Wie weich doch Mauern sind

Halb in der Luft und halb verwurzelt: Die Fotografie am Eingang zur Ausstellung raubt einem kurz den Atem. Da steht Isa Melsheimer (was man nur weiß, wenn man es weiß) auf einer Mauerbrüstung. Allein die Beine sind sichtbar, sie stecken in einer Art Baumkostüm und bilden den Stamm. Dahinter erstreckt sich das Panorama Berlins – und dass die Künstlerin in windiger Höhe posiert, beweisen die Dächer der Hochhäuser, auf die man hinter ihr schaut.

Melsheimer stapelt hoch, auch in der aktuellen Ausstellung. Ihre Gouachen sind großformatig und die vier Keramiken in der gerGalerie Esther Schipperadezu monumental. Sie hat aber auch allen Grund dazu, denn die aktuelle Schau namens „false ruins and lost innocence“ ist ein weiterer Glanzpunkt im Werk der 1968 geborenen, an der Berliner Universität der Künste bei Georg Baselitz ausgebildeten Künstlerin. Andererseits war das vergangene Jahr von Enttäuschungen geprägt: Erst fiel die große Solopräsentation im Kindl-Zentrum für Zeitgenössische Kunst im Wortsinn mit dem Lockdown im Frühjahr zusammen. Nun hält einen die zweite, Covid geschuldete Schließung kultureller Stätten vom Besuch der Galerie ab, wo Melsheimer ihre neuesten Arbeiten zeigt.

Nachbau einer Villa von Corbusier

Immerhin gibt es – neben der fotografischen Dokumentation aller Exponate und kurzer Erläuterungstexte – auf der Website nun auch ein Video mit der Künstlerin. Knapp drei Minuten lang führt sie persönlich durch die Ausstellung, spricht über ihre Ideen und ihr Verhältnis zur Architektur der Moderne, die immer schon wichtig für Melsheimers Arbeit war. Weshalb im hüfthohen Nachbau einer Villa von Corbusier ein originalgroßer Pferdekopf aus Ton liegt, wird ebenso Thema wie „die Verbindung von Gebäuden und Pflanzen“, mittels derer Isa Melsheimer die (zivilisierte) Natur mit dem künstlich (künstlerisch) umbauten Raum konfrontiert.

Isa Melsheimers Gouache “464” (2020)Foto: Andrea Rossetti

Diese unmittelbare Ansprache: Ein Privileg, das sonst den Gästen der Vernissage vorbehalten bleibt. So gesehen bringen die aktuellen Einschränkungen auch ein paar sinnvolle Innovationen, die man durchaus beibehalten könnte. Einen audiovisueller Beipackzettel für eine Kunst beispielsweise, der bei der Interpretation des Ausgestellten enorm hilf; der unter anderem erklärt, weshalb Melsheimer die architektonische Strukturen wie Rhythmen übernimmt, um sie organisch weiterzubauen.

Sympathien für den Brutalismus

Da tauchen, neben dem idealisierten Pferdekopf griechischer Provenienz, menschliche Füße und Unterschenkel auf, die mit einem anderen Haus verwachsen. Als sei das Bein die Säule eines Portals, durch das es in ein Labyrinth der Innen- und Außenräume geht. Die Proportionen des Körpers werden denen der Architektur gegenübergestellt, miteinander verwoben und ergeben neue Skulpturen, die man gedanklich durchwandern kann. Impulse geben feste Wände, transparente Stoffe, von Hand Genähtes neben den rohen Oberflächen des Brutalismus: Für die Künstlerin gehört all das zusammen, aus den Kontrasten ersteht ihre eigene Welt der „falschen Ruinen und verlorenen Unschuld“. Hinzu kommt die Raffinesse der Oberflächen. Beides, die ästhetische Gestaltung wie das Nachdenken über visionäre Konzepte unterschiedlicher Epochen und ihren Einfluss auf die Gegenwart, charakterisiert Melsheimers Interessen.

Empathie ist die dritte Komponente im Werk und der Kitt zwischen den Elementen. So wie Isa Melsheimer das Überzeitliche der Architektur mit der Poetik des Moments, dem sinnlichen Potenzial von Farbe und der Fragilität lebendiger Organismen zusammenbringt, entwirft sie Szenarien einer möglichen Zukunft. Einer Zeit, in der sich keine Disziplin über die andere stellt, sondern eine Balance der Interessen herrscht. Melsheimers Kunst geht da schon mal voran.
Galerie Esther Schipper, Potsdamer Str. 81E; bis 27. Februar, 24h tgl. unter www.estherschipper.com