Zu Fuß nach Montrouge

Ein Griff in die falsche Schublade – und schon ist die Lockdown-Enge verschwunden. Der Horizont öffnet sich weit, die Gedanken fliegen in Richtung Frankreich. In dem Midcentury- Sideboard, das bei uns „Omas Schrank“ heißt, obwohl es gar kein Erbstück ist, sondern von ihr damals „nur“ das Geld für den Kauf kam, befinden sich linkerhand die Geschenkpapiervorräte, rechterhand alte Fotos, in länglichen Papiertaschen mit zusätzlichen kleinen Taschen darin, in denen die Negative stecken wie in einem Känguru-Beutel.

„Für noch brillantere Erinnerungen“, steht oben auf der Hülle, unten wird der Kunde daran erinnert, bitte den „Abholausweis“ abzutrennen, bevor man die Bestellung im Fotogeschäft abgibt. In mehr oder weniger ordentlicher Handschrift ist vermerkt, aus welchem Anlass die Bilder entstanden sind. Ich greife nach „Paris 1989“: Zu viert waren wir unterwegs, gleich nach dem Abi, um bei den Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag der Französischen Revolution dabei zu sein.

Vom tollsten Erlebnis auf dieser Reise, dem Abend des 14. Juli, als Jessye Norman vor Zehntausenden an der Place de la Bastille sang, den massigen Leib in eine Tricolore gehüllt, und wir nach dem Feuerwerk-Finale dann mit jenen Zehntausenden zu Fuß durch die Straßen unterwegs waren, weil die Métro natürlich selbst an diesem Feiertag wie gewohnt ihren Betrieb kurz nach Mitternacht eingestellt hatte, wobei der nächtliche Spaziergang in unserem Fall bis über den Boulevard périphérique hinausführte, zu unserem billigen Vorort-Hotel in Montrouge – von diesem tollen Ereignis existieren keine Bilder. Weil wir unsere klobigen Kameras zu dem Event nicht mitschleppen wollten.

Im knappen Reisebudget waren sogar Drinks auf der Rive Gauche drin

Das Glück des ersten Mals ist ja meistens der Jugend vorbehalten, der Rausch, sich eine tausendmal besungene Metropole wie Paris zu erobern, die bekannten Sehenswürdigkeiten mit eigenen Erinnerungen zu belegen. Und vielleicht noch Dinge zu entdecken, die nicht im Reiseführer stehen.

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Bildungsbürgerlich war unser Programm, wie die Fotos zeigen: Louvre – damals noch ohne Schlangestehen zugänglich, durch den kleinen Nebeneingang bei den Tuilerien, wenn Paris-Kenner einem vorher ihr Herrschaftswissen verrieten –, Picasso-Museum (mit vielen Schulklassen), Centre Pompidou, Notre Dame, das frisch eröffnete Musée d’Orsay, dessen Pracht uns überwältigte, und, auf meinen Wunsch, das Palais Garnier und die Opéra Bastille.

Dazu Jugendstilfassaden, die Métro-Eingänge mit den metallenen Blumenranken, die Buntglaskuppel der Galeries Lafayette. Wir ließen uns treiben, als Flaneure auf den Boulevards, in den Gassen der Île Saint-Louis. Im knappen Reisebudget waren sogar Drinks auf einer Caféterrasse an der Rive Gauche drin.

Bedauernswert wenige Fotos von meinen Mitreisenden finden sich unter den Abzügen. Für spontane Schnappschüsse, komische Selfies, gar Food-Fotos schien uns der Platz auf der Negativrolle anno 1989 zu wertvoll. Nach 36 Bildern war Schluss, da wollte jedes Motiv gut bedacht sein. Nachträgliches Löschen misslungener Aufnahmen ausgeschlossen – heute kommt einem das wie ein Schauermärchen aus der medialen Steinzeit vor.
Die falsche Schublade ist jetzt wieder zu, die richtige mit dem Weihnachtspapier geöffnet. Die Erinnerungen schwingen noch nach im Raum.