Wie moderne Religionen das 20. Jahrhundert prägten

Enthusiastisch, mitunter sogar rauschartig soll die Atmosphäre gewesen sein, als 1893 bei der Weltausstellung in Chicago ein „Weltparlament der Religionen“ zusammentrat. 4000 Menschen wurden in der bis auf den letzten Platz gefüllten Halle des Art Institute Zeuge, wie 59 Würdenträger aus 18 Ländern „Arm in Arm“ die Bühne betraten und ihre Landesfahnen schwenkten.

Sie sangen, von einer Orgel begleitet, eine aus biblischen Zitaten zusammengedichtete Hymne. Anschließend sprach der Kardinal von Baltimore das Vaterunser. Christen stellten die Mehrheit, aber es waren auch Hindus, Muslime, Juden und Buddhisten gekommen.

Von der Veranstaltung sollte die Botschaft ausgehen, dass es eine Vielzahl von Religionen gibt, die einander trotz aller Differenzen achten und schätzen. Einige Beobachter sprachen von einem Pfingsterlebnis.

Der Religionswissenschaftler Michael Stausberg beschreibt das Weltparlament als „symphonisches Festkonzert, bei dem alle Teilnehmer freudig in die Ode auf die positive kulturelle und zivilisatorische Bedeutung von Religion einstimmen sollten“.

Die in Chicago demonstrativ bekundete Harmonie konnte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Treffen in eine Zeit eskalierender religiöser Gewalt fiel.

Der Papst sah das Weltparlament als Bedrohung

Im Osmanischen Reich kam es 1892 zu Massakern an Jesiden, die sich geweigert hatten, zum Islam oder Christentum überzutreten. Zwei Jahre später begann mit einer Strafaktion gegen Armenier eine Vertreibungs- und Vernichtungspolitik gegen christliche Bevölkerungsgruppen, die sich bis in die Anfänge der türkischen Republik hinzog.

In der indischen Hafenstadt Bombay kämpften Hindus gegen Muslime. Das russische Zarenreich wurde immer wieder von antijüdischen Pogromen erschüttert.

[Michael Stausberg: Die Heilsbringer. Eine Globalgeschichte der Religion im 20. Jahrhundert. Verlag C.H. Beck, München 2020. 784 Seiten, 34 €.]

Stausberg, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Bergen, macht das Weltparlament der Religionen zum Ausgangspunkt seines Buches „Die Heilsbringer“. Die Euphorie verflog rasch. Pläne, bei der Weltausstellung von Paris im Jahr 1900 erneut zusammenzukommen, zerschlugen sich, weil Papst Leo XIII. ein Veto einlegte.

Das Oberhaupt der katholischen Kirche sah durch das Weltparlament den Rang des Christentums als einzig wahrer Glaube infrage gestellt. Die Idee, „Menschen diverser Rassen und Glaubensrichtungen in eine tatsächliche Gemeinschaft zusammenzuführen“, wie der Sekretär des Weltparlaments gefordert hatte, geriet in Vergessenheit.

Der Glaubensmarkt diversifiziert sich

Trotzdem wurde das 20. Jahrhundert, wie Stausberg konstatiert, ein „Jahrhundert der Religionen“. Obwohl die Welt sich immer mehr säkularisierte, ließ die Nachfrage nach himmlischen Tröstungen nicht nach.

Der Glaubensmarkt diversifizierte sich, neue Kirchen wurden gegründet, esoterische Angebote kamen hinzu. Enden lässt Stausberg sein Panorama mit dem 11. September 2001.

Die Selbstmordattentate, denen fast 3000 Menschen zum Opfer fielen, verdüsterten das Bild des Islams. Seither werden Religionen weniger als Möglichkeit des Seelenheils, sondern, so Stausbergs Fazit, „vermehrt als Problem wahrgenommen“.

„Die Heilsbringer“ versteht sich als „multibiografisches Epochenporträt“. Es versammelt 47 Porträts „religiöser oder religionsrelevanter Persönlichkeiten, deren Lebensläufe eine transnationale Dimension aufweisen“, wie es Stausberg etwas ungelenk ausdrückt. Die Auswahl wirkt nicht unbedingt zwingend, mitunter sogar erratisch.

Einer der besten Texte handelt von Hitler

So widmet der Autor nicht nur Mary Baker Eddy, der Begründerin der Christlichen Wissenschaft, dem hinduistischen Mönch Swami Vivekananda, Papst Johannes Paul II. oder dem evangelikalen Prediger Billy Graham eigene Kapitel, sondern auch Bob Marley, Paulo Coelho und den Beatles. Neben erhellenden, pointiert formulierten Kurzessays stehen Beiträge, die Lebensdaten lexikalisch abhaken und in der Erkenntnis kaum über einen Wikipedia-Eintrag hinauskommen.

