Wie Künstler damit klar kommen, in der Krise überflüssig zu sein

Ja, mach nur einen Plan. Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch ’nen zweiten Plan, gehen tun sie beide nicht. Nie waren die Verse aus Bertolt Brechts „Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens“ treffender als in der Pandemie. Seit zehn Monaten sind die Programme privater Showbühnen ebenso Makulatur wie die der staatlichen Theater und Opernhäuser.

Seither proben Künstlerinnen und Künstler für Stücke und Gesangsabende, die nicht aufgeführt werden. Oder wenn doch, dann irgendwann später und künstlerisch verändert, weil an Hygienebestimmungen angepasst. Manchen von ihnen ist im Hin- und Her des Öffnens und Schließens der Spielstätten inzwischen mehrfach die Premiere geplatzt. Nun zittern sie dem neuen Anlauf im Frühling, Sommer oder Herbst entgegen.

Kaum hatten die Berliner Showzelte Tipi am Kanzleramt und Bar jeder Vernunft der Planungsunsicherheit ihrerseits ein Ende gemacht und letzte Woche beschlossen, von sich aus bis zum 28. Februar geschlossen zu bleiben, da verkündete Kultursenator Lederer die Verlängerung der Bühnenschließung bis Ostern.

Dass das so kommen könnte, hat die künstlerische Leiterin Franziska Kessler geahnt, wie sie seufzend am Telefon bestätigt. Zumal der zuvor oft allzu knappe Vorlauf der politischen Entscheidungen weder dem – derzeit ruhenden – Ticketvorverkauf noch den Künstlern diente. Die bitten Kessler schon selber um Ersatztermine.

Programmplanung gleiche immer einem Tetris-Spiel bei dem Feiertage, Ferien und Jahreszeiten zu berücksichtigen sind, sagt Kessler. „Jetzt machen wir Termine und haben zusätzlich Geisterdaten im Kopf, falls nicht gespielt werden kann. Den Künstlerinnen, bei denen sich die verschobenen Engagements inzwischen stauen, geht es genauso. „Und nun versuchen wir erneut, unsere Schattenspielstände zu verzahnen.“

Finanzielle Notlagen sind unausweichlich

Was wie ein zermürbendes, mit jedem Schließungsmonat prekäreres Puzzlespiel klingt, bringt Frust, aber auch Kampfesmut hervor. Bei freien Unterhaltungskünstlern ohne Fernsehauftritte sind finanzielle Notlagen unausweichlich.

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Dass so renommierte Musikkomödianten wie die Geschwister Pfister aber durch Corona so in Geldnot geraten, dass sie Hartz IV beantragen mussten, ist dann doch ein Schock. Schließlich sind die Pfisters seit drei Jahrzehnten eine Erfolgsmarke im deutschsprachigen Raum. In Berlin treten Tobias Bonn, Christoph Marti mit und ohne Andreja Schneider nicht nur in Bar und Tipi, sondern auch in Produktionen der Komischen Oper und in „Mord im Orientexpress“ in der Komödie im Schillertheater auf.

Cindy & Bert. Dargestellt von Ursli und Toni Pfister alias Christoph Marti und Tobias Bonn.Foto: RBG_Fokke

Eigentlich, erzählt Tobias Bonn denn auch, seien sie bis Mitte 2022 ausgebucht. Genauso eigentlich wie sie zum Jahreswechsel neun Wochen lang ihre Cindy & Bert-Show im Tipi spielen wollten. Als das nicht mehr möglich war, weil die Ballett-Choreografien nicht mit Distanz funktionieren, schwenkten sie auf ihre intimere Mireille-Mathieu-Peter-Alexander-Persiflage in der Bar um, die dann letztlich auch ausfiel. Da hilft nur Selbstironie und Pragmatismus, um nicht die Motten zu kriegen.

Beides sind Eigenschaften über die „Toni Pfister“ Tobias Bonn, der in Personalunion auch den Administrator gibt, reichlich verfügt. Trotzdem setzt ihm die Situation zu. Bis auf ein paar Vorstellungen einer dann auch gleich wieder geschlossenen Musicalproduktion „Paradise City“ in Bern lebt er zum ersten Mal seit 50 Jahre so lange Zeit ohne Theater.

