„Ich habe Dinge erlebt, die völlig inakzeptabel waren“: Die unglaubliche Karriere von Turnstar Kaylia Nemour
Sie ist die mutigste Fliegerin zwischen den Holmen. Nahtlos reiht Kaylia Nemour am Stufenbarren Höchstschwierigkeiten aneinander. Kein Zwischenelement stört ihren Bewegungsfluss; es scheint, als würden für sie andere Gesetze der Schwerkraft gelten.
An ihrem Paradegerät hat die 19 Jahre alte Kunstturnerin damit schon länger eine Ausnahmeposition erreicht. Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris sicherte sie sich die Goldmedaille, und auch am Samstag in Rotterdam, da es ihren Weltmeistertitel aus dem vergangenen Jahr zu verteidigen gilt, wäre alles andere als ein erneuter Triumph der Algerierin eine Überraschung.
„Mir sind heute ein paar kleine Fehler unterlaufen, aber das hilft mir, bis Ende der Woche eine Lösung dafür zu finden“, erklärte Nemour später in der Mixed Zone der Ahoy Arena. Ende der Woche, dazu zählt auch der Freitagabend, an dem sie erstmals erfolgreich nach der Mehrkampfkrone greifen und zum wiederholten Male für ihr Land Geschichte schreiben will.
Die Vorleistungen, darunter die Führung nach der Vorausscheidung, weisen ihr die Favoritenrolle zu. Titelverteidigerin Angelina Melnikowa aus Russland fehlt aufgrund von Visaproblemen. Mit dem Stress, dem Publikum, der Atmosphäre umzugehen, das habe sie ja jetzt schon mal geübt, sagte Nemour, die im vergangenen Jahr das Podest nach einem Sturz vom Schwebebalken knapp verpasst hatte.
Nemour ist in Frankreich geboren und im dortigen System groß geworden
Die Stellung der Vorturnerin im Heimatland ihres Vaters unterstreicht, dass der nordafrikanische Staat erstmals eine ganze Riege zu einer WM entsenden konnte. Dabei ist Nemour selbst in Frankreich geboren und im dortigen System groß geworden. Erst ein Streit mit dem Verband ließ sie sich von diesem lösen.
Als 14-Jährige wurde Nemour wegen Osteochondrose an beiden Knien operiert. Als ihr Arzt sie wieder für den Sport freigeben wollte, sprach sich der Mediziner der Nationalmannschaft dagegen aus. In ihrem Klub Avoine-Beaumont im Loiretal trainierte sie trotzdem; bei der zentralen Olympiavorbereitung in Paris blieb sie außen vor. Mitte 2022 folgte ein Antrag auf Startrechtswechsel, und nach anfänglicher Sperre konnte Nemour bei der WM 2023 in Antwerpen das Olympiaticket lösen.

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Was damals noch wie ein möglicher Vertrauensbeweis gegenüber ihren Heimtrainern Marc und Gina Chirilcenco hätte gedeutet werden können, stellt sich längst ganz anders dar. Im Zuge des Konflikts war vonseiten des französischen Verbandes bereits massive Kritik an den Methoden des Betreuerpaares geäußert worden, die Nemour selbst mittlerweile bestätigt hat. Seit eineinhalb Jahren übt sie ihre Schwünge und Felgen bei ihrer langjährigen Choreografin Nadja Massé in Dijon.
Ende 2025 hat sie ein Buch, „L’ombre de l’or“ (Der Schatten des Goldes), veröffentlicht, in dem sie über ihre Erlebnisse in der Vergangenheit erzählt. Die Wahrheit loszuwerden, sei für sie wie eine Therapie gewesen, sagte sie dazu in einem Interview. „Im Kunstturnen dreht sich alles um Disziplin und Wiederholung. Aber es geht nicht um Schreien, Demütigung oder Tränen.“ All das hatte allerdings über viele Jahre hinweg ihren Alltag geprägt. Ihr Trainerwechsel sei ein Befreiungsschlag gewesen. „Ich habe Dinge erlebt, die völlig inakzeptabel waren.“
Ich kannte es nicht anders, und mir wurde gesagt, dass das im Spitzensport so gemacht werden müsse.
Kaylia Nemour über den Drill ihrer Trainer im Jugendalter
Als Kind habe sie lange nicht begriffen, dass das und die totale Kontrolle, die ihre Trainer auf sie ausübten, nicht normal seien. „Ich kannte es nicht anders, und mir wurde gesagt, dass das im Spitzensport so gemacht werden müsse.“ Auch wenn es ihr gelungen sei, auf diesem Weg die Basis für ihre Erfolge zu legen, heiße das nicht, dass er richtig sei. Als sie versucht habe, nach den Spielen von Paris mit ihren Trainern zu sprechen, sei sie danach in der Halle ignoriert worden.
Die Chirilcencos arbeiten mittlerweile in Katar, um dort ein konkurrenzfähiges Team für die Asienspiele 2030 aufzubauen. Formal sind sie von Vorwürfen des Machtmissbrauchs freigesprochen worden.
Nemour turnt in ihrer neuen Situation nun unbeschwerter auf. Die Vergangenheit verfolge sie zwar weiterhin, „es ist nicht einfach, sie loszuwerden“, sagte sie. Aber sie lerne, im Wettkampf mehr Spaß zu haben und stolz auf sich zu sein. „Ich mache Pläne und möchte die Welt anders entdecken.“ Vielleicht ja schon bald aus neuer Perspektive, dem Thron der Mehrkampfkönigin.