Zaubern müsste man können

Er hätte sich damals auch ein Privatflugzeug kaufen können. Hat er aber nicht. Maik Klokow investierte 2015 lieber in eine ehemalige Großmarkthalle am Hamburger Hafen, die er zur Eventlocation umbauen ließ. Und außerdem in die Rechte für die deutschsprachige Erstaufführung des Harry-Potter-Theaterstücks. Weil er mehr Spaß daran hat, Leute zu unterhalten, als mit Statussymbolen zu protzen.

Maik Klokow, Jahrgang 1965, ist in der DDR groß geworden, er hat Maurer gelernt, dann als Bühnenarbeiter im Theater Parchim gearbeitet. Seinen ersten Job nach der Wende bekam er bei „Starlight Express“ in Bochum. Von da an gings bergauf. Ein paar Jahre später war er Deutschlandchef des Entertainmentkonzerns Stage Entertainment, baute zwischen Hamburg und Stuttgart ein Netz von elf privatwirtschaftlich betriebenen Musical-Bühnen auf, füllte bis zu 17000 Sitzplätze jeden Abend. Schließlich zerstritt sich Klokow mit dem Stage-Besitzer Joop van den Ende und gründete seine eigene Firma Mehr Entertainment.

2011 übernahm er den Berliner Admiralspalast, der „Starlight Express“ gehörte da schon zu seinem Portfolio. Nach dem Zusammenschluss mit BB Promotion lag der Jahresumsatz der Firma bei 140 Millionen Euro, fast 3,5 Millionen Gäste sahen pro Saison rund 3000 Veranstaltungen.

Seit Freitag, dem 13. März 2020, aber steht der Betrieb von Mehr BB Entertainment still. Einen Tag vor der geplanten Premiere von „Harry Potter und das verwunschene Kind“ in Hamburg hat der Lockdown auch den Überflieger Maik Klokow ausgeknockt. Die Umsatzeinbußen liegen bei 97 Prozent, im Spätsommer und Herbst des vergangenen Jahres, als die staatlichen Bühnen und Orchester vor einem Viertel des möglichen Publikums spielen konnten, blieben seine Häuser zu. Denn für die Unsubventionierten rechnet sich der Betrieb nur bei einem hohen Auslastungsgrad der Säle.

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Die 550 Mitarbeiter*innen von Mehr BB Entertainment sind in Kurzarbeit, dennoch muss Klokow laufende Kosten in Höhe von 1,5 Millionen Euro pro Monat aufbringen – und die Zinsen für seine Investitionen in Höhe von 43,5 Millionen, mit denen er den zu erwartenden Megaerfolg des J.- K.-Rowling-Theaterstücks in Deutschland aus eigener Tasche vorfinanziert hat.

„Es waren definitiv die 365 schwersten Tage meines beruflichen Lebens“, sagt er. „Kalkulieren und immer wieder neu kalkulieren, das ist so ziemlich das Einzige, was wir derzeit machen können.“ An Hilfsgeldern ist bisher fast nichts bei ihm angekommen. Jetzt immerhin hegt sein Steuerberater die Hoffnung, dass bald „substanzielle“ Summen aus der November- und Dezemberhilfe ausgezahlt werden könnten.

Die Abonnenten wollen sobald wie möglich wieder ins Theater kommen

„Wir haben durchaus Gehör gefunden bei der Politik“, berichtet der Firmenchef, „nur haben die Zuständigen lange nicht wirklich verstanden, was wir machen.“ Gehören Firmen wie Mehr-BB Entertainment überhaupt in die Kultur oder eher zur Wirtschaft oder in den Bereich Immobilien? „Wir machen ja nicht nur Aufführungen in unseren Bühnen in fünf deutschen Städten, sondern veranstalten auch Tourneen weltweit, mit 1500 Vorstellungen pro Jahr, wir haben ein eigenes Ticketingsystem mit eigenem Callcenter“, sagt Klokow. „Es ist in der Tat schwer für Politiker, die Bedingungen für Hilfspakete so zu formulieren, dass wir da reinpassen.“

Lange hat er dafür geworben, dass Kompetenzteams gebildet werden, bei denen Vertreter der Städte mit den Veranstaltern direkt ins Gespräch kommen. „In Nordrhein-Westfalen klappt das seit zwei Monaten, in Hamburg seit drei Monaten, in Berlin schon ein bisschen länger.“ Gleichzeitig kann er anhand der Vorverkaufszahlen ablesen, wie der Hunger auf Unterhaltung wächst: „Wir machen regelmäßig Umfragen bei den Abonnenten unseres Newsletters, fragen sie, ob sie demnächst planen ins Theater zu kommen – und das sieht sehr, sehr gut aus.“

Mike Klokow strahlt einen umwerfenden Optimismus aus

In diesen Tagen der Tristesse mit Maik Klokow zu telefonieren, ist eine Wohltat. Weil er einen geradezu umwerfend robusten Optimismus ausstrahlt. Wer ihm zuhört, muss an die Zeile aus Cole Porters Musical „Kiss me, Kate” denken: „There are no people like show people: they smile when they are down.“ Gute Laune ist das Produkt, das Klokow anbietet und er ist fest entschlossen, dieses Versprechen als Chef in seiner Firma vorzuleben, so hart die Zeiten auch sein mögen.

Natürlich konstatiert er auch kaufmännisch: „Ich gehe davon aus, dass man eine Entschädigung erhält, wenn man staatlicherseits mit einem Berufs- und Aufführungsverbot belegt worden ist.“ Aber er jammert nicht, lässt den Kopf nicht hängen. Weil man in dieser Körperhaltung nun einmal schlecht nach vorne schauen kann. Das aber will Maik Klokow. Und er hat sogar einen Vorschlag für die ganze Branche erarbeitet: Es soll ein staatlicher Garantiefonds aufgelegt werden, der die Gutscheine ersetzt, die die privaten Veranstalter als Ersatz für die Corona zum Opfer gefallenen Vorstellungen ausgegeben haben.

Klokow: Wir sehen uns bei der der “Harry-Potter”-Premiere in Hamburg

Wenn ein Kunde sein Geld zurückhaben will, dann zahlt der Fonds, so Klokows Idee. Das käme vor allem Menschen zugute, die bei Veranstaltern Karten gekauft haben, die pandemiebedingt in Konkurs gehen. Gleichzeitig wird auf alle Tickets, die künftig verkauft werden, eine Sondersteuer von 0,5 Prozent erhoben. Diese wird in den Fonds eingespeist, so dass er langfristig zu einem Fond der Veranstaltungsbranche wird, der sich selber trägt.

Das klingt vernünftig und besonnen. Ebenso wie Maik Klokows Entscheidung, die mehrfach verschobene Deutschlandpremiere des Harry-Potter-Theaterstücks nun für den 5. Dezember anzusetzen. Weil die Herdenimmunität in Deutschland dann erreicht sein müsste. „Darum bin ich mehr als optimistisch, dass wir uns zur Premiere in Hamburg sehen werden“, sagt Klokow – und erzählt dann, dass er mit seinem Team schon an zwei neuen Stoffen tüftelt, darunter einer Tourneeproduktion „mit einem sehr aktuellen Thema, für das wir absolut einen Markt sehen“. Der Mann ist definitiv der wertvollste Mitarbeiter seiner eigenen Marketingabteilung.