Wir empfehlen unsere acht Lieblingsbücher des Jahres

Die Tage werden kürzer, Weihnachten steht vor der Tür und die Pandemie lässt viel Raum für den Literaturgenuss. Im Finale unserer Serie wählt jeder unserer Kritiker sein Buch des Jahres, von Iris Wolff bis Deniz Ohde.

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt

Eine Familiengeschichte aus dem Banat, die knapp ein halbes Jahrhundert umspannt, vom Ceausescu-Regime über die Wende bis in die Gegenwart (Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2020. 213 Seiten, 20 €). Leise, unaufdringlich und bildstark erzählt, mit einem Figurenensemble, dessen einzelne Mitglieder Wolff mit wenigen Worten mitfühlend zu porträtieren versteht. Ein Roman, der lange nachhallt. (Gerrit Bartels)

Bildstarke Erzählerin. Iris Wolff.Foto: Annette Hauschild/Ostkreuz

Georges Manolescu: Fürst Lahovary

Mit 14 entfloh er dem strengen Vater in der Walchachei, bezirzte die griechische Königin und reüssierte als Meisterdieb (Manesse, München. 448 S., 24 €). 100 Jahre nach der Erstveröffentlichung gibt es die fesselnden Memoiren des selbsternannten Fürsten, Vorbild für Thomas Manns „Felix Krull“, nun wieder im Original. (Katrin Hillgruber)

Deniz Ohde: Streulicht

Der Vater ein deutscher Arbeiter, die Mutter aus einer anatolischer Bauernfamilie. Dass aus der Tochter eine Akademikerin wird, ist im hiesigen Bildungssystem kaum vorgesehen (Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 284 Seiten, 22 €). Mit grandioser sprachlicher Gabe schildert die junge Schriftstellerin Deniz Ohde, welche Hürden Armut und Bildungsferne darstellen. (Caroline Fetscher)

Erkundet die verschwommenen Konturen gesellschaftlicher Verhältnisse. Deniz Ohde, 32.Foto: Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag

Delphine de Vigan: Dankbarkeiten

Ein zarter Roman über Familie und Wahlverwandtschaft, das Alter und den Holocaust, auf gerade mal 166 Seiten verdichtet (DuMont, Köln, 166 Seiten, 20 €). Ganz langsam wird die Geschichte aufgeblättert, in kurzen Dialogen und aus verschiedenen Perspektiven erzählt, die Sprache so schlicht wie das Gefühl groß. Ein Buch über Menschlichkeit in widrigen Umständen. (Susanne Kippenberger)

Clarice Lispector: Aber es wird regnen

Bizarre Geschichten vom Machtkampf der Geschlechter, von Begehren und Einsamkeit, Kerlen Tunten und Greisinnen – samt Sex mit einem Außerirdischen. Brasilien liebt Clarice Lispector, die am 10. Dezember ihren 100. Geburtstag feiern würde (Penguin, München 2020. 283 Seiten, 22 €). Bei uns wird es höchste Zeit. (Gregor Dotzauer)

Sie scheute auch die bizarren Geschichte nicht. Clarice Inspector.Foto: Courtesy of Paulo Gurgel Valente /dpa

Tobias Roth: Welt der Renaissance

Diese vom Berliner Gelehrten Tobias Roth edierte und übersetzte, zudem prachtvoll illustrierte Anthologie versammelt von Petrarca und Boccaccio bis Leonardo, Machiavelli oder Michelangelo Italiens größte Geister: mit oft erstaunlichen, spannenden Texten (Verlag Galiani, Berlin 2020. 640 Seiten, vielfarbige Abbildungen, 89 €). Und wer weiß schon, dass Aldo Manuzio in Venedig um 1500 der Vater aller Verleger war. (Peter von Becker)

Thomas Hettche: Herzfaden

Ganze Generationen sind mit den Stücken der Augsburger Puppenkiste großgeworden. Thomas Hettche erzählt die Geschichte der legendären Bühne in Form eines Märchens (Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 280 Seiten, 24 €). Seine Heldinnen sind die Puppenspielerin Hannelore „Hatü“ Oehmichen und ein 12-jähriges Mädchen, das Jim Knopf, Kater Mikesch und Urmel trifft. Sie leben wirklich. (Christian Schröder)

Märchenerzähler. Thomas Hettche.Foto: dpa/Arno Burgi

Frank Witzel: Inniger Schiffbruch

Der letzte und persönlichste Teil einer herausragenden Trilogie zur bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte (Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2020. 355 Seiten, 25 €). Metaphorisch wie konkret sortiert Witzel den Nachlass seiner Eltern und entwirft ein schillerndes Kaleidoskop aus Versatzstücken der Hoch- und Popkultur – eine aktuelle Auseinandersetzung mit deutscher Vergangenheitsbewältigung. (Anja Kümmel)