„Wir spüren eine Befreiung“

Im vergangenen Sommer hat der Wissenschaftsrat ein Gutachten für eine radikale Neugestaltung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vorgelegt. Erst durch einen offenen Brief, den 19 DirektorInnen unterzeichneten, konnten sich auch die Museen Gehör verschaffen. Sie durften nun in der Reformkommission ihre Vorschläge für eine größere Autonomie der Museen präsentieren.

Frau Seyfried, Herr Wemhoff, die Kommission will Ihre Empfehlungen zunächst auswerten. Sind Sie zufrieden damit?
SEYFRIED: Ja, denn die Kulturstaatsministerin ließ anschließend verlautbaren, dass unser Modell als Grundlage für eine weitere Organisationsuntersuchung dienen soll.
WEMHOFF: Ein besseres Ergebnis hätten wir uns nicht wünschen können, denn jetzt wird die Umsetzbarkeit geprüft. Genau das wollten wir Direktorinnen und Direktoren, als wir uns im letzten Sommer mit einem offenen Brief gemeldet hatten: dass nicht über unsere Köpfe entschieden wird.

Zuletzt wirkte es so, als würde die Stiftung von den radikalen Erneuerungsvorschlägen des Wissenschaftsrats abrücken. Stimmt der Eindruck einer Zögerlichkeit?
SEYFRIED: Dem muss ich widersprechen. Es ist gerade ein halbes Jahr her, dass das Gutachten vorgelegt hat, und wir reden jetzt schon über konkrete Reformen. Wir brauchen die Organisationsprüfung, das können wir Direktorinnen und Direktoren selbst nicht leisten.

Stiftungspräsident Hermann Parzinger schien immer weniger von einer größeren Unabhängigkeit der Museen zu halten.
WEMHOFF: Das hat sich geändert in letzter Zeit. Der Präsident hat mit uns eine Vision entwickelt, wie eine wirkungsvollere Stiftung aussehen könnte. Da ist eine Befreiung zu spüren.

Also doch mehr Bewegung?
WEMHOFF: Die Lust an der Reform nimmt zu. Am Anfang, kurz nach der Empfehlung des Wissenschaftsrates, die Stiftung aufzulösen, gab es eine Schockstarre. Dem ist ein kreativer Gedankenprozess gewichen. Wir überlegen, wie wir unsere Arbeitsbedingungen optimieren können und stellen viel in Frage. Es gibt eine große Aufgeschlossenheit bei der Stiftung, Verwaltungsaufgaben herunterzubrechen und das Operative auf eine andere Ebene zu verlegen. Nur darf es nicht in einer kleinen Reform enden.

Friederike Seyfried (60) leitet seit 2009 das Ägyptische Museum. Sie ist Sprecherin der Arbeitsgruppe Direktionen. Seit 2011 lehrt…Foto: Sandra Steiß

Was wollen Sie konkret ändern?
SEYFRIED: Die Gemeinschaft der Staatlichen Museen soll erhalten bleiben. Wir wollen näher am Publikum arbeiten, die Verwaltung zu uns holen, damit die Wege kürzer werden. Und wir wollen Cluster bilden nach Standorten und inhaltlichen Vorgaben. Die Museumsinsel soll eine Einheit sein, das Kulturforum, Dahlem und das Humboldt Forum sowie die Nationalgalerie. Dazu wünschen wir einen neuen kollegialen Führungsstil.
WEMHOFF: Ausgangspunkt für unsere Überlegungen war die Dysfunktionalität der jetzigen Struktur, die auch der Wissenschaftsrat konstatiert hat. Der Apparat steckt in einer Struktur aus dem 19. Jahrhundert. Sie hat in den West-Berliner Verhältnissen funktioniert, spiegelt aber heute nicht mehr das enorme Wachstum der Stiftung und ihre Diversität. Wir sind der größte Museumsverbund in Europa mit einer Vielzahl von Einrichtungen, mehr als der Louvre, dem die Ethnologie und die Moderne fehlt, oder das British Museum, zu dem man das Victoria & Albert Museum und die Tate Modern hinzunehmen müsste.

Was läuft verkehrt?
WEMHOFF: Die bisherige Organisation mit einer Generaldirektion und darüber angesiedelten Verwaltung funktioniert nicht mehr. Wir brauchen größere Effizienz, es gibt zu viel Hierarchie. Bisher hat ein Kurator der Alten Nationalgalerie den dortigen Sammlungsleiter über sich, der wiederum den Direktor der Nationalgalerie, der den Generaldirektor, und über ihm steht der Präsident. Solche Befehlsketten sind nicht mehr zeitgemäß. Verantwortung muss dort wahrgenommen werden, wo gehandelt wird.

Wann rechnen Sie damit, dass erste Reformschritte eingeleitet werden?
SEYFRIED: Wie schnell das in rechtliche Formen gegossen wird, wissen wir nicht. Vorher kommen noch die Bundestagswahlen, aber unsere Arbeitsgemeinschaft arbeitet konstant weiter.

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WEMHOFF: Viele Verwaltungsvorgänge sind schon jetzt zu vereinfachen, Teile der Bereiche Bildung und Vermittlung lassen sich bereits an die Häuser delegieren. Schon jetzt können Budgets für die einzelnen Museen eingerichtet werden

Die Stiftung steht auf fünf Säulen, ihre sichtbarste sind die Museen. Was bleibt ihr, wenn das Attraktivste genommen ist?
SEYFRIED: Ich sehe es umgekehrt. Die Stiftung bildet das Fundament, sie ist der Humus für die fünf Einrichtungen. Eine reformierte Stiftung bringt sie erst zur Entfaltung, für sie bedeutet eine Umgestaltung nur Vorteile.
WEMHOFF: Die Stiftung wird nicht automatisch schwächer, wenn die Staatlichen Museen stärker werden. Wir profitieren von einem wahrnehmbaren Kulturverbund, dem größten in Deutschland. Man denke nur an die Leibniz-Forschungsverbünde, die Max-Planck-Institute oder das Goethe-Institut. Der Verbund ermöglicht allen ein besseres Arbeiten. Wir haben viele Schnittstellen mit der Staatsbibliothek, dem Geheimen Staatsarchiv, dem in Dahlem entstehenden Forschungscampus und können eine gemeinsame Lobby in Brüssel für Forschungsvorhaben gut gebrauchen.

