Wie in Algerien der Kampf um einen Bolzplatz zum Aufstand führte

Ungeheuerliches ist in der Siedlung „Cité du 11-Décembre-1960“ in Dely Brahim geschehen, einem Vorort von Algier. Zwei Generäle wollten in der vom Verteidigungsministerium 1986 errichteten Siedlung für Militärangehörige den öden Bolzplatz in der Mitte besichtigen.

Sie hatten den Platz gekauft, um dort ihre Villen zu bauen. Doch sie hatten die Rechnung ohne die Jugendlichen gemacht, die sich das brachliegende Gelände als Fußballplatz hergerichtet hatten. Als die Generäle von ihren Plänen erzählten, wurden die Kinder wütend und vertrieben die Militärs.

Dieser Vorfall von 2016 war eine Steilvorlage für die junge algerische Autorin Kaouther Adimi aus Dely Brahim für ihren furiosen Roman „Dezemberkids“ (mit einem Nachwort von Regina Keil-Sagawe. Lenos Verlag, Zürich 2020. 249 Seiten. 22€).

In einem erstarrten Algerien, das längst den schmerzvollen Unabhängigkeitskrieg und die sozialistischen Träumereien der 60er Jahre vergessen hatte, in dem sich Militärs und FLN, die Partei der Befreiungsbewegung, ihre Pfründe sicherten, in dem mit harter Hand regiert und Opposition erstickt wurde, proben nun unbekümmerte Zehnjährige den Aufstand um einen Bolzplatz.

Kadimi erzählt aus verschiedenen Perspektiven mit Biss, Ironie und Humor von diesem ungeheuerlichen Ereignis, das an einem verregneten Februartag seinen Anfang nimmt und monatelang das Land in Atem halten sollte.

Meisterhafte Erzählerin. Kaouther Adimi.Foto: Lenos Verlag

Die Kinder Dschamil, Mahdi und Ines stellen sich den Generälen entgegen. Und die alte Adila, die hochangesehene Mudschahida aus dem Befreiungskrieg, prügelt am Ende mit ihrer Krücke auf die Militärs ein, die die Flucht ergreifen. Vor ihr zerfließen sie vor Respekt, ist sie doch eine landesweit geachtete Ikone des Freiheitskampfes.

Das Land hat seinen Skandal. Und die mittlere Generation der Väter, vorzeitig aus dem Dienst entlassene Offiziere, schaut ängstlich zu. Sie hatten im Kampf gegen den Terror der Muslimbrüder einen hohen Preis bezahlt, sind desillusioniert und ohne Perspektive. Wie erfrischend scheinen selbst ihnen auf einmal ihre Kinder, die einfach nur Fußball spielen wollen und ihre Interessen verteidigen.

Bald kommen Kinder aus dem ganzen Land

Der