„Wir wollen mehr Menschen erreichen“

Es wird einen Kampf um die Kultur geben: Der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Robin Ticciati sieht in der Krise auch eine Chance.




Robin Ticciati hat seinen Vertrag als Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters gerade bis 2027 verlängert.Foto: Jörg Brüggemann

Mister Ticciati, Ihr letzter Philharmonie-Auftritt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin fand am 4. März statt. Vom Lockdown wurden Sie in Großbritannien erwischt, wo Sie dann mehr oder weniger freiwillig den gesamten Sommer verbracht haben. Wie verlief Ihre Emotionskurve in diesen Monaten?

Durch einen Bandscheibenvorfall, der mich 2016 gezwungen hat, fast ein Jahr lang aus dem beruflichen Alltag auszusteigen, war ich gewissermaßen vorbereitet und wusste, dass unerwartetes Innehalten auch eine schöne Erfahrung sein kann. Tatsächlich habe ich das Musizieren zu Anfang überhaupt nicht vermisst. Was ich als ein gutes Zeichen werte. Auf das Herumreisen, das zu meinem Beruf gehört, konnte ich sehr gut verzichten, ebenso auf das ständige Auf und Ab meines Adrenalinpegels. Ich habe die Zeit genutzt, um zur Ruhe zu kommen, in mich hinein zu horchen.

Wie lange haben Sie die kreative Pause durchgehalten?

Gute drei Monate. Dann meldete sich das Verantwortungsbewusstsein. Neben meiner Position beim Deutschen Symphonie-Orchester bin ich ja auch musikalischer Leiter beim Opernfestival von Glyndebourne. Zuerst wussten wir noch nicht einmal, ob in Glyndebourne überhaupt Sängerinnen und Sänger zugelassen sein würden. Als es möglich war, haben wir in den herrlichen Gärten des Herrenhauses eine Produktion herausgebracht, mit einer musikalischen Hommage an die Natur im ersten und einem verrückten Offenbach-Einakter im zweiten Teil. Damit wollten wir uns bei unseren Unterstützern bedanken. Sie wissen ja, dass es in Großbritannien vom Staat keineswegs so großzügige Subventionen für die Kultur gibt wie in Deutschland. Sehr viele Menschen, die sich bereits Tickets für das Opernfestival gekauft hatten, haben ihr Geld nicht zurückgefordert. Insgesamt kamen mit weiteren Spenden vier Millionen Pfund zusammen.

Vor wie vielen Gästen konnten Sie in Glyndebourne spielen?

Wir haben zwölf Aufführungen gegeben, die jeweils 270 Zuschauerinnen und Zuschauer erleben konnten. Das ist zugegebenermaßen nicht viel. Doch wir wollten unbedingt Präsenz zeigen.

Nach Berlin, zum Deutschen Symphonie-Orchester, konnten Sie seit dem Frühjahr nicht mehr kommen.

Ja, aber wir waren in ständigem Kontakt, ich habe mit Freuden die Aktionen „Berlin braucht Musik!“ mitverfolgt, die #DSOhome-Projekte und die Konzerte, die im RBB-Sendesaal ohne Publikum fürs Radio aufgezeichnet wurden. Jetzt aber muss es darum gehen, wieder so viele Menschen wie möglich persönlich zu erreichen. Ein Kontakt mit den Zuschauerinnen und Zuschauern gehört genuin zu jeder Aufführung. Der Regisseur Richard Jones hat mal mit Blick auf das Sprechtheater gesagt: Das Publikum ist ebenso ein Darsteller wie die Schauspieler auf der Bühne. Und auch wir brauchen ein Gegenüber, für das wir spielen. Dass wir dabei gerade mit massiven Einschränkungen konfrontiert sind, motiviert mich, lässt meinen Geist abheben.

Ist das Orchester auch so voller Tatendrang, obwohl die Musikerinnen und Musiker auf der Bühne derzeit so weit auseinander sitzen müssen, als seien sie schwatzhafte Schüler, die man zur Strafe getrennt hat?

Das ist schwer für sie, denn sie waren es ihr ganzes Musikerleben lang anders gewohnt. Als Dirigent verstehe ich, dass sich unter diesen Bedingungen nicht leicht dieselbe Homogenität des Klanges herstellen lässt wie in der dichten Sitzweise. Aber gleichzeitig sage ich dem Orchester auch: Seht es als Möglichkeit, euch weiterzuentwickeln. Vielleicht haben wir etwas dazugewonnen, wenn wir irgendwann wieder so zusammensitzen können wie früher.

Vor wenigen Tagen haben Sie Ihren Vertrag um fünf Jahre verlängert. Welche Perspektiven sehen Sie in Berlin?

Das Deutsche Symphonie-Orchester ist meine künstlerische Heimat. Ich lebe hier, will hier so viel Zeit wie möglich verbringen. Die Frage, die wir uns jetzt stellen müssen, lautet: Wie werden wir den Kampf für die Kultur führen? Denn es wird ein Kampf werden.

Weil mit der Wirtschaftskrise in Folge der Pandemie die Diskussion um die Daseinsberechtigung der Kultur wieder losgehen wird?

