Ausstellung von Klara Lidén in den Kunst-Werken: Die Künstlerin, die aus der Kälte kam
Im Ausstellungshaus KW in der Auguststraße klafft jetzt ein Loch. Schuld ist die aktuelle Retrospektive der aus Schweden stammenden Klara Lidén. Das Loch ist nicht groß. Und es fällt auch nicht weiter auf. Aber wer seine Klamotten im blitzweißen Schließfachraum verstauen will, merkt: Hinter einem der abschließbaren Türchen fehlt die rückwärtige Wand. Einfach rausgesägt aus dem Gebäude, quer durch die Mauerschichten.
Könnte man sich da nicht hindurchzwängen? Und so unter Umgehung des Tickettresens in die Ausstellung schlüpfen? Plötzlich ist der Gedanke da. Lidén ist für ihren subversiven Humor bekannt. Auf einem Video zeigt sie eine langweilige Einbauküche. Nichts tut sich. Bis sich auf einmal die Kühlschranktür öffnet. Heraus steigt eine Person, als sei es das Normalste der Welt. Es ist Klara Lidén selbst. Die Künstlerin, die aus der Kälte kam.

© Klara Lidén
Die 1979 geborene Konzept- und Performance-Artistin arbeitet oft mit vollem Körpereinsatz. Sie scheut weder Peinlichkeits- noch Schmerzgrenzen. Lidén kann sich zusammenfalten und im Papierkorb verstauen. Sie klettert schwindelerregend über Baustellengerüste, reiht ihren durchtrainierten queeren Körper zwischen die federleicht genormten Profi-Ballerinas in einem Sankt Petersburger Probenraum. Im melancholischen Moonwalk gleitet sie durchs nächtliche New York, während Autos vorbeirasen.
Melancholischer Moonwalk durchs nächtliche New York
Eine ihrer bekanntesten Arbeiten zeigt sie in einem Stockholmer Vorortzug unter den stoischen Blicken anderer Fahrgäste wild entfesselt über Bänke und Boden toben. Tanzen! Da war sie noch jung, trug lange Haare. Seither hat Lidén in New York, Rom und Zürich ausgestellt, war 2011 für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst nominiert und heimste auf der Biennale in Venedig einen Sonderpreis ein, übrigens für eine Reihe von Mülleimern. Jetzt also die erste große Retrospektive über drei Stockwerke, mit fettem Katalog, der noch erscheint.

© Frank Sperling
Wie arbeitet diese Künstlerin, die seit 2003 in Berlin lebt? Die Leiterin der Kunst-Werke in der Auguststraße Emma Enderby sagt nur soviel: Klara Lidén skizziert nicht. Vermutlich streift die Künstlerin herum. Sie denkt. Und findet Sachen, die andere wegwerfen oder übersehen. Ihr Atelier ist die Stadt, der urbane Raum.
Eigentlich wollte Lidén Architektin werden, baute sich schon als Kind Hütten aus Pappkartons, wie ihre Eltern erinnern. Diesem Lieblingsmaterial ist sie treu geblieben. Aber aus dem Studium scherte sie aus. Lidén kam zu der Überzeugung: Es gibt schon genug Dinge und Bauten auf der Welt. Man muss nichts hinzufügen, sondern lieber reduzieren, entfernen, wegnehmen. Sie wurde eine Sachen-Finderin.

