Die neue nackte Olympia: Eine Ausstellung zeigt Bilder nach den großartigen Motiven von Manet
Eines der letzten Bilder, das der innerlich von Syphilis zerfressene Edouard Manet noch malen konnte, war „Der Fliederstrauß“. Manet, der 1883 mit gerade einmal fünfzig Jahren Jahren starb, widmete sich am Ende dem Stillleben, wie ein Jahrhundert später der amerikanische Fotograf Robert Mapplethorpe. Beider Karrieren waren durch Skandale geprägt – nach wie vor ist das ein klassischer Weg zum Ruhm.
Manet bewegt. Wie sehr er immer noch und immer wieder eine sprudelnde Quelle der Inspiration ist, zeigt der Berliner Galerist Michael Haas an seinen zwei Standorten. „D’après Manet“ versammelt die bemerkenswerte Zahl von 51 Künstlerinnen und Künstlern, die sich jüngst für diesen Anlass mit dem Werk Edouard Manets beschäftigt haben.
Das Publikum stand Kopf
Manet strahlt aus. Es sind hier Fortschreibungen, Spiegelungen, Kommentare in den unterschiedlichsten Formen und Materialien zu erleben, darunter Jakob Mattners Hommage an jenen Fliederstrauß: Auf Papier wirft eine kosmische Acrywolke ihr Licht von oben, Blüten und Zweige heben ab ins Ungewisse.

© Galerie Michael Haas / Lea Gryze
Natürlich erregt die nackte Olympia – das Original hängt im Pariser Musée d’Orsay – auch in dieser Gruppenausstellung, die einem Museum zur Ehre gereichen würde, die verdiente Aufmerksamkeit. Manet stellte das Bild im Pariser Salon von 1865 aus. Die Öffentlichkeit stand Kopf. Dabei hatte sich Manet von Tizians Urbino-Venus und Goyas nackter Maya orientiert, die waren längst Geschichte. Manets Olympia hat etwas Herausforderndes, Direktes, die Frau war offensichtlich eine Prostituierte.
Sturz in eine andere Welt
David Nicholsons „Olympia (after Manet)“ wird noch deutlicher. Sie wirkt fast schon wie von KI generiert. Auch die zweite Frau im Bild entblößt hier ihre Brust. Die schwarze Katze starrt den Betrachter an – und man weicht zurück von diesem Akt, der zugleich strafend und abwartend blickt.
Nicholson zeigt auch eine Version des berühmten „Dejeuner sur l‘herbe“. Die nackte Frau, die aus dem Bild schaut, hat feuerrotes Haar, die beiden leger elegant gekleideten Männer, die bei ihr auf der grünen Wiese lagern, könnten dem Kunstbetrieb entsprungen sein. Der kanadische Künstler spielt mit den alten Meistern am Rande der Parodie. Er geht aufs Ganze und nimmt sich dann noch Manets „Bar Folies Bergère“ vor. Wieder eine rothaarige Frau, alles wie gehabt und doch der Sturz in eine andere Welt, die unserer ähnlich ist, hyperrealistisch. Sex kann man kaufen. Das wusste Manet sehr gut.
Die Japanerin Haruko Maeda stellt sich selbst hinter diese berühmteste Bar der Kunstgeschichte. Nun ist es ein Fast Food Lokal, vor ihr die verschiedenen Bestandteile einer Asia-Bowl, Fleisch, Gemüse, Tofu womöglich. In ihren Augen liegt tiefe Melancholie, der Unterschied zu Nicholson könnte nicht größer sein. Und doch ist es Manet, der präsent bleibt. Sein Freund, der Dichter Charles Baudelaire, vermutete damals schon, dass Manet „Gemeinplätze“ geschaffen habe, im besten Sinn – seine Sujets, kaum auf dem Markt, erregten größtes Ärgernis und blieben im Gedächtnis, Eigentum der Grand Nation.
Erzfrühstück von Jonathan Meese
Breitwandig, mit wilden Linien und Farbausschüttungen, interpretiert Jonathan Meese das „Erzfrühstück im Grünen“, viel mehr an Picasso erinnern seine archaischen Masken. So geht es hin und her in den Räumen in der Niebuhrstraße und im Kunst Lager Haas im Charlottenburger Norden. Der ausgezeichnete Katalog hilft bei der Orientierung.
In diesem breit angelegten Manet-Pandämonium schwanken, kaum anders möglich, Qualität und Intensität. Es findet sich kleinformatig das bekannte Spargel-Motiv, variiert von Martha Jungwirth, John Stark, Tobias Hauser oder Jordi Alcaraz. Astrid Klein packt das erotische Gemüse in eine transluzente Einkaufstasche. Der Maler Strawalde, 94 Jahre alt, gibt dem Porträt der Berthe Morisot, Manets Malerkollegin, in die er wahrscheinlich verliebt war und die seinen Bruder heiratete, einen melancholischen Ausdruck.
Es ist eine interessante Beobachtung, dass all diese Werke im Original tatsächlich von einem Maler stammen. Man weiß es, aber es ist doch aufs Neue verblüffend. Und „D’après Manet“ schärft die Wahrnehmung. Dabei stechen schließlich zwei der neuen Werke heraus.
Zum einen ist das Philip Loersch mit seinem „Pierre Manet: eine Doppelseite aus dem Werkverzeichnis, auf Alabaster gezeichnet mit Tusche, Buntstift, Bleistift und Lack. Ein an den Rändern zerschlissenes Buch aus Stein, durchscheinend, mit Licht von hinten. Manet für die Ewigkeit.
Schreiendes Unrecht
Und dann steht man lange vor dem gewaltigen Ölbild von Tatjana Doll, vor ihrer Version der Erschießung von Kaiser Maximilian in Mexiko. Die Soldaten stehen dicht vor ihren Opfern, mit den langen Läufen der Gewehre. Manets Darstellung der Exekution war ein vernichtender politischer Kommentar zur französischen Außenpolitik. Er malte das Bild – mit starkem Einfluss von Goya wiederum – 1867, es durfte in Frankreich nicht ausgestellt werden.
Die letzte Fassung des Gemäldes hängt in der Kunsthalle Mannheim. Und noch in Tatjana Dolls fulminanter Darstellung des politischen Mordes spürt man das schreiende Unrecht, die Szene verursacht jetzt noch körperliches Unbehagen.
Bei Haas versammeln sich all diese Manet’schen Geister. Voller Lust und Trauer, spielerisch ernst.