Zu Gast bei Freunden

Elton John trägt eine seiner komischen Brillen. Die großen runden Gläser sind mit kronenartigen Zacken besetzt und pink. Der Sänger trägt einen Anzug in der gleichen Farbe, und sogar der Flügel mit seinen Glitzer-Initialen an der Seite ist blassrosa gestrichen.

Alles passend für den Videoclip zum Song „The Pink Phantom“ von den Gorillaz, in dem der 73-Jährige mitspielt und herzzerreißend über das Ende einer Liebe singt.

Als virtuelle Band sind die Gorillaz in der Pandemie im Vorteil

Für diesen Auftritt musste sich Elton John allerdings weder in Schale werfen noch aus dem Haus gehen: Er wird von einer Comicfigur dargestellt. Das ist etwas Besonderes bei der Cartoonband, deren Gast-Rapper und -Sängerinnen normalerweise real in den Gorillaz-Videos auftreten.

Jetzt hat Zeichner Jamie Hewlett, der sich die aus vier gezeichneten Mitgliedern bestehende Gruppe vor 20 Jahren zusammen mit dem Blur-Frontmann Damon Albarn ausgedacht hat, deren Universum einfach noch ein Stückchen erweitert und ihren Gast gleich mit visualisiert.

Als virtuelle Band sind die Gorillaz in der Pandemie im Vorteil. Sie scheinen mit dem Clip zu „The Pink Phantom“ – die siebte Folge ihrer vor acht Monaten gestarteten „Song Machine“-Reihe – sogar mehr denn je bei sich zu sein.

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Das zeigt auch der Vergleich zu den früheren Episoden, die nun zusammengefasst und ergänzt um weitere Stücke als Album erschienen sind. War Damon Albarn anfangs noch mit den Gästen im Heimstudio oder bei einer Bootsfahrt zu sehen, während die Comicfiguren eher als Dekoration dienten, verschwand der 52-Jährige aus den Videos. Sänger 2D, Gitarristin Noodle, Bassist Murdoc und Drummer Russel übernahmen.

Im Clip zu „Strange Timez“ flogen sie sogar ins All, wo sie einen singenden Mond trafen, der von The-Cure-Sänger Robert Smith gespielt wurde. Der von einem gamelanartigen Loop angetriebene Song eröffnet nun auch das Album „Song Machine, Season One: Strange Timez“, das nach den schwächeren Vorgängern „The Now Now“ (2018) und „Humanz“ (2017) eine Rückkehr zu alter Form markiert.

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Die etwas über einstündige Deluxe-Version mit 17 Songs steckt voller toller Melodien und hitverdächtiger Momente, zu denen auch die vielen Stargäste beitragen. Beck bereichert beispielsweise das elektrofunkige „The Valley Of The Pagans“ mit seinem markanten Sprechgesang, um dann in den Falsett-Refrain abzuheben, in dem es heißt: „It feels so good to have a perfect soul/ It feels so good to be in total control“.

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Wobei „soul“ fast wie „song“ klingt. Und nah am perfekten Song sind die Gorillaz auf ihrem siebten Album tatsächlich einmal, allerdings nicht hier, sondern ein bisschen später: „Désolé“ ist ein Duett von Damon Albarn mit der malischen Sängerin Fatoumata Diawara und baut auf einem dieser kleinen betörenden Albarn-Motive auf, das sich zusammen mit einer schnell geschlagenen Rhythmusgitarre und klug gesetzten Synthiestreichern zu einem melancholischen Manifest der Ratlosigkeit aufschwingt.

Wenn Diawara in ihrer Sprache die kraftvollen Refrainzeilen singt, beginnt der Song zu strahlen und zu wärmen.

Peter Hooks Bass dominiert den Song “Aries”

Erinnert „Désolé“, in dem Albarn Englisch und Französisch mischt, atmosphärisch an den Blur-Hit „Out Of Time“, gibt es sonst kaum einmal Verweise auf Albarns alte Band. Er stellt sich voll in den Dienst seiner Gäste und lässt sich von ihrem Stil inspirieren. Im Falle von Peter Hook, dessen unverkennbarer melodischer Bass den Song „Aries“ dominiert, hat er sogar einen Pastiche-Sound von dessen einstiger Band New Order geschaffen.

Eher wie eine kurzweilige Spielerei klingt hingegen „Chalk Tablet Towers“ mit der US-Musikerin St. Vincent, die zu halligen Achtziger-Synthies und rappeligen Beats mit Albarn singt: „I wanna get drunk/ I wanna get stoned/ I wanna give up/ I wanna go ho-o-o-ome“. Ihr „O-o-o-oh“- Backgroundchor geistert anschließend noch den halben Tag durch den Kopf.

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Zahlreich vertreten sind auf „Song Machine“ Gast-Rapper wie der Amerikaner Schoolboy Q, der britische Wutbolzen Slowthai oder der anrührend heiser singende Londoner Ocatavian. Für das Hip-Hop-Duo Earthgang aus Atlanta hat Damon Albarn einen fast siebenminütigen Track namens „Opium“ kreiert, der auf einer Minimal-Techno-Schiene vor sich hin klackert und dabei auch problemlos ohne die Gäste ausgekommen wäre.

[„Song Machine Season One: Strange Timez“ erscheint bei Warner]

Das genaue Gegenteil ist bei „With Love To An Ex“ der Fall: Hier übernimmt die südafrikanische Rapperin Moonchild Sanelly zu verbeulten Percussionbeats und dräuenden Synthies souverän die Führung, während sie sich über penetrante Ex-Lover beschwert.

„Song Machine“ funktioniert in seiner Vielfältigkeit wie seine eigene Playlist. Wobei naturgemäß auch ein paar Ausfälle dabei sind. Doch insgesamt ist es ein starker Auftritt der Gorillaz. Man versteht wieder, warum sie weltweit über 20 Millionen Alben verkauft haben und – anders als Blur – auch in den USA sehr populär geworden sind.

Im Dezember geben sie zwei Streamingkonzerte, gerade haben sie eine Sommertour angekündigt. Zur Not können das ja die Comicfiguren übernehmen.