Adolf Hitler, über den er einen der besten Texte geschrieben hat, attestiert Stausberg eine „religiöse Denkstruktur, die er zwar nicht offiziell als Religion einführte, die ihm aber selbst absolute Handlungsmacht verlieh“.

Hitlers Sprache war voller religiöser Ausdrücke und Metaphern. Unentwegt sprach er von „Glauben“ und „Hoffnung“, sich selbst sah er als „Prophet“, der von Gott oder der Vorsehung auserwählt worden sei.

Als seine Mission sah er die gewaltsame Aneignung von „Lebensraum“ und die „Beseitigung“ der „Todfeinde der Menschheit“, zu denen für ihn vor allem die Juden gehörten. Aus der katholischen Kirche ist der Diktator nie ausgetreten, er behauptete, fromm zu sein.

Diktatoren werden vergöttert

Die Deutschen verehrten ihren „Führer“ wie einen Heiligen, auf dem Höhepunkt seines Erfolgs wurden Steine gesammelt, über die er gelaufen war. Der Psychologe Carl Gustav Jung hatte den „religiösen Charakter des Hitlerismus“ bereits in den dreißiger Jahren analysiert. Hitler sei eine Art Medizinmann, ein Halbgott, ein Mythos, befand er.

Am stärksten argumentiert Stausberg, wenn er grundsätzlich wird. Schlüssig beschreibt er, wie sich der Begriff des Religiösen im 20. Jahrhundert erweitert hat, wie er politisiert und kommerzialisiert wurde. Diktatoren bekämpften Religionen und wurden selbst vergöttert.

Mao, der, so Stausberg, mit der Kulturrevolution „eine der größten Kampagnen zur Demontage von Religion in der Geschichte der Menschheit“ in Gang setzte, ließ sich wie ein Heiliger feiern.

Zwölf Millionen Menschen nahmen im Herbst 1966, zu Beginn der Kulturrevolution, an Aufmärschen auf dem Platz des Himmlischen Friedens teil. Viele klatschten, bis ihnen die Hände wehtaten, und skandierten: „Der Vorsitzende Mao ist unter uns.“

Was Religion ausmacht, ist umstritten

Anders als Hitler, der bei den Nürnberger Reichsparteitagen lange Reden hielt, sprach Mao bei diesen wirkmächtigsten Auftritten seiner Herrschaft nur wenige Worte. Es ging ihm nicht darum, folgert Stausberg, ein Programm zu präsentieren, sondern darum, die Teilnehmer „durch seine schweigende, abgehobene Gegenwart“ auf seine Person zu verpflichten.

Was genau Religion ausmacht, ist in der Moderne umstritten. Die Fankultur nimmt mitunter liturgische Formen an, Sportler werden als „Fußballgötter“ verehrt, manche halten auch die Psychoanalyse für eine Religion. Mitunter entscheiden Gerichte darüber, was Religion ist.

So hob der Oberste Gerichtshof Großbritanniens 2013 ein Urteil aus dem Jahr 1970 auf, in dem der Scientology-Bewegung der Religionsstatus abgesprochen worden war. Begründung: Die Anbetung eines Gottes oder höchsten Wesens sei nicht das alleinige Erkennungszeichen von Religion.

Religion sei vielmehr ein „von einer Gruppe von Anhängern vertretenes spirituelles oder nichtsäkulares Glaubenssystem, das die Stellung der Menschheit im Universum und ihr Verhältnis zum Unendlichen zu erklären beansprucht“.

Scientology als Geschäftsmodell der totalen Befreiung

Für die Scientology-Kirche, die 1954 vom Science-Fiction-Autor Ron L. Hubbard gegründet wurde, war diese Definition wie maßgeschneidert. In vielen Staaten wird ihr der Religionsstatus verweigert, in Deutschland kamen Gerichte zu unterschiedlichen Bewertungen.

Hubbard hat, wie Stausberg süffisant anmerkt, ein „Geschäftsmodell für die totale Befreiung“ erfunden. Ähnliches lässt sich über Sektengründer wie Bhagwan Shree Rajneesh sagen.

Religion verkündet Heilsbotschaften, verbreitet oft aber auch Unheil. Sie ist friedliebend und gewalttätig, rauschhaft und rational, asketisch und konsumorientiert. Wie mag es weitergehen mit dem Glauben im 21. Jahrhundert? Das Kreativitätspotenzial des Religiösen ist „noch lange nicht ausgeschöpft“, glaubt Stausberg.