© Frank Sperling
Dass es in ihrer Geburtsstadt Stockholm eine der größten Marcel Duchamp-Sammlungen gibt, muss inspirierend gewirkt haben. Dessen Idee des Ready-Mades, eines zum Kunstwerk erklärten Alltagsobjekts, steht Pate, wenn Klara Lidén Bushaltestellenschilder, Werbeleuchtkästen oder Stromverteilerboxen in den Ausstellungsraum hievt.
Die Stadt in ihrer Verletzlichkeit und Individualität
Die allgegenwärtige Infrastruktur der urbanen Funktionsräume zeigt hier unvermutet Verletzlichkeit und Individualität: von Schmutz besudelt, mit Graffiti-Tags besprüht und vom Altern gezeichnet posieren die schnöden Objekte als Skulpturen. Lidén ist dabei eine Perfektionistin, das merkt man nur nicht gleich. Ihr feines Gespür für Proportion und die Schönheiten im Hässlichen zeigt sich in vielen Werken. So in ihren freundlich zum Sitzen einladenden Bänken aus Abfallmaterial.
Wer in die große Halle der KW tritt, könnte sie für eine Minimal Art-Vertreterin halten. Streng geometrisch geht es hier zu. Aus riesigen Billboards kreiert sie abstrakte „Gemälde“, indem sie die Werbebotschaften entfernt. „Rosie Rosie“ ist Monumentalskulptur und Handlungsanweisung zugleich. Von Baustellen kennt man solche temporären Schutzgänge für Passanten, hinein also. Bruce Naumans Korridor-Installationen, etwa im Hamburger Bahnhof, kommen einem beim Durchwandeln in den Sinn. Auch Lidén macht spürbar, wie Räume und Körper interreagieren. Es geht ihr um Machtverhältnisse, Reglementierungen. Lidéns Urimpuls scheint, daraus auszubrechen.
Auf ihrem frühen „Self Portrait with the Keys to the City“, noch aus Studienzeiten, öffnet sie ihren Trenchcoat wie ein Exhibitionist und weist ihre Arbeitswerkzeuge vor: Taschenlampe, Kneifzange, Bolzenschneider. Kuratorin Enderby zuckt lächelnd Schultern auf die Frage, ob Lidén noch immer so arbeitet. Die Künstlerin selbst verweigert Interviews. Auch die Kuratorin bekam keins für den Katalog. Nicht einmal eine Website hat Klara Lidén. Aber in ihren Videos und Performances ist sie sichtbar: Denn da geht es nicht um sie selbst. Sondern um etwas, das größer ist als sie.
In ihrem slapstickartigen Stolpervideos „Grounding“ von 2018 wandert sie durch Manhattans Finanzdistrikt. Unvermittelt stürzt sie und ist schon wieder auf den Füßen, als sei nichts geschehen: Der Mensch, ein unberechenbarer Störfaktor im System. In einem ihrer seltenen Statements verrät Lidén: „Ein Teil von mir ist diese dürftige Architektin, die mit dem Problem existierender Strukturen in der Stadt ringt, ein anderer Teil diese Amateurtänzerin, die dem Bauen oder der Wiederaneignung des bebauten Raums ein Gefühl von Rhythmus zurückgeben möchte.“
Ein Selbstporträt in Form eines kompletten Hausrats hat sie im ersten Raum der Ausstellung wie eine Barriere aufgestapelt. Als sie seinerzeit nach Berlin übersiedelte, ließ Lidén das gesamte Inventar ihrer 30 Quadratmeter-Wohnung in Stockholm zurück: Fahrrad, Küchenspüle, Bücherstapel, Matratze, Fauteuils vom Sperrmüll, jede Menge Spraydosen. „Unheimlich Manöver“ nannte sie dieses Dokument eines radikalen Abgangs. Zwischen den vollgestopften Regalen dudeln frühe Videoarbeiten auf Monitoren: „Ich brauche more space,“ trällert die Künstlerin wütend.
Alles nur Plunder, zu viele Sachen? Hauptsache, es gibt einen Ausweg und den gibt es immer. In der klaustrophobischen Installation „Teenage Room“, einer Art Knastzelle mit rabenschwarz bespraytem Selfmade-Mobiliar, muss auf Anweisung der Künstlerin immer eine Escape-Option vorhanden sein. Aktuell in den KW ist es eine kleine, rechteckige Wandöffnung. Wohin man da gelangt? Ausprobieren!