Deutscher Buchpreis für Shida Bazyar: Über diese Gewinnerin freuen sich alle, die die Literatur lieben

In der jetzt über zwanzigjährigen Geschichte des Deutschen Buchpreises dürfte es wohl selten eine Preisverleihung und eine Preisträgerin gegeben haben, mit der alle, die sich mit Literatur beruflich oder einfach privat beschäftigen, die die Literatur lieben und wichtig finden, ja, mit der also wirklich alle, alle einverstanden sind.

Shida Bazyar hat mit „Die Lücken“ tatsächlich einen der überragenden Romane dieses Jahres geschrieben: über einen Ort im Hunsrück. Über die Vergangenheit dieses Ortes, insbesondere die nationalsozialistische, die durch die Generationen hindurch bis in die Gegenwart reicht. Über seine Bewohnerinnen und Bewohner – über jene, die sich schuldig oder mitschuldig gemacht haben, in welcher Form auch immer. Und über jene, die deportiert und in den Konzentrationslagern ermordet wurden.

Überzeugende literarische Form

Überragend ist der Roman gerade auch wegen seiner Form, der von Bazyar gewählten kaleidoskopischen, multiperspektivischen Struktur mitsamt einer schon toten Erzählerin. Diese schwebt gewissermaßen über ganz Hermesbach, wie der Geburtsort von Bazyar, das reale Hermeskeil im Hunsrück, in „Die Lücken“ heißt.

Und zu Recht lobt die Jury überdies „die enge Verbindung von fiktiven und dokumentarischen Elementen, von erfundenen und historischen Figuren, die selbst eine Stimme bekommen“, die wiederum einen „starken Nachhall“ erzeuge.

Wie immer die Diskussionen verlaufen sein mögen, wie groß die Chancen und Sympathien innerhalb der Jury für Dana Vowinckel mit ihrem vorab ebenfalls vielerorts gefeierten Roman „Alma und Anton“ über eine deutsch-jüdische Liebesbeziehung oder die für Peggy Mädler mit ihrem DDR-Roman „Selbstregulierung des Herzens“ waren: Überzeugend ist auch, dass sich die Jury von außerliterarischen Argumenten nicht leiten ließ.

Vom Wert und der Güte deutschsprachiger Gegenwartsliteratur

Davon, dass Shida Bazyar vor ein paar Wochen erst den mit 30.000 Euro dotierten Wilhelm-Raabe-Preis gewonnen hatte; oder davon, dass „Die Lücken“, „Anton und Alma“ und auch Valerie Gordeevs Roman „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ seit einigen Wochen ganz vorn in den Bestsellerlisten stehen und den Buchpreis-Boost gar nicht brauchen.

All das spricht aber auch für die aktuelle deutschsprachige Gegenwartsliteratur, für ihren Wert und ihre Güte, die mit der diesjährigen Shortlist-Auswahl ihren kongenialen Widerhall fanden. Und auch für ihre – bewusste oder unbewusste – politische Herangehensweise (die Dana Vowinckel in dem Filmchen über ihren Roman lieber komplett abstreiten wollte) und ihre politische Notwendigkeit.

Es gibt im Moment keine Minderheit in Deutschland, die keinen Grund zur Sorge hat

Shida Bazyar bei ihrer Dankesrede

Shida Bazyar machte das in ihrer alles andere als spontanen Dankesrede deutlich, als sie zunächst davon sprach, Schwierigkeiten damit zu haben, Freude zu empfinden. Denn sie habe eben einen Roman über Menschen geschrieben, die verfolgt, terrorisiert und ermordet wurden: „Das kommt mir nicht ganz richtig vor. Deswegen gehören die Freude über den Preis und die Wertschätzung für mich den Personen, um die es in diesem Roman geht.“

Sie ergänzt, dass „antisemitische und rassistische Straftaten auf ihrem Höchststand sind und es im Moment keine Minderheit in Deutschland gibt, die keinen Grund zur Sorge hat“.

Und zitiert einen Satz von Hannah Arendt, der sie beim Schreiben von „Die Lücken“ lange beschäftigt habe: „Das Problem ab 1933 war doch nicht, was unsere Feinde gemacht haben, sondern was unsere Freunde gemacht haben.“ Dass man vor allem auch unter diesem Aspekt ihren Roman lesen sollte, versteht sich von selbst.