Umstrittener serbischer Popstar: Ceca repräsentiert ein mörderisches System – und gibt jetzt ein Konzert in Berlin

Die Ankündigung klingt harmlos-floskelhaft: Beim Konzert von Ceca seien „Gänsehaut und Party-Stimmung garantiert“, heißt es auf Berlins offiziellem Internetportal über den Auftritt der serbischen Sängerin Anfang Oktober. Exklusiv präsentiere einer der bekanntesten Stars des Balkan-Pop seine größten Hits in der Uber Eats Music Hall.

Musiker aus der Region sind dort regelmäßig zu Gast, etwa der bosnische Sänger Dino Merlin oder die Band Plavi Orkestar, die schon in Jugoslawien Stars waren. Doch Svetlana Ražnatović alias Ceca ist nicht einfach eine weitere Sängerin vom Balkan, sondern die Witwe von Željko Ražnatović, genannt Arkan.

Dieser war in den 1990ern ein wichtiger Akteur des organisierten Verbrechens in Jugoslawien, Anführer einer paramilitärischen Einheit und Gründer einer Partei, die während der Kriege in Kroatien und Bosnien und Herzegowina an Tötungen, Verfolgung und Vertreibung beteiligt war.

Vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wurde Arkan wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verstößen gegen das Kriegsvölkerrecht angeklagt. Zu einem Prozess kam es nicht: Er wurde im Januar 2000 in einem Hotel in Belgrad erschossen, ein Täter wurde nie endgültig verurteilt.

Kennenlernen in einem politisch aufgeladenen Kontext

Ceca (gesprochen: Zeza) selbst war nicht in seine Verbrechen involviert, auch sind ihre heutigen Konzerte keine Kundgebungen, bei denen zu Hass oder Gewalt aufgerufen wird. Allerdings war ihr Verhältnis zu Arkans System von politischer, paramilitärischer und wirtschaftlicher Macht nicht nur privat, sondern öffentlich, symbolisch und geschäftlich. Beide Karrieren haben voneinander profitiert.

Schon ihre erste Begegnung findet in einem politisch aufgeladenen Kontext statt: Am 11. Oktober 1993 tritt die damals zwanzigjährige Ceca Veličković in Erdut im Osten Kroatiens bei einer Feier zum Jahrestag der Gründung von Arkans Serbischer Freiwilligengarde SDG auf und lernt ihn kennen. Erdut war seit 1991 Hauptquartier der SDG, die mit regulären militärischen und polizeilichen Strukturen zusammenarbeitete. Mitglieder der Einheit standen bei bestimmten Einsätzen auf Gehaltslisten des serbischen Staatssicherheitsdienstes.

Gerichtlich festgestellt und dokumentiert ist ihre Beteiligung an Tötungen, Verfolgung und Vertreibung in Kroatien und Bosnien und Herzegowina. 1995 übergab das serbische Innenministerium zudem Tausende Geflüchtete aus Kroatien und Bosnien und Herzegowina an paramilitärische Einheiten, darunter die SDG. In Erdut wurden Betroffene gedemütigt und misshandelt und anschließend an die Front geschickt.

Die „Hochzeit des Jahrhunderts“

Noch im Jahr 1993 gründet Arkan die Partei der Serbischen Einheit (Stranka srpskog jedinstva, SSJ) und tritt zu den Parlamentswahlen an. Seine Wahlkampfveranstaltungen funktionieren zugleich als Unterhaltungsshows, auch Ceca tritt dort auf – bereits damals einer der größten Stars ihrer Generation. Sie prägt den omnipräsenten Turbofolk-Sound, der traditionelle Elemente mit Elektrobeats und Synthesizern verbindet. Ihre enorme Popularität half Arkan dabei, den paramilitärischen Kommandeur in der Welt von Glamour und Popkultur zu verankern.

Serb paramilitary leader Zeljko Raznatovic "Commander Arkan" and his new bride popular Serbian folk singer Ceca Velickovic pose while his best man throws coins for luck after their wedding at Serbian Orthodox church in Belgrade February 19. Raznatovic's private army waged bloody war in the break-up of Yugoslavia
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Ein Großereignis: die Hochzeit von Ceca und Željko Ražnatović, genannt Arkan.

© REUTERS/Stringer

Als die beiden am 19. Februar 1995 heiraten, wird das als „Hochzeit des Jahrhunderts“ zum medialen Großereignis. Später werden VHS-Aufzeichnungen davon in Serbien zum Verkaufsschlager. Zu sehen ist Arkan mit Waffen und später in Uniform, Ceca im Brautkleid, zudem Politiker, kirchliche Würdenträger und Stars der Unterhaltungsszene. Die Kriegsikonografie ist Teil des Spektakels.