„Das ist bitter“, sagt er knapp. Bonn hat schon mit sechs Kasperle-Theater für die Nachbarskinder gespielt. Seitdem er 16 ist, verdient er damit sein Geld. Künstlerisch und wirtschaftlich unabhängig zu sein, gehört zur Pfister-DNA.

Die Pfisters konnten den Kredit noch nicht abzahlen

Wie kann es da sein, dass er und „Ursli Pfister“ Christoph Marti letztes Jahr drei Monate lang auf das in der Pandemie für Künstler leichter zugängliche Hartz IV gehen mussten? „Wir produzieren unsere Shows selbst, haben hohe Umsätze, aber niedrige Gewinne“, erläutert Bonn. Bei der Cindy & Bert-Persiflage seien wöchentlich inklusive Maskenbildnerin bis zu 18 Leuten zu bezahlen.

Mit 120 000 Euro ist es die bisher teuerste Pfister-Produktion. Erstmals nahmen sie einen Kredit von 80 000 Euro auf. Dann verhagelte die Pandemie die Wiederaufnahme. Aus der ersten, erfolgreich gespielten Saison konnte nur der halbe Kredit zurückgezahlt werden. „Die Show ist weder abgezahlt, noch abgespielt“, sagt Bonn und setzt nun auf die Wiederaufnahme im Herbst.

Einen Trost immerhin gibt es in der gefühlt endlosen Zwangspause: Den Zuspruch der Fans, die ihnen sogar Spenden zukommen lassen. Beispielsweise in Form eines 50-Euro-Gutscheins für den Biosupermarkt. „Solche Gesten sind wertvoll, wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird“, sagt Tobias Bonn. „Das ist ja unser Lebenswerk, das plötzlich infrage steht. Und der Gedanke, ob einen die Leute noch brauchen, ist ziemlich verunsichernd.“

Cora Frost, Sängerin und Performerin, in der Das Helmi-Produktion “Faust auf Faust”.Foto: Rudy van Dongen

Dieses mulmige Überflüssigkeitsgefühl ist auch der seit Jahrzehnten in der Freien Szene etablierten Sängerin, Performerin und Theatermacherin Cora Frost nicht fremd. Theaterschließungen und Systemrelevanzdebatten senken sensiblen Künstlerseelen die Saat des Zweifels an ihrer Lebensform ins Herz.

Anfang Februar wollte Frost im zweiten Anlauf endlich die Uraufführung ihres Else-Lasker-Schüler-Abends „Else – ich trage Dich immer zwischen meine Zähnen“ in der Bar jeder Vernunft feiern. Nun ist es wieder Essig mit den Lyrikvertonungen ihrer Geistesverwandten, die ebenso wie Frost gern Männerkleider trug.

„Else“ fällt genauso aus wie das Musiktheaterstück „Der Teufel auf Erden“, in dem Frost jüngst am Staatstheater Cottbus den Teufel spielen sollte.

Künstlerinnen sind trainiert darin, hart im Nehmen zu sein

Cora Frost hangelt sich mit Überbrückungshilfen und eng geschnalltem Gürtel durch die Durststrecke. Frustriert ist sie nur, wenn Politik und soziale Medien die Kultur schlechtreden. „Mit jedem Schritt, Atemzug, in jedem Moment formt ihr eure Kultur“, schreibt sie in dem Bühnentext „Kultur und Relevanz“: „Wenn Ihr sagt, Kultur ist nicht relevant, Achtung, dann redet Ihr von Euch selber.“ Was sie selbst angeht, sieht sie klar: Bloß keine Weinerlichkeit. „Künstlerinnen sind trainiert darin, hart im Nehmen zu sein.“ Was morgen, was im Herbst sei, das wisse man nie, das sei der Grundzustand.

„Künstlerischen Flow findet man nicht, wenn man sich in Angst und Hass verheddert. Ich muss mich ja positiv berauschen, um Dinge zu erfinden.“ Also sucht sie Schönheit, jeden Tag, und wenn es beim Fahrradfahren im Schneetreiben ist. Und sie probiert Neues aus – bei den eigenen Streamingshows im BKA-Theater, die auch im Februar weitergehen.

