. Und einen kühlen Kopf bewahren.
Einfach war das für seine Mannschaft nicht in der hitzigen Atmosphäre auf der Bielefelder Alm. Die Zuschauer schrien sich die Seele aus dem Leib. Für ihren Klub und gegen die Angst. Vor einem Jahr stand Arminia Bielefeld noch im Finale in Berlin – im Endspiel um den DFB-Pokal –, an diesem Sonntag nun stand für die Mannschaft das Finale gegen Berlin an: das Endspiel um den Verbleib in der Zweiten Liga.
Zwischenzeitlich sah es nicht gut aus für die Bielefelder. 0:1 lagen sie zur Pause zurück, in der zweiten Halbzeit aber drehten sie dank einer Energieleistung das Spiel und sicherten sich durch einen verdienten 6:1-Erfolg den Verbleib für die Zweite Liga.
Gouram und Hildebrandt feierten ihr Profidebüt
Hertha wiederum hatte nach der Pause nicht mehr viel zuzusetzen. Die Mannschaft brach auseinander, jeder spielte nur noch für sich. Und so ging die ohnehin unbefriedigende Saison für den Berliner Fußball-Zweitligisten mit einem Debakel zu Ende. Durch die Niederlage in Bielefeld fiel Hertha in der Abschlusstabelle sogar noch auf Platz sieben zurück.
Trainer Leitl musste gegen die Arminia eine wilde Elf aufs Feld schicken. Die ohnehin gewaltigen Personalprobleme hatten sich kurzfristig noch einmal verschärft.
Weil Michal Karbownik (Hüftprobleme) und Luca Schuler (Infekt) auch noch fehlten, feierte Janne Berner sein Startelfdebüt für Hertha, Pascal Klemens und Sebastian Grönning spielten nach einer kleinen Ewigkeit wieder von Anfang an, und mit Soufian Gouram, 20, und Niklas Hildebrandt, 17, standen zwei Talente aus dem Nachwuchs erstmals im Kader und kamen in der Schlussphase zu ihrem Profidebüt.
Die Gäste im ungewohnten 5-3-2-System hatten zwar nach 53 Sekunden die erste Gelegenheit des Spiels, als Berner den Ball in aussichtsreicher Position am zweiten Pfosten den Ball nicht richtig traf. In der Folge aber bestimmten die Bielefelder als Geschehen.
Das Team von Mitch Kniat, angefeuert von der heißblütigen Kulisse, wehrte sich mit Kräften gegen den drohenden Abstieg. Als Christopher Lannert erst Berner abgrätschte und den Ball anschließend im Sitzen zu einem Mitspieler spitzelte, flippten die Fans auf den Rängen aus. Hertha hielt immerhin dagegen, brachte in der Offensive aber wenig zustande.
Dass das Toreschießen allerdings auch nicht gerade eine Bielefelder Spezialität ist, zeigte sich zehn Minuten vor der Pause. Marius Wörl, von Mael Corboz perfekt freigespielt, lief allein auf Tjark Ernst zu. Herthas Torhüter aber wehrte den Schuss per Fuß ab und verhinderte die Führung der Hausherren.
Damit nicht genug für die Bielefelder. Fast im Gegenzug kassierten sie das 0:1, das sie in der Blitztabelle vom Relegationsrang 16 auf den direkten Abstiegsplatz zurückfallen ließ. Nach einer Halbfeldflanke von Julian Eitschberger kam Linus Gechter recht frei zum Kopfball. Herthas Innenverteidiger traf überlegt zur Führung für seine Mannschaft.
Angst machte sich breit, aber aus der Pause kehrten die Arminen furchtlos zurück. Nach der ersten Ecke der zweiten Hälfte musste Herthas Kapitän Fabian Reese auf der Linie retten. Kurz darauf aber bebte die Alm. Joel Grodowski vollendete eine Hereingabe in Herthas Strafraum mit einem Volley in den Winkel zum 1:1.
„Ja! Ja! Ja!“, rief der Stadionsprecher. Weil Greuther Fürth gegen Fortuna Düsseldorf längst komfortabel führte, brachte der Treffer die Bielefelder in der Blitztabelle auf Platz 15. Ein Unentschieden würde den Arminen zum sicheren Klassenerhalt reichen, trotzdem spielten sie weiter auf Sieg und schnürten die Berliner dadurch zunehmend in deren Hälfte ein.
Was für Hertha so gut begonnen hatte, ging nun dahin. Zehn Minuten nach dem Ausgleich war Grodowski erneut zur Stelle, diesmal per Kopf nach einem Freistoß fast an der Eckfahne. Der Ball senkte sich zum 2:1 für die Arminia ins lange Ecke. Als Monju Momuluh weitere fünf Minuten später den Ball aus kurzer Distanz zum 3:1 über die Linie grätschte, waren auch die letzten Zweifel am Bielefelder Klassenerhalt ausgeräumt.
Und für Hertha endgültig die Chance verspielt, der Saison wenigstens noch einen versöhnlichen Abschluss zu verpassen. Weil Stefano Russo und Semir Telalovic jeweils nach einer Ecke und Roberts Uldrikis in der Nachspielzeit noch auf 6:1 erhöhten, wurde es für die Berliner sogar richtig peinlich. Die 2800 Gästefans reagierten mit Sarkasmus. „Wir hol’n die Meisterschaft“, sangen sie, „und den Europacup und den Pokal.“