Zwischen Tränen, Titeln und Erklärungsnot

Alexander Zverev taucht erst einmal ab. Nach dem Aus bei den ATP-Finals in London am Freitag durch seine Zweisatzniederlage gegen Novak Djokovic reist der deutsche Tennisprofi in den nächsten Tagen in den Urlaub auf die Malediven. Dort will der 23-Jährige den Kopf wieder frei bekommen und Kraft tanken für die nächste Saison. In der es dann endlich klappen soll mit dem ersten Triumph bei einem Grand-Slam-Turnier.

Zunächst aber blickte er am Freitag zurück auf 2020: „Es war generell ein relativ positives Jahr für mich. Ich habe viele neue Erfahrungen gesammelt“, bilanzierte Zverev. 27 seine 36 Turniermatches gewann er, holte in Köln seine Titel Nummer zwölf und 13 und stand bei den US Open erstmals in einem Grand-Slam- Finale. „Natürlich wollte ich ein paar mehr Matches gewinnen, vor allem die wichtigen und die großen. Aber es ist jetzt so wie es ist, und ich freue mich auf das nächste Jahr“, sagte Zverev auf der Pressekonferenz nach dem Djokovic-Match.

Sportlich hat der Hamburger den nächsten Schritt gemacht, am Ziel seiner Wünsche ist er noch nicht. Bei den in diesem Jahr coronabedingt nur drei Grand-Slam-Turnieren zeigte er sich gereift, in New York fehlte ihm im Finale gegen Dominic Thiem nur eine Winzigkeit zum Erfolg.

Allerdings steht bei den Saisonhöhepunkten die nach wie vor katastrophale Karrierebilanz von null Siegen gegen Top-Ten-Spieler bei ihm in der Statistik. Dass er die Großen durchaus schlagen kann, hat Zverev bisher nur bei kleineren Turnieren bewiesen.

Tennis ist jedoch längst nicht alles, was Alexander Zverev zuletzt bewegt hat. Da waren die Corona-Partys bei der Adria Tour und sein anschließendes Schweigen dazu. Später wurde es privat, Zverev gab bekannt, dass er erstmals Vater wird. Mit Brenda Patea, der Mutter seines Kindes, ist er allerdings schon nicht mehr zusammen. „Ich habe mehr erlebt als in den normalen Jahren“, sagte Zverev in London und ergänzte: „Aus meinem Jahr kann man eigentlich einen Film machen.“

Seine frühere Freundin Olga Scharipowa wirft ihm vor, gewalttätig geworden zu sein

Je nachdem, wer dabei Regie führen würde, wäre er darin aber nicht unbedingt der Gute. Das wiederum hängt mit einer weiteren Ex-Freundin zusammen. Olga Scharipowa warf Zverev jüngst öffentlich vor, gewalttätig gegen sie geworden zu sein. In einem Artikel des amerikanischen Tennis-Journalisten Ben Rothenberg untermauerte die Russin ihre Anschuldigungen mit detaillierten Schilderungen von Zverevs angeblichen Taten.

Der reagierte in den sozialen Netzwerken mit einem Statement, in dem es unter anderem hieß: „Die Vorwürfe entsprechen schlicht nicht der Wahrheit. Wir hatten eine Beziehung, die aber seit langem beendet ist. Warum Olga diese Vorwürfe jetzt erhebt, kann ich mir nicht erklären.“ Viel mehr wollte Zverev dazu nicht mehr mitteilen, auch wenn er mit dem Thema in London immer wieder konfrontiert wurde: „Was soll ich noch sagen? Es gibt nichts mehr, was ich machen kann.“

So muss Zverev inzwischen nicht mehr nur auf dem Platz um Punkte, sondern daneben auch noch um seinen Ruf kämpfen. Und um den war es schon vorher nicht unbedingt zum Besten bestellt – gerade in Deutschland. Auch weil er aus Fehlern nicht zu lernen scheint und sich zudem häufig zu Unrecht kritisiert fühlt: „Ich habe gelernt, dass es immer Leute geben wird, die es nicht gut mit dir meinen. Sie wollen, dass du fällst, wenn du oben bist. Es liegt an mir, das nicht zuzulassen“, sagte er kürzlich.

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Der Tennisplatz ist da beinahe schon eine Zuflucht für Zverev. Zwischen den anderen, noch deutlich größeren Stars der Szene, fühlt er sich akzeptiert und gemocht. Das zeigte die innige Umarmung mit Djokovic nach der Niederlage am Freitag. Angesprochen auf seine Wünsche für 2021 erklärte Zverev: „Drei Grand-Slam-Siege, dass mein Kind gesund auf die Welt kommt und natürlich, dass die Coronavirus-Krise endet.“

Für einen Film, der in zwölf Monaten in die Kinos kommt, wäre das ein kitschiges Ende – in dem Alexander Zverev der strahlende Held wäre.