Zwischen Panikattacken und Weltruhm

Wenn es stimmt, dass jede Generation die Popstars bekommt, die sie verdient, besteht Anlass zur Hoffnung. Diese Hoffnung wurde gerade 19 Jahre alt, ist damit nur unwesentlich älter als ihre Fans, und sie weigert sich hartnäckig, lediglich als das nächste Kapitel in die Ahnengalerie der Justins, Taylors, Mileys und Arianas einzugehen; Kinderstars zwischen PromiEltern, Youtube und dem DisneyChannel. Die Fans von Billie Eilish geben sich auch keine Namen wie „Belieber“, „Swifties“ oder „Arianators“, die Mitgliedschaft im Club der „Avocados“ (Eilishs erstes Alias auf Instagram) erfordert keinen Treueschwur und keine Uniform. Ihre Zuneigung geht tiefer als das Gefühl des ersten Liebeskummers oder die Scham über die eigene körperliche Unzulänglichkeit. Auf ein Vorbild wie Billie Eilish musste die Teenager-Welt lange warten.

Popstars zeigen die Sollbruchstellen eines Generationenkonflikts auf. Das ist bei Billie Eilish nicht anders, die durch ihre Musikvideos wie ein blauhaariges Cosplay-Meme springt, aus den Augen blutet und deren Shows eher an japanische Horrorfilme erinnern, in denen die Geister junger Mädchen mit leeren Blicken aus rauschenden Fernsehern steigen. Billie Eilish versetzt fürsorgliche Eltern in Angst und Schrecken – aber nicht, weil sie in jungen Jahren mit Drogeneskapaden Schlagzeilen machte (Bieber) oder nackt auf Abrissbirnen saß (Miley). Sondern weil Eltern in diesem verletzlichen, furchtlosen Teenager, der sich gern in neonfarbenen Sack-Outfits versteckt, ihre eigenen Kinder erkennen.

Im Dokumentarfilm „Billie Eilish: The World’s A Little Blurry“ (läuft auf AppleTV+), der ab dem heutigen Freitag zu sehen ist, sagt die Mutter dieses Popstars (76 Millionen Follower auf Instagram, über sieben Milliarden Clicks auf Youtube, 50 Millionen Streams auf Spotify monatlich) den bemerkenswerten Satz „Es ist eine schreckliche Zeit, ein Teenager zu sein“. Amerikas Generation Z sah sich in ihren ersten 15 Lebensjahren mit mehr Katastrophen konfrontiert als jede andere Generation zuvor: einer Opioidkrise, wachsender Bildungsungleichheit, Finanz- und Immobiliencrashs, die viele Eltern obdach- und/oder arbeitslos machten, sowie einer irreversiblen Klimakatastrophe; nicht zu reden von den üblichen Pubertätskrisen, die alle Jugendlichen durchmachen. Wundert man sich da, fragt Mutter Eilish, dass Kinder wie ihre Billie depressiv aufwachsen?

Ein ganz und gar ungewöhnliches Teenagerleben

„Billie Eilish: The World’s A Little Blurry“ gewährt ungewöhnliche Einblicke in ein ganz und gar ungewöhnliches Teenagerleben. Mit allen Minitragödien, die man in jungen Jahren eben durchlebt (Billie am Handy, als sie von ihrem Boyfriend wieder mal versetzt wird), aber auch in Ausnahmezuständen, die man seinen Kindern nicht im Traum wünscht. Da steht Billie Eilish zwischen Panikattacken und Selbstzweifeln den Tränen nah hinter der Bühne, nur wenige Sekunden vor einem Auftritt vor Zehntausenden ausflippender Fans. Man spürt bei diesem herzzerreißenden Anblick für einen Moment selbst einen Kloß im Hals. Doch es ist kein voyeuristischer Blick, mit dem diese Apple-TV-Produktion Eilish taxiert, ihre Generation hat die Vorzüge und Nachteile permanenter Öffentlichkeit dank der Allgegenwart sozialer Medien ohnehin längst verinnerlicht.

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„Billie Eilish: The World’s A Little Blurry“ von R. J. Cutler entstammt der Direct-Cinema-Tradition, die der US-Dokumentarfilmer D. A. Pennebaker 1967 mit seinem Bob-Dylan-Porträt „Don’t Look Back“ über die erste Europatour des kurz zuvor zum Folkrocker konvertierten Beatnik-Folkie begründete. 1993 produzierte der Eilish-Chronist Cutler dann Pennebakers „The War Room“, eine Langzeitstudie über den Wahlkampf des Präsidentschaftskandidaten Bill Clinton – und bis heute einer der besten Dokumentarfilme über US-Politik. Irgendwo zwischen diesen popkulturellen Meilensteinen bewegt sich „The World’s A Little Blurry“.

