Künstlerin entwickelt Soundinstallation für die Nikolaikirche: Und alle Berliner summen mit

Eine Kinderstimme sagt: „Die Vergangenheit ist das, was schon passiert ist. Und was schon passiert ist, passiert nicht nochmal.“ Eine andere müht sich, Jahreszahlen vorzulesen – „1657, 1660, 1670“ – schweift aber immer wieder ab. Die Stimmen kommen aus der Kanzel, die über den Köpfen schwebt.

Ein Pfarrer predigt dort schon lange nicht mehr. Die älteste Kirche Berlins, Grabstätte der Berliner Eliten, Schauplatz der Reformation, ist seit den 1990er-Jahren ein Museum.

Die in Berlin lebende Künstlerin Annika Kahrs hat für diesen in der DDR rekonstruierten Mittelalterbau, der 800 Jahre Stadt- und Kirchengeschichte erzählt, nun eine Klanginstallation geschaffen. Sie führt in sieben Stationen durch das Gebäude vom Glockenspiel im Außenraum bis hinein zur Apsis.

Gemeinsam die Stimme erheben

Sichtbares Zeichen dieser Installation sind mehrere blaue Bänke mit wellenförmigen Sitzflächen, die im Mittelschiff aufgestellt sind. Während die Welt draußen tobt und zankt, eine Erregungswelle die nächste jagt, ist das ein entschleunigendes Kontrastprogramm. Man muss sich Zeit nehmen, erst mal selbst still werden. Nicht immer lässt sich sofort entschlüsseln, was man da hört. Die Töne wandern, mal erklingen sie von der Orgelempore, mal vom Chorraum. Das macht den Charme dieser Komposition aus.

Nikolaikirche, Foto: Stiftung Stadtmuseum/Fiona Hirschmann
Die Nikolaikirche mit ihren markanten Doppeltürmen ist heute ein Museum.

© Stiftung Stadtmuseum/Fiona Hirschmann

Die 1984 geborene Kahrs wirbelt in ihren Performances und Videoinstallationen regelmäßig musikalische Gewissheiten durcheinander. Sie sammelt ihre Klänge in unterschiedlichen Räumen: auf einem Schiff, im Parlament, im Kaufhaus. Wie sie mit Chören, Wissenschaftlern, professionellen Musikern und Laiensängerinnen arbeitet, konnte man in Berlin in diesem Jahr bereits eindrücklich erleben.

Bis Mitte des Jahres lief ihre große Einzelausstellung im Hamburger Bahnhof. Sie wurde ergänzt durch Performances an Orten außerhalb des Museums, etwa in der Hörsaalruine des Medizinhistorischen Museums oder im Musikinstrumenten-Museum am Potsdamer Platz.

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„Es gibt den Bezug zur Stadt, es soll aber auch als Gesamtkomposition funktionieren“, sagt Kahrs. Von der Akustik in der Kirche waren sie alle überrascht, erzählt das Dreier-Team bei der Ausstellungsbesichtigung. Viele Sounds wurden im Studio vorbereitet und entfalteten in den Weiten des riesigen Kirchenraumes eine neue Wirkung und Intensität. Das Besondere an dieser Arbeit ist, dass man nicht, wie sonst bei Kahrs, auch Videomaterial sieht. Die eigene Vorstellungskraft ist umso mehr gefordert.