Afro-französische Familiengeschichte „Dao“: So ausgelassen feiern die Kinder der Diaspora

In bildungsbürgerlichen Milieuerzählungen ist der Topos Familienfeier ein ständiger Konfliktherd: Handlungsort generationenübergreifender Traumata und therapeutische Bühne jahrelang unterdrückter Zwietracht. Optimistisch betrachtet könnte man dem entgegenhalten, dass die im Laufe eines Lebens immer seltener werdenden Feierlichkeiten auch ein schöner Anlass sind, die allmählich entfremdete Verwandtschaft mal wiederzusehen.

Und das reicht dann meist auch, bis zum nächsten runden Jubiläum in zehn Jahren. Der franko-senegalesische Regisseur Alain Gomis („Félicité“) hat mit seinem sechsten Spielfilm „Dao“, der auf der Berlinale im Februar seine Weltpremiere feierte (und unerklärlicherweise leer ausging), die herkömmliche Familienfeier-Dramaturgie von Begegnung, Konflikt und Katharsis für ein Prinzip aus der taoistischen Leere geopfert.

Die Idee des „Dao“, erklärt eine Texttafel zu Beginn des Films, beschreibt eine fortlaufende Kreisbewegung, die durch die Welt fließt und alles miteinander verbindet. Diese nicht-lineare Verbindung überbrückt bei Gomis nicht nur die Zeit und die Kontinente, sondern auch die erzählerische Haltung. Zwei Feiern stehen in „Dao“ im Zentrum, um das seine Episoden und Handlungsmotive kreisen.

Gloria (Katy Correa) reist mit ihrer Tochter Nour (D’Johé Kouadio) in das Dorf ihres verstorbenen Vaters nach Guinea-Bissau, um sich in einer mehrtägigen Zeremonie von ihm zu verabschieden. Für die in Frankreich geborene Nour ist es der erste Kontakt mit diesem Teil der Familiengeschichte. Parallel zu dieser Reise erzählt „Dao“ die Hochzeitsfeier von Nour auf einem mondänen Landsitz außerhalb von Paris, auf der die Familienmitglieder aus Afrika und der europäischen Diaspora nach langer Zeit wieder zusammenkommen.

Nicht nur die Handlungsorte könnten kaum unterschiedlicher sein. Die Parallelgeschichten bilden auch unterschiedliche Perspektiven auf das Konzept „Familie“, die Gomis auf einer dritten Ebene zusammenführt. „Dao“ beginnt mit einer Casting-Situation in einem schmucklosen Raum.

Er suche eine echte „Fake-Familie“, erklärt der Regisseur aus dem Off, die sich aus den persönlichen Erfahrungen der Darstellerinnen speist. Hier begegnen sich Correa und Kouadio zum ersten Mal; im gemeinsamen Spiel sollen sie ihr Mutter-Tochter-Verhältnis aushandeln und entwickeln. Aber sind die Vorbehalte, die die „Mutter“ gegen die Hochzeit ihrer „Tochter“ mit James (Mike Etienne) hat, bloß eine Improvisation, oder mischen sich in die Performance auch persönliche Gefühle?

Diese dokumentarischen Ambivalenzen halten die beiden Familienzusammenkünfte, bei denen über Vergangenes gestritten und die Familiengeschichte als Aufbruch weitererzählt wird, immer wieder auf Distanz. Die Geister der Vergangenheit sind präsent, nicht nur in den Ritualen der traditionellen Dorfgemeinschaft, sondern auch in den Erinnerungen der Nachgeborenen. Glorias Vater, Louis Mendy, verließ einst sein Dorf, um sich in Frankreich eine neue Existenz aufzubauen. Später ließ er seine Familie dort zurück und ging wieder nach Guinea-Bissau. Die Erinnerungen sind überschattet, getrübt.

Film "Dao" von Alain GomisFoto: Films That MatterEin Landei im Olympiataumel Die Tragikomödie „Ein Sommer in Paris“ atmet das Flair der Spiele „Masters Of The Universe“ im Kino He-Man ist die neue Barbie

Lesen Sie jetzt auch:

Gomis verwebt die beiden Rituale in einer mitreißenden Parallelmontage zu einem einzigen Flow, der Vergangenheit und Gegenwart, Komik und Drama, traditionelle und Popmusik, die Geschichten zweier Kontinente und die nachfolgender Generationen verbindet. In Guinea-Bissau streift Nour einmal durch die Stadt und bleibt vor einem Denkmal stehen, das an den Sklavenhandel zwischen Afrika und Europa erinnert. Auf ihrer Hochzeitsfeier entfernt sie sich nachts von dem Anwesen und streift in Begleitung von James durch den Wald.

„Dao“ handelt von der Übermittlung von Erinnerungen, um etwas Neues entstehen zu lassen. Irgendwann, das sieht auch Mutter Gloria schließlich ein, müssen die Kinder der Diaspora ihre eigenen Erfahrungen machen.