Kommissar Voss steht verzaubert am Abgrund: So gut ist der neue Franken-„Tatort“

Die Verabschiedung von seiner langjährigen Partnerin und Mutterfigur Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) hatte Kriminalhauptkommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) ganz schön mitgenommen. Jedenfalls sah man ihn selten so pessimistisch wie im Solo-Fall „Ich sehe dich“ im September 2025.

Wie ein Geschenk Gottes muss ihm da seine neue Kollegin Emmy Rathgeber (Rosalie Thomass) aus München vorkommen, die ihren Einstand an seinem Geburtstag gibt. Den Begrüßungsblumenstrauß, den Voss fälschlicherweise für sein Geschenk hielt, teilt sie sympathischerweise. So wie kurze Zeit später ein Schmerzmittel gegen seinen Kater, dass sie aus ihrer vollgestopften Tasche kramt. Da sind sie bereits auf dem Weg zu ihrer ersten gemeinsamen Leiche.

In einem Stundenhotel wurde die Travestiekünstlerin Stella, die dort nach ihren Auftritten Freier empfing, mit aufgeschlitzter Kehle gefunden. Was oberflächlich betrachtet wie ein „typischer“ Fall im Rotlichtmilieu aussieht, entpuppt sich als Missbrauchstragödie und Rachethriller. Das darf man verraten, ohne zu spoilern, denn das Publikum ist dem Ermittlerduo von Anfang an voraus.

Zur Hälfte ist dieser „Tatort“ romantische Komödie

Regisseur Dustin Loose und sein Drehbuchautor Constantin Lieb schaffen mit dem krassen Fall den größtmöglichen Kontrast zur Annäherung von Voss und der empathischen und pragmatischen Rathgeber. Es „klickt“ unmittelbar zwischen den beiden. In kürzester Zeit möchten sie ihre Gefühle und Geschichten teilen, sodass sie sich mit dem Satz „Aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal“ bremsen müssen. Das ist ganz zart, geistreich und ungeheuer humorvoll erzählt. Eigentlich ist der „Tatort – Gottesgarten“ (Sonntag, ARD, 20:15 Uhr, ARD-Mediathek) zur Hälfte eine romantische Komödie.

Selbst Spusi Schatz (Matthias Egersdörfer) fällt sofort die Wirkung auf, die die neue Kollegin auf Voss habe: Er würde gar nicht mehr so Buddenbrooks-steif wirken.

Drehbuchautor Constantin Lieb hat ein schönes Bild gefunden für das Verhältnis der beiden. Emmy Rathgeber fordert von ihrem erfahrenen Kollegen das Versprechen ein, dass er sie nicht wie seine Assistentin behandeln werde. Versprechen kann er es nicht, bemühen will er sich aber schon.

Als Codewort, wenn es doch passieren sollte, vertraut er ihr „Zwetschgen-Quarkknödel“ an. Das Lieblingsgericht, das seine schlesische Oma für ihn als Kind gekocht hat. Wie sich später herausstellt, holte er sich dort Liebe und Verständnis. Etwas, das er von seinem Vater nicht erwarten konnte.

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Erstaunlicherweise erwartet auch die sonst so empathische Emmy nicht viel von Familien. Was da an Trauma schlummert? Sie hat wohl ihren kleinen Bruder verloren, „eine Geschichte für ein anderes Mal“. Dass sie mit einem Trick vermeidet, das Opfer Stella, das sie als schön empfand – als Frau und Mann –, in der Gerichtsmedizin anschauen zu müssen, gibt zu denken.

Die Erinnerung ist das einzige Paradies, woraus wir nicht vertrieben werden können.

Kommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) zitiert Dichter Jean Paul

Ebenso emotional wollen Drehbuch und Regie das Thema des Kriminalfalls angehen, nämlich, wie Recht und Gerechtigkeit manchmal auseinanderklaffen und was das auslösen kann. „Ne bis in idem“. Niemand darf in Deutschland für ein Verbrechen verurteilt werden, für das er schon einmal freigesprochen wurde. Selbst, wenn neue Beweise auftauchen, selbst bei einem Kapitalverbrechen.

„Gottesgarten“ findet leider kein gutes Gleichgewicht zwischen der Rathgeber-Voss-Lovestory einerseits und dem todtraurigen, aber absehbaren Fall andererseits, der als Stichwortgeber für ihre Annäherung dient.

Spannend wird es aber auf jeden Fall, wie es für Rathgeber und Voss weitergeht. Das ist auch mit dem doppelt schockierenden Ende von „Gottesgarten“ angelegt.

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