Finale der Berlinale: Mit eigenen Augen in andere sehen
Wie verrückt ist das denn? Schon wieder hat der beste Film gewonnen. „Gelbe Briefe“, das eindringliche deutsch-türkische Familiendrama über den Druck der Anpassung in autoritären Staaten, trägt völlig zu Recht den Goldenen Bären aus dem Berlinale-Palast davon.
Nicht nur nebenbei ist das deutsche Kino zurück auf der Weltbühne: mit dem Berliner Regisseur İlker Çatak, der den Mut der kleinen Taten beschwört. Und mit der besten Schauspielerin Sandra Hüller, die im Film „Rose“ eine Frau spielt, die sich in rauen Zeiten nur als Mann durchzukämpfen weiß und genau deshalb eine mutige Frau bleibt. Menschen können sich behaupten mit ihrer menschlichsten Kraft: der Hoffnung. Die Berlinale behauptet das nicht nur. Sie zeigt es vor den Augen der Welt.
Zehn wilde Tage. Zehn wilde Nächte. Zehntausende wilde Debatten über die zerrissene Lage der Welt. Zweihundertsiebenundsiebzig Filme, viele davon Weltpremieren. Mehr als dreihunderttausend verkaufte Tickets. Oder wie man unter der Diskokugel am roten Teppich sagt: Kannste nich‘ meckern.
Manche rufen „Free Palestine!“, andere: „Free Palestine von Hamas!“
Noch einmal hat sich Berlin schick herausgeputzt für die Abschlussgala am Sonnabendabend. Im ersten Vorfrühlingsregen zeigt die Prominenz aus Holly-, Bolly- und Bollewood noch einmal Hemd und Haut und das Wichtigste in diesen Zeiten: Empathie füreinander.
Emin Alper, der Regisseur des mit dem silbernen Bären ausgezeichneten Dramas „Kurtuluş“, die eine Clanfehde in einem türkischen Bergdorf nachzeichnet, erinnert bei seiner Dankesrede an die universelle Menschlichkeit. Gleichrangig ruft er der Zivilbevölkerung in Gaza, den staatlich terrorisierten Menschen im Iran und den Inhaftierten in der Türkei zu: „Ihr seid alle nicht allein.“ Mehr als das kann die Berlinale für die Welt kaum tun, als ihr die Augen zu öffnen.