Wissen Sie noch?

Klaus Brinkbäumer ist Programmdirektor des Mitteldeutschen Rundfunks in Leipzig. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de, auf Twitter unter @Brinkbaeumer.

Auf der Tribüne sitze ich, und zwei Plätze neben mir sitzt Gerd Gottlob, was beinahe so wie früher ist, wie 1990 in Italien, als Gerd für die Hamburger Mopo schrieb und ich für die Münchner AZ. Heute sind wir für die ARD im Stadion, Gerd Gottlob kommentiert.

Damals: volle Stadien, Farben, Gianna Nanninis „Un’estate italiana“, die WM roch nach Espresso, den Pizzerien der Altstadt von Como, Sonnencreme, Körpern.

Heute: eine leere Arena, wir hören das Stoppen des Balles, jeden „Hintermann“- Ruf, das Husten der Trainer. Es ist trist, an den Mannschaften liegt das nicht: Wolfsburg spielt gut, Leipzig besser. Es liegt an Corona, an Deutschland: Ein Geisterspiel ist eben gespenstisch.

Der Mensch gewöhnt sich schnell und an alles, nicht wahr? Wissen Sie noch, was Ihnen fehlt? Erinnern Sie sich daran, wie Sie gelebt haben, vorher, und wie sie heute leben würden, eigentlich?

Ich erinnere mich vage: an Buchhandlungen, an Kino-Abende, und in Leipzig wäre ich längst im Gewandhaus gewesen, und im Clara-Zetkin-Park äßen wir Eis, und das Café Grundmann wäre abendlicher Treffpunkt, und beim MDR tränken wir den Kaffee draußen vor der Kantine, nach dem gemeinsamen Essen an langen Tischen. Meine Ehefrau und ich reden lange über das, was fehlt, ehe uns Partys einfallen. Damals haben wir gefeiert.

[Alle wichtigen Updates des Tages zum Coronavirus finden Sie im kostenlosen Tagesspiegel-Newsletter “Fragen des Tages”. Dazu die wichtigsten Nachrichten, Leseempfehlungen und Debatten. Zur Anmeldung geht es hier. ]

Ich hätte St. Pauli gegen den HSV nicht verpasst, hätte auf der Gegengerade neben Udo, Martin und Markus gesessen, wer mag ein Bier? Seit Ewigkeiten habe ich die drei nicht gesehen, die doch meine Freunde sind. (1:0, wie kann das sein, dass es nicht einmal mehr schmerzt, nicht dabei zu sein.)

Das Schiff käme ins Wasser, wir würden trainieren. Stattdessen: ein Teams- Call, Leute, wie soll das gehen mit 16 Mann auf „Trivia“? Niemand traut sich, es auszusprechen, still nickend sagen wir auch diese Saison ab.

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

Zufällige Begegnungen fehlen, das Lächeln Fremder, Abende draußen und ohne Ziel. Stimmungen auch: Sorglosigkeit, Angstfreiheit. Ach, und da waren Reisen, damals: Der Familienurlaub würde jetzt enden, da wir doch im Februar aufbrechen, nein: aufbrachen, um in den deutschen Frühling dann heimzukehren.

Ich beneide Großbritannien, welches das rasante Impfen der Nation zur eben nationalen Aufgabe erklärt hat und nun folgert (wollen wir behaupten: zu Unrecht?), mit dem Brexit alles richtig gemacht zu haben. „Krokusse blühen“, sagt Boris Johnson, grotesker wird’s nicht.

Doch, es wird grotesker. In den USA, vor sechs Wochen noch dysfunktional, bringt der neue Präsident den Konzern Merck dazu, dem Rivalen Johnson und Johnson bei der Produktion von dessen Impfstoff zu helfen: Eine Dosis genügt, weshalb eine Million Dosen nicht 500 000 Geimpfte, sondern eine Million Geimpfte bedeuten – was für ein Unterschied Tag für Tag.

Wissen Sie noch: Berührungen? Die Umarmung der alten Eltern?

Die Kanzlerin und ihre Regierung verheddern sich in Kleinkram, finden eine klare Sprache nur dann, wenn’s banal ist (Söders „schlumpfig grinsender“ Scholz wird bleiben; ich sehe Scholz seither mit weißem Mützchen, es steht ihm). Aus meinen Jahren als Auslandsreporter weiß ich, dass scheiternde Staaten die eigene Inkompetenz durch immer noch mehr Bürokratie überspielen wollen.

Wissen Sie noch: Berührungen? Das Lachen der Großeltern, wenn sie den Enkel sahen?

Ich habe meine Eltern zuletzt vor eineinhalb Jahren in den Arm genommen. Sie sehen meinen kleinen, inzwischen gar nicht mehr so kleinen Sohn via Skype aufwachsen. In New York sind 40-jährige Freunde seit Wochen geimpft, in Deutschland die Eltern nicht. Permanente Anspannung, ständige Sorge verändern unser Gehirn, lassen beschleunigt altern.
Nichts kommt zurück.
Nichts ist aufzuholen.
Lebenszeit verstreicht.