Dem Direct-Cinema-Prinzip der fly on the wall ist Cutler während der dreijährigen Dreharbeiten treu geblieben. Es gibt nur wenige Archivaufnahmen (unter anderem von der jungen Billie mit ihrer Ukulele), stattdessen bewegende – mitunter erschütternde – Eindrücke vom strapaziösen Touralltag und der Familiendynamik der Eilishs, die diesem filmischen Dokument in den besten Momenten die Unmittelbarkeit eines Homemovies verleihen.

Sie wird von Tourette-Anfällen geschüttelt

Nach 140 Minuten versteht man etwas besser, warum Billie Eilish trotz ihrer psychischen und neurologischen Probleme (zwei Mal wird sie von Tourette-Anfällen geschüttelt), über die sie in ihren Teenage-Angst-Hymnen so ergreifend singt, mit ihren 19 Jahren schon deutlich reifer wirkt als viele ihrer Altersgenoss:innen. Die Eilishs – inklusive Bruder Finneas, der die Millionenhits seiner Schwester in einem stillen Kämmerchen seines Elternhauses produziert hat, und einer handzahmen Vogelspinne – sind eine amerikanische Bilderbuchfamilie der unkonventionellsten Sorte, sozusagen eine moderne Version der Trapps. Oder in Billies eigenen Worten: „My family is one big fucking song.“

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Gleichzeitig beschreibt „The World’s A Little Blurry“ ein Gegenmodell zum medial ausgeschlachteten Kinderstartum des frühen 21. Jahrhunderts, das ohne Helikoptereltern, Castingshows und die Hilfe einer gut geölten Fließbandmusikindustrie auskommt, die sich ihre Songs von skandinavischen Superproduzenten veredeln lässt. Billie Eilishs Musik ist im besten Sinn homegrown: Sie lebt noch bei den Eltern in einem Vorort von Los Angeles, Finneas produzierte das Titellied des kommenden Bond-Films vom Bett aus und steht bei der Grammy-Verleihung neben seiner Schwester. Billie Eilish ist vermutlich auch der einzige Popstar, der beim wichtigsten amerikanischen Musikpreis abräumt und sich am Ende keine #GrammysSoWhite-Shitstorms anhören muss. Ihre Konkurrenz, Lizzo, Khalid, H.E.R. und Lil Nas X, klatscht sichtlich gerührt auf ihren Plätzen.

Billie Eilish bei einem Auftritt in Atlanta, Georgia.Foto: Scott Legato/AFP

Wenn Billie Eilish sich im Film über ihre unglaubliche Geschichte wundert, wird sie wieder zum kleinen Mädchen, das wenige Jahre zuvor selbst noch Tränen für ihren Teenieschwarm Justin Bieber vergossen hat. Sie kennt die Nöte ihrer Altersgenoss:innen, die Sehnsucht nach Identifikationsfiguren nur zu gut. Auch darum nimmt man es ihr ab, wenn sie ihre Fans voll jugendlichem Pathos „ihr Herz“ nennt. Sie würde viel lieber mit Gleichaltrigen, die sie auch verstehen, rumhängen als in der Gesellschaft von slicken Anzugträgern, mit denen sie sich bei PR-Terminen fotografieren lassen muss. Und die sie nach einem kleinen Frustausbruch auch schon mal genervt stehen lässt.

Zufallstreffen von Billie Eilish und Justin Bieber

Billie Eilish ist ein ganz normaler Teenager geblieben, mit Ängsten, Selbstzweifeln und seit Kurzem sogar einem Führerschein – nur eben zufällig auch mit sehr sehr vielen Nullen. Trotzdem kann sie dem Gewese der Erwachsenen wenig abgewinnen. „Ich verstehe nicht“, erzählt sie in einem Radio-Interview, „warum die Leute so schockiert sind, wenn ich darüber singe, wie ich als Mensch bin.“

Ein Grund könnte sein, dass Billie Eilish so gar nicht dem typischen Bild eines Teeniestars entspricht. Auch darum besitzt eine Szene in „The World’s A Little Blurry“, die bereits vor zwei Jahren viral ging, sinnbildlichen Charakter. Es ist das Zufallstreffen von Billie Eilish und Justin Bieber auf dem Coachella Festival 2019, dem eine Art schüchterne Pantomime-Performance vorausgeht – und die mit einer innigen Umarmung endet, die offen lässt, wer hier eigentlich von wem Fan ist.

Bieber war einer dieser unbeschützten Kinderstars, der an seinem frühen Ruhm fast zerbrochen wäre – was Billies Mutter in der Dokumentation einmal fürsorglich bemerkt. In der Coachella-Szene mit Justin und Billie, ausgerechnet während eines Auftritts von Ariana Grande (ein aus anderen Gründen traumatisierter Ex- Teeniestar) steckt im Kleinen die ganze Tragik und Hoffnung der Popmusik.