Matthias Wemhoff (56) ist seit 2008 Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte und Landesarchäologe Berlins. Er ist…Foto: Mauritzio Gambarini/dpa

Besteht bei Clustern nicht die Gefahr, dass lauter kleine Königreiche entstehen?
SEYFRIED: Natürlich möchte jeder für sein Museum, seinen Standort das Beste. Die Tätigkeit in der Arbeitsgemeinschaft Direktionen in den letzten Monaten aber hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, als Einheit erhalten zu bleiben. Wir sind ohnehin verzahnt. Die Alte Nationalgalerie etwa steht zwar auf der Museumsinsel, gehört aber zur Nationalgalerie.
WEMHOFF: Die vier Cluster werden nach unsrem Modell aus dem Kreis ihrer Direktoren jeweils einen Sprecher auf Zeit wählen. Das ist effektiver, als wenn es einen Generaldirektor gibt, der eine Vielzahl von Häusern und Themen zu betreuen hat, die er nicht überblicken kann.

Dass es Probleme mit der Generaldirektion gibt, zeigte sich im Oktober an der Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Michael Eissenhauer, die Sie mit Andreas Scholl, dem Leiter der Antikensammlung, nach dem Kunstattentat auf der Museumsinsel gestellt haben. Was ist daraus geworden?
SEYFRIED: Das hat wenig miteinander zu tun. Lassen Sie uns nach vorne schauen. Wir planen jetzt die Zukunft. Künftig sollen vier Sprecher jeweils die Cluster vertreten und damit den Verbund der Staatlichen Museen repräsentieren.
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WEMHOFF: Wir sind deshalb auch gegen den Vorschlag des Wissenschaftsrates, einen Generalintendanten einzusetzen. Dafür sind wir zu unterschiedlich. In einer Einrichtung, deren Direktoren fachliche Autonomie beanspruchen, lässt sich eine inhaltliche Steuerung kaum vornehmen. Das geht nur gemeinsam.

Eine Zwischenfrage: Sind die Folgen des Kunstattentats inzwischen behoben?
SEYFRIED: Die Schäden konnten rückgängig gemacht werden, die Restaurierung ist geglückt. Wir können dankbar sein, dass es Öle auf natürlicher Basis waren, die entfernt werden konnten.

Haben Sie internationale Vorbilder für die neue Struktur der Staatlichen Museen?
SEYFRIED: Wenn wir das Votum für unseren Vorschlag bekämen, wäre das etwas absolut Neues. In anderen großen Häusern im Ausland gibt es eher abschreckende Beispiele: vermeintliche Lichtgestalten, die als allumfassende Direktoren berufen wurden. Wir hören viele Klagen. Unser Vorstoß in Richtung kollegiale Führung wäre eine Innovation.
WEMHOFF: Die klassischen Museen werden traditionell hierarchisch geführt. Unser Modell entstammt eher der Wirtschaft oder der Universitäten, wo die Leitung ebenfalls auf Zeit übertragen wird.

Es heißt, alle MitarbeiterInnen sollen am Reformprozess teilnehmen. Wie geht das, wenn sie im Homeoffice keinen Zugang zu ihren Dienstmails haben, weil die IT der Stiftung immer noch hinterherhinkt?
WEMHOFF: Es gibt viele Wege der Kommunikation. Wir hatten jetzt eine virtuelle Mitarbeiterversammlung mit über 700 Teilnehmern. Klar, die Partizipation muss ausgebaut werden. Aber es gibt Foren, in denen sich die Mitarbeiter einbringen können. Wir erreichen uns jedenfalls untereinander, und wenn es mit der privaten Email-Adresse ist.

Welche Folgen hat Corona für den Reformprozess?
WEMHOFF: Für uns hat die Pandemie den Vorteil, dass alle da sind. Wir sind sonst viel auf Reisen und konnten uns nun regelmäßig treffen. Gerade bei der Digitalisierung hat Corona Schwachstellen offenbart. Wir müssen nachlegen, auch darin wie wir auf das Publikum zugehen. Wir brauchen mehr Mittel und Personal für die Öffentlichkeitsarbeit. Eine Reform ist nicht für Null zu haben. Wir müssen uns stärker zu anderen Sparten öffnen, mit anderen Kulturschaffenden vernetzen, ihnen Auftrittsmöglichkeiten geben. Das Museum ist dafür der richtige Ort.

Machen Sie sich nicht Sorgen, dass nach dem Lockdown die Finanzierung schwieriger wird für die Museen, bei der Kultur eingespart wird?
WEMHOFF: Die Krise hat gezeigt, wie groß der Beitrag der Kultur, insbesondere der Museen zur Wirtschaftsleistung ist. Investitionen in die Kultur sind nach der Pandemie ein guter Start für den Motor. Zudem haben jetzt alle gemerkt, wie stark uns die Kultur fehlt. Insofern bin ich optimistisch.

SEYFRIED: Wir machen uns trotzdem Sorgen. Deshalb müssen wir kreativ sein. Gerade jetzt.