In den folgenden Jahren vertieft sich die Verbindung der Eheleute auch auf geschäftlicher Ebene. So übernimmt Ceca unter anderem einen repräsentativen Posten im Fußballverein FK Obilić, den Arkan kontrolliert. Nach seinem Tod gehört sie zur Vereinsführung und hat zudem Kontakte zu Personen aus dem sogenannten Zemun-Clan und zu Milorad Ulemek „Legija“, einem ehemaligen Mitglied der SDG und späteren Kommandeur einer Spezialeinheit des serbischen Staatssicherheitsdienstes.

Legija war zusammen mit Mitgliedern der Kriminellen-Gruppe aus dem Belgrader Stadtteil Zemun für die Ermordung des serbischen Ministerpräsidenten Zoran Đinđić am 12. März 2003 verantwortlich. Es war der spektakulärste politische Mord nach den Jugoslawien-Kriegen. Đinđić hatte deren Hauptverantwortlichen Slobodan Milošević festnehmen und nach Den Haag ausliefern lassen. Er wollte das Land auf einen neuen, demokratischen Weg führen. Legija wurde wegen seiner Beteiligung an dem Mord 2007 zu 40 Jahren Haft verurteilt, weitere teils aus dem Clan-Umfeld stammende Männer erhielten ebenfalls langjährige Strafen.

Serbian paramilitary leader Zeljko Raznatovic-Arkan and wife Ceca , Yugoslav turbo-folk music star , watch ceremony marking the 50th anniversary of the Red Star sports club in Belgrade March 4. The newly-wed couple draw masses of onlookers wherever they go
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Das frisch vermählte Paar bei der Feier eines Fußballclubs in Belgrad 1995.

© REUTERS/Ivan Milutinovic

Kurz vor der Ermordung des Ministerpräsidenten traf sich Dušan Spasojević, einer der führenden Köpfe des Zemun-Clans im Stadion des FK Obilić mit Ceca. Wie die Sängerin in einer Dokumentation berichtet hat, wollte er ein Alibi von ihr und kündigte an, es werde „etwas Schreckliches passieren“. Das ist kein Beleg dafür, dass Ceca vom geplanten Attentat wusste. Dafür wurde sie nie beschuldigt. Es zeigt aber ihre Nähe zu diesem Milieu.

Fünf Tage nach der Ermordung Đinđićs wird Ceca im Rahmen der Polizeiaktion „Sablja“ festgenommen. Bei der Durchsuchung ihres Hauses werden Waffen, Munition sowie militärische und polizeiliche Ausrüstung gefunden. Gleichzeitig laufen Ermittlungen gegen sie wegen der Geschäfte des FK Obilić und der Transfers von Fußballspielern.

Acht Monate Hausarrest für den Popstar

2011 bekennt sich Svetlana Ražnatović im Rahmen einer Vereinbarung mit der Staatsanwaltschaft schuldig, Gelder aus den Transfers von zehn Spielern des FK Obilić rechtswidrig einbehalten sowie elf Pistolen illegal besessen zu haben. Sie wird zu einem Jahr Hausarrest und einer Geldstrafe von 1,5 Millionen Euro verurteilt. Unter Anrechnung ihrer Untersuchungshaft verbringt sie davon acht Monate im Hausarrest.

ASS HLN Dochter van Arkan Belgrade, Serbia - JANUARY 15 : Ceca Raznatovic pictured at the memorial service by the grave of Arkan on January 15, 2020 in Belgrade, Serbia, 15/01/2020 Belgrade Serbia PUBLICATIONxNOTxINxFRAxBEL Copyright: xJoelxHoylaertsx
Ceca und Angehörige am Grab.

© IMAGO/Joel Hoylaerts

Es geht auch nicht um ein Verbot ihrer Musik, nicht darum, Menschen vorzuschreiben, was sie hören dürfen. Die Frage ist eine andere: Welche Verantwortung tragen Veranstalter, Medien und Institutionen, wenn sie eine Person präsentieren und vermarkten, deren dokumentierte Biografie so eng mit hochproblematischen Machtstrukturen der 1990er Jahre verflochten ist? Diese Verantwortung beginnt zumindest damit, diese Biografie nicht teilweise verschwinden zu lassen.

Menschen können sich verändern. Sie können Fehler eingestehen, sich von Personen und Strukturen distanzieren, die sie einst öffentlich unterstützt haben. Sie können Opfer anerkennen und damit zeigen, dass ein Bruch stattgefunden hat. Doch ein solcher Bruch ist bei Ceca nicht zu finden.