Wie Peter Bosz Bayer Leverkusen an die Tabellenspitze führte

Wer wissen möchte, wie viel Ehrgeiz in der Mannschaft des Bundesliga-Tabellenführers Bayer 04 Leverkusen steckt, der sollte sich diese Spielszene ansehen: In der Partie in Köln stand es am Mittwoch bereits 4:0 für Leverkusen, als Nadiem Amiri einen Zweikampf gegen Sava-Arangel Cestic verlor.

Nach einem Sprint über 20 Meter holte sich der Bayer-Nationalspieler den Ball vom überraschten FC-Verteidiger zurück – und jubelte nach der gelungenen Aktion fast so, als habe er ein Tor geschossen. Dafür feierten ihn Fans im Netz, auch FC-Trainer Markus Gisdol war beeindruckt. „Man hat gesehen, warum die Leverkusener auf Platz eins stehen“, sagte er.

Ihre Position können sie nun sogar ausbauen, Bayer-Gegner in der letzten Begegnung vor der Mini-Winterpause ist im Heimspiel am Samstag (18.30 Uhr, Sky) der FC Bayern München, der als Zweiter im Klassement einen Punkt zurückliegt. Leverkusens Trainer Peter Bosz geht die Aufgabe forsch an. Wer Favorit in diesem Spiel sei, sei ihm egal, meint er – und: „Als Sportler möchtest du große Spiele spielen, das gibt besondere Energie. Es wird ein solches Spiel sein.“

Warum sollte er sich auch verstecken? Leverkusen ist bisher die Sensation der Coronavirus-bedingten Geisterspiel-Saison. Seit Wochen überzeugt die Mannschaft des Niederländers, bereits als die fabelhaften „Bosz Boys“ gefeiert, mit Tempofußball, Toren und Zusammenhalt.

Auch in der Europa League mischt Leverkusen noch mit und trifft in der Zwischenrunde auf die Young Boys Bern. Wie ist das möglich? Schließlich hat Leverkusen, Tabellenfünfter der vorigen Spielzeit, im Sommer zwei der wichtigsten Spieler verloren, Kai Havertz wechselte zum FC Chelsea, Kevin Volland nach Monaco.

Kai Havertz und Kevin Volland werden bei Leverkusen kaum vermisst

Vor allem hat es wohl damit zu tun, dass Bosz, der Bayer 04 seit Januar 2019 coacht, erstaunlich flexibel auf die neuen Bedingungen reagiert hat. Rotation war sonst zwar nicht unbedingt die Sache des 57-Jährigen, in Leverkusen nutzt er nun die Breite des Kaders voll aus – und die Profis zahlen es ihm mit feurigem Einsatz zurück. „Man muss den Spielern ein Kompliment machen, denn wenn sie reinkommen, sind sie da und bringen gute Leistungen“, meint Bosz.

Profis wie Leon Bailey, Aleksandar Dragovic oder Lucas Alario, die den Verein eigentlich schon verlassen wollten, sind wieder voll da. Amiri, seit 2019 in Leverkusen aktiv, blüht im zentralen Mittelfeld auf – genauso wie Florian Wirtz (17), den Leverkusen vor einem knappen Jahr aus Köln verpflichtet hat und der gegen seinen Ex-Verein prompt ein Tor schoss.

Besonders auffällig ist der Wandel des 23-jährigen Jamaikaners Bailey, der nach zwei schwachen Jahren wie neu geboren wirkt. Er ist torgefährlich (vier Treffer in der Liga, fünf in der Europa League), dabei aber nicht mehr so wankelmütig wie früher, als er nach misslungenen Aktionen manchmal den Kopf hängen ließ.

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Zudem hat sich Leverkusen defensiv verbessert und in zwölf Spielen nur zehn Gegentreffer kassiert, das ist der zweitbeste Wert in der Liga nach RB Leipzig (9). Die Verteidiger Jonathan Tah, Wendell, Dragovic und Mitchell Weiser, der zuletzt für Lars Bender einsprang und wohl auch gegen München spielen wird, arbeiten sehr effektiv.

Und dann ist da noch der Österreicher Julian Baumgartlinger. In seinem vierten Jahr in Leverkusen hat sich der 32-Jährige, dem schon nachgesagt wurde, er sei nicht schnell genug, vom Ergänzungsprofi zu einem der besten defensiven Mittelfeldspieler der Liga entwickelt.

„Er macht das überragend, ich bin sehr mit ihm zufrieden“, urteilt Bosz. Auch hier war Flexibilität gefragt. Ursprünglich wollte der Coach mit einer Doppelsechs spielen, doch vor zwei Monaten verletzte sich der Chilene Charles Aránguiz, der immer noch mit Achillessehnen-Problemen zu kämpfen hat.

Die Defensive steht besser als früher und auch nach Standards ist Bayer endlich gefährlich

Eine weitere Entscheidung des Trainer scheint sich ebenfalls auszuzahlen. Da Leverkusen in der vorigen Saison nur zehn Tore nach Standards geschossen hatte, holte er seinen Landsmann Rob Maas als Coach für diese Disziplin. Mit dem Ergebnis, dass Bayer Leverkusen nun bereits auf sieben Tore nach ruhenden Bällen kommt.

Das Spiel gegen Bayern München kann also kommen, zumal sich Bayer 04 auch für das 2:4 im Pokalfinale am 4. Juli gegen München revanchieren will. „Natürlich ist Bayern schlagbar, jeder ist schlagbar“, erklärt Amiri. Bosz will seine Profis in ihrem Ehrgeiz und Elan nicht stoppen. „Es ist immer gut, wenn Spieler Vertrauen haben“, sagt er, „ein gutes Gefühl und gute Laune.“

Und was ist mit der deutschen Meisterschaft, die Leverkusen noch nie gewann, ist sie nun das Ziel der Werkself? Bosz sagt weder ja noch nein, sondern: „Wenn wir Ende des Jahres auf dem ersten Platz stehen, kann man davon ausgehen, dass wir am Samstag gewonnen oder unentschieden gespielt haben. Aber auch dann sind erst 13 Spieltage gespielt. Wichtig ist, am Ende auf diesem Tabellenplatz zu stehen.“