Darum müssen wir den Blick nach vorne richten, uns darüber klar werden, wie die Rolle eines Radio-Orchesters in der nahen Zukunft aussehen kann. Für mich liegt der Schlüssel im Kontakt mit unserem Publikum. Wir wollen noch mehr Menschen erreichen, über alle nur erdenklichen Kommunikationskanäle. Wir sind in Deutschland in einer privilegierten Situation, was die Kunstförderung betrifft, verglichen mit den meisten Ländern der Welt. Diese Erkenntnis darf aber nicht zur Selbstzufriedenheit führen, im Gegenteil: Dass wir so sicher sind in unserer Finanzierung, sollte uns anspornen, neue Wege einzuschlagen, Experimente zu wagen. Meine Aufgabe als Chefdirigent ist es, die Kreativität des Orchesters zu stimulieren.

Und zwar wie?

Denken Sie zum Beispiel an die Tourneeplanung. Ich möchte gerne, dass wir uns andernorts im In- und Ausland mit denselben aufregenden Werken präsentieren, die wir auch hier in Berlin spielen. Die Veranstalter aber wollen immer Nummer-Sicher-Programme mit den altbekannten Prachtstücken – und das muss sich ändern. Die Corona-Krise könnte dafür ein Katalysator sein. Wir wollen uns nicht verstellen, sondern uns so präsentieren, wie wir sind. Sonst droht eine Musealisierung der Klassik.

Meinen Sie nicht, es könnte eher zum Gegenteil kommen. Die Veranstalter der Gastspiele müssen ja irgendwann wieder Geld verdienen und könnten noch konservativer denken, damit sie auf jeden Fall ihre Tickets loswerden?

Im Idealfall gibt es vielleicht weniger Gastspiele, dafür aber mit mutigeren Programmen. Weil auch die Veranstalter verstanden haben, dass es kein Zurück geben darf zum viel zu heiß laufenden, übersättigten Klassik-Markt vor der Pandemie.

Wie wollen Sie jüngere Zielgruppen erreichen?

Ich habe in der vergangenen Saison mit dem Orchester erstmals ein großes Kammermusikprojekt mit Schülerinnen und Schülern realisiert. Das werden wir verstetigen, das soll neben unseren kleineren und größeren Projekten für Kinder und Jugendliche ein integraler Bestandteil unserer Musikvermittlung bleiben. Um Musik genießen zu können, muss man ja kein Kenner sein. Ich erinnere mich, wie ich mit meinem Mentor, dem Dirigierten Colin Davis, einmal Mozarts Klarinettenkonzert analysiert habe und ihn fragte: Warum ist diese Stelle so wunderschön? Es liegt an der Subdominante, war seine Antwort. Aber niemand muss etwas über Subdominanten wissen, um zu spüren, dass es hier um Geborgenheit geht, um Kindheit und Mutterliebe. Am Anfang steht immer das Gefühl. Das will ich weitergeben.

Es muss für Sie besonders bitter sein, dass der Symphonic Mob 2020 nicht stattfinden kann, bei dem Sie immer im September mit vielen hundert Laienmusikerinnen und -musiker in der Mall of Berlin ein Freiluftkonzert veranstalten.

Oh, ja! Das ist immer ein echt explosives Ereignis. Wir werden als Ersatz unsere sogenannte Home Edition machen, bei der jeder, der mag, noch bis Samstag Walter Kollos „Linden“-Marsch einspielen und uns mailen kann. Aus den Einsendungen machen wir dann in einem Video ein virtuelles Riesenorchester.

Werden Sie wenigstens das Wagner-Festival retten können, das Sie für November geplant haben?

Nein, leider nicht, denn es passen nicht genug Musikerinnen und Musiker auf die Bühne der Philharmonie für die Werke Wagners. Schweren Herzens haben wir es also abgeblasen – und gleichzeitig ein ganz neues Programm kreiert, bei dem jeder Solist und jede Solistin, die wir verpflichtet hatten, auch weiterhin dabei sein kann. Es geht um einen besonderen, doppelten Blick auf Wien. Wir kombinieren Lieder von Zemlinsky, Mahler, Schönberg und Webern, die an der Wende zum 20. Jahrhundert entstanden sind, mit Mozarts Meisterwerken, von der Sinfonia Concertante über die Ballettmusik der Oper „Idomeneo“ bis hin zur „Jupiter“-Sinfonie.

Am heutigen Montag findet Ihre Saisoneröffnung im Rahmen des „Musikfest Berlin“ statt, am 4. Oktober folgt dann ein Programm, bei dem Sie selber als Instrumentalist auftreten.

Zu Beginn werden wir Henry Purcells „Funeral Music for Queen Mary“ spielen. Dabei trete ich zusammen mit den Schlagzeugern auf und schlage die große Trommel. Direkt daran wird sich Harrison Birthwhistles „Cortege“ anschließen, ein Stück ohne Dirigent, bei dem alle solistisch spielen, ich auch, eben als Kollege. In diese Art der Kreativität möchte ich gehen. Wir werden weiterhin die grandiosen Werke von Mahler, Bruckner oder Sibelius spielen, aber in neuen Kontexten. Wir wollen innovativ sein, aber nicht verbissen, sondern Spaß dabei haben. Ich bin als Chefdirigent ja nur eine Art Verwalter, ein Gärtner, der sich darum kümmert, dass die Musikerinnen und Musiker künstlerisch wachsen können. Es ist ja nicht mein Orchester, sondern ihres.