Wilde Wunderkammern

Schreibt er noch oder malt er schon? Zugegeben: Es wirkt etwas billig, den Slogan eines schwedischen Möbelgiganten zu verballhornen, um sich damit dem Werk von Walter Stöhrer zu nähern. Es passt aber auch so gut, dass man einfach versucht ist – beim Blick auf seine monumentalen Gemälde, in denen sich Bild- und Textelemente nahezu unentwirrbar ineinander verknäulen.

In der Berliner Galerie Klaus Gerrit Friese kehren Stöhrers Gemälde und Zeichnungen zurück an jenen Ort, wo der Maler ab 1959 bis kurz vor seinem Tod lebte. Allerdings nicht kontinuierlich: In den Semesterpausen – ab Mitte der achtziger Jahre lehrte Stöhrer als Professor an der Universität der Künste – zog es ihn in den Norden nach Scholderup. Auch diese Unruhe, die steten Wechsel vom urbanen ins ländlich geprägte Leben und zurück, scheint seine Arbeit zu spiegeln. Mal wirken die Linien und Schwünge auf den Bildern heftig wie jene der jungen Wilden. Dann wieder weicht die Expressivität unglaublich zarten Tönen, die man gern mit Cy Twombly in Verbindung brächte – würde Stöhrer diese poetischen Anflüge nicht gleich wieder mit collagierten Bildern aus Porno-Heften unterwandern.

Als wäre der Maler eben erst gegangen

Galerist Friese begleitet das Werk des Malers, der kurz nach seinem 63. Geburtstag im April 2000 verstarb, schon eine Weile. Wer wissen möchte, was ihn an Stöhrer so fasziniert, dass seine erste eigene Erwerbung ein Bild des Künstlers war, der folgt seiner virtuellen Führung auf der Website. Näher kommt man der Ausstellung „Feed-back beweists, Feed-back ist Gesetz“ gerade nicht, auch wenn sich kaum etwas Corona-Unverfänglicheres vorstellen lässt als das Betrachten von Kunst allein in der großräumigen Galerie.

Dennoch muss man noch etwas warten, um zu prüfen, was Klaus Gerrit Friese auf seinem Rundgang an Bildern wie „Mannequin“ (1992), „Hommage à della Specola“ (1982) oder „Aber vor allem Flügel, Zähne und Klauen“ (1990) entlang behauptet – ihre „nicht nachlassende Wirkung auf den Betrachter und die Kunst”. Auch dass Stöhrer hier die Themen seines Lebens durcharbeite, immer und immer wieder: den Körper, Literarisches von Konrad Bayer oder Antonin Artaud, die Kunst.

Ein Richtungsstreit voll ideologischer Gräben

Tatsächlich springt einen allein schon die Intensität der Farben an. Stöhrer verteilte sie direkt aus der Tube über die Leinwand, beschränkte sich dabei auf wenige Töne, die er während des Malens mischt. Auch der gestische Furor hat kaum etwas von seiner Unmittelbarkeit eingebüßt. Die Werke wirken, als habe der Künstler eben erst den Raum verlassen. Das ist diesmal besonders wichtig, denn die Ausstellung wird von den Nominierten und dem Gewinner des Walter-Stöhrer-Grafik-Preises 2019 begleitet: vier Studenten jener Kunstakademie, an der der Maler einst tätig war.

Keiner von ihnen ist älter als Jahrgang 1988 und ihre Arbeiten sind ebenso Reflex auf die eigene Gegenwart, wie es bei Walter Stöhrer der Fall war. Damals aber kreisten die Themen um Fragen der Figuration, der sich der Maler mit Gleichgesinnten wie Horst Antes oder Dieter Krieg stellte. Ein Richtungsstreit voller ideologischer Gräben – weit weg von den Diskursen, die im 21. Jahrhundert geführt werden.

Wie groß das Reservoir künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten inzwischen ist, demonstrieren die Arbeiten der vier, die sich in der Parallelschau „Brave New World“ versammeln. Ein Raum in der gesamten Ausstellung, zugleich ein kleines Universum disparater Positionen, in denen die Jury des Grafik-Preises dennoch eine Linie zu Stöhrers Werk ziehen kann. Grafische Verfahren, die maßgeblich für dessen „eigenwertige und impulsgebende Qualität“ waren, gehören unbedingt dazu. Da wundert es nicht, wenn Elke Burkert eine Künstlerin in der engeren Wahl für die Auszeichnung war, zuvor ihrem Studium eine Ausbildung zur Buchbinderin absolviert hat. Ihr Beitrag liest sich wie eine Corona-Chronik. Burkert hat Bücher angefertigt, deren Seiten sich mit schwarzer Tinte sukzessive vollgesogen haben. Eine Chiffre für die bleierne Zeit der vergangenen Monate.

Industrielle Überproduktion und Fetisch Mode

Auch Stöhrer besaß Skizzenbücher, die er immer wieder nutzte, die Verbindung leuchtet sofort ein. Genau wie bei Daniel Schaal, dessen abstrakte Motive aus Experimenten mit dem Tiefdruck resultieren. Das Ergebnis sind kristalline Formen und bizarre Strukturen. Frank Jimin Hopp, der 2019 den Kunstpreis des Hauses am Kleistpark erhielt, ist als Maler mindestens so ein Berserker wie Stöhrer, nutzt diese Energie jedoch konzeptuell, um über Themen wie die industrielle Überproduktion oder den Fetisch Mode nachzudenken.

Daniel Topka, der schließlich den Walter-Stöhrer-Grafik-Preis gewonnen hat, bringt Text und Bild auf frappierende Weise zusammen. An den Wänden hängen Buchcover: Stephenie Meyers „Biss zum Abendrot“, „Das Schloss“ von Franz Kafka oder der Titel eines Ausstellungskatalogs von Felix Gonzales-Torres. Topka, Jahrgang 1992 und ebenfalls mit dem IBB-Preis für Photography ausgezeichnet, hat sie aus Ton geformt, sie wirken wie Reliefs, auf denen die Bestseller diverser sozialer Gruppen verewigt wurden. Malerisch sind die glasierten Keramiken außerdem, ihre Unvollkommenheit macht sie erst recht anziehend. Ob sie ähnlich haltbar sind wie Stöhrers Werk, wird die Zeit zeigen. Es spricht jedoch alles dafür.

Galerie Klaus Gerrit Friese, Meierottostr. 1. Die Ausstellung „Brave New World“ dauert bis zum 19. 2. und ist auf Instagram zu sehen. Stöhrers Werke werden bis 28. 3. gezeigt, das Video findet sich auf www.galeriefriese.de