Der Körper verlernt das Wachsein

„Der Körper verlernt das Wachsein, wenn man nicht auftritt.“ Ihn regelmäßig aufzuwecken sei wichtig. „Auf der Bühne tut man ja Dinge, die man selbst nicht für möglich hält. Das ist der Funke, den man nicht allein zu Hause erzeugen kann.“ So seltsam wie es klingt: Die Pandemie hat Cora Frost mit einem neuen Standesbewusstsein beschenkt. „Ein Künstler ist keiner, der Häuser baut oder an festen Dingen hängt, sondern jemand der unterwegs ist, ein Nomade in Kopf und Herz.“

Auf und hinter der Bühnen. Die Musicaldarsteller Christopher Rolam und Michael Heller fungieren bei “Oh, what a Night!” als…Foto: Michael Heller

Den romantischen Anspruch an eigene Erneuerungs- und Überlebenskräfte können auch Musiktheaterleute unterschreiben, die zwanzig Jahre jünger sind. Den Musicaldarstellern Michael Heller und Christopher Bolam hat Corona die Premiere der Show „Oh what a Night!“ bereits 2020 zweimal verhagelt.

Heller ist Regisseur und Bolam Choreograf der inzwischen mehrfach zu Ende geprobten Eigenproduktion der Bar jeder Vernunft. Die beiden haben die der Musik von Frankie Valli und den Four Seasons gewidmete Show auch mit entwickelt. Finanziell überwintern sie derzeit noch mit dem Kurzarbeitergeld, das ihnen verschobene Musicalrollen in Bonn und Wien bescheren, wie sie in der verwaisten Bar jeder Vernunft erzählen.

Nun platzt wie Premiere wohl auch im dritten Anlauf

Mit Mitte 30 ist man im Musical gut beraten, die zweite Karrierehälfte hinter der Bühne vorzubereiten. Das tut Michael Heller, der mit dem Verein Offstage frische Akzente in der statischen deutschen Musicalszene setzen will, mit Shows wie „Altar Boyz“ und dem Frankie-Valli-Projekt.

Doch nun platzt, wie es aussieht, auch der dritte Premierenanlauf Ende März. Auf den hatten die Jungs hin gefiebert. Mit durchaus gemischten Gefühlen. Endlich Premiere zu feiern und damit was zu verdienen, wäre super.

Aber mit einer Gute-Laune-Show „ins Nichts zu gehen“, wie Michael Heller sagt, sprich gegen einen halbleeren Saal und die Ängste der Menschen anzuspielen, mache wenig Sinn. „Dann lieber im Sommer voll durchstarten.“

Die lange Proben- und Entwicklungszeit hatte auch was Gutes

Für eine Sache sind Heller und Bolam dem miesen Virus jedoch dankbar. „Corona hat uns geschenkt, dass wir die Show länger proben und entwickeln konnten“, sagt Heller. Szenen und Dialoge seien besser geworden. Bislang halten ihnen ihre vier Darsteller, die sonst alle in großen Produktionen wie in der Komischen Oper auftreten, die Treue. Die Chance, in einer Vier-Mann-Show endlich selbst im Mittelpunkt zu stehen, lässt manchen Terminterror ertragen.

Michael Heller und Christopher Bolam denken jedenfalls nicht ernsthaft über einen Jobwechsel nach. Sie wollen sich weiter durchs Showgeschäft schlagen. Ideen ausbrüten, netzwerken. Schon lange vor Corona hat Michael Heller seine Fanbase auf Youtube erweitert, als „Musical Michi“.

Und in der Pandemie dann die Zahl seiner Gesangsschüler auf 20 erweitert. Inzwischen bietet er Interessierten exklusive Videoclips auf der Internetplattform patreon.com an. Fünf bis 60 Euro zahlen die Leute dafür. Und die wichtigste Nahrung der Bühnenkünstler – Aufmerksamkeit, Liebe, Applaus – fällt nebenbei auch noch ab.