Zum Tod des Schriftstellers Andreas Neumeister: Als der Wohlfühlbahnhof noch einen guten Klang hatte

Die neunziger Jahre waren die goldene Zeit der Popliteratur. Selbst der Suhrkamp Verlag wollte da nicht zurückstecken. 1998 schaltete Suhrkamp eine Anzeige in der „Spex“, der damals noch tonangebenden Popkulturzeitschrift, mit drei großen Lettern drauf: POP. Der Verlag wollte damit drei seiner neuen Titel bewerben, von Schriftstellern, die der Popliteratur zugerechnet wurden: Thomas Meineckes Roman „Tomboy“, Rainald Goetz’ Erzählung „Rave“ und Andreas Neumeisters ebenfalls gattungstechnisch als Roman firmierendes Buch „Gut Laut“.

Folgt man Thomas Meinecke, war es Rainald Goetz, der für den Schriftzug „Pop“ in Großbuchstaben plädierte; Andreas Neumeister aber war derjenige, der den schönen Satz „Das Wort Pop kennt keinen Artikel“ prägte. Neumeister, 1959 in Starnberg geboren, war der Poplyriker unter den Popschriftstellern, ein Meister des Samplings und der Collage, wenn man so will: ein literarischer DJ.

Im Kontext elektronischer Musik

Lange bevor das Label „Popliteratur“ Ende der neunziger Jahre zu einem der erfolgreichsten auf dem deutschsprachigen Buchmarkt werden sollte, experimentierte Neumeister in der Tradition eines Rolf Dieter Brinkmann mit einer am Pop orientierten Prosa. In Büchern wie „Äpfel vom Baum im Kies“ und „Salz im Blut“ erzählte er von seiner Kindheit und Jugend in München, aber nicht episch und realistisch, sondern in Form kleiner Versatzstücke, loser Erinnerungssplitter, zeitgemäßer Beobachtungen, Listen und Statistiken.

In „Gut laut“, eben jenem in der „Spex“ von Suhrkamp beworbenen Roman, der für die Literatur so was war wie ABCs „Lexicon of Love“ für die Popmusik der Achtzigerjahre oder wie das Stück „No UFOs“ von dem ebenfalls gerade verstorbenen Juan Atkins für den Techno der Neunziger, schrieb Neumeister, immer noch mehr „words per minute, words per decade, words per age“ zu wollen; das Buch wollte er am liebsten nur im Kontext elektronischer Musik angesiedelt sehen.

Sein Schreiben beschrieb er einmal in einem Interview als „ein ständiges Pendeln zwischen einer songartigen Struktur und nachdenklicheren Passagen, die man gar nicht so umbrechen könnte, dass sie wie ein Gedicht aussehen.“

Erst wenn schließlich auch die Werbeblöcke gestrichen werden, ist die Sache wirklich ernst.

Andreas Neumeister in seinem Buch „Angela Davis löscht ihre Website“!

Mit dem Band „Angela Davis löscht ihre Website“ verfolgte er dieses Programm weiter und verband Pop und politisches Denken, fragte „Vortäuschung falscher Tatsachen oder Vortäuschung richtiger Tatsachen?“ und konzedierte: „Erst wenn schließlich auch die Werbeblöcke gestrichen werden, ist die Sache wirklich ernst.“

Auch sein letztes Buch, das 2008 erschien, „Könnte Köln sein“, eine Reise durch die Metropolen dieser Welt, von Paris über Mexico City nach Los Angeles, aber auch Köln und München, nun ja, erinnert nur fern an einen Roman. Es gibt zwar bisweilen ein erzählendes Ich und auch ein paar Figuren, mit denen dieses Ich unterwegs ist.

Doch darüber schwebt der große Kompilator und Collagist Andreas Neumeister, der seine Wörter- und Prosaketten durchdacht aneinanderreiht oder den Zufallsgenerator anschmeißt und schreibt, was ihm gerade einfällt: „Hunger, müde, steif“ zum Beispiel. Oder er bettet zwischen topografische Erörterungen Münchens Anfang der siebziger Jahre eine private Erinnerung ein: „Vater kommt immer noch später nach Hause. Vater als Bauleiter bei olympiawichtigen Bauten.“

Neumeister ging es häufig primär um den Klang der Worte, um eine gut klingende Prosa. Das formulierte er so auch in seinen Büchern: „Bilbao-Effekt klingt gut, Wohlfühlbahnhof klingt besser.“ Oder „Sex architecture klingt gut.“ Oder: „Ku’damm klingt nicht besonders urban.“

Leider sollte „Könnte Köln sein“, wofür es mindestens einen Preis für den besten Buchtitel der Popliteratur hätte geben müssen, schon das Vermächtnis von Andreas Neumeister werden. Wie ein Musiker, der was auf sich hält und allein deshalb jedem Comeback-Versuch widerstehen würde, zog der Schriftsteller sich aus dem Pop- und Literaturbusiness zurück. Nun ist Andreas Neumeister, wie der Suhrkamp Verlag vermeldet, in seiner Heimatstadt München gestorben. Er wurde 67 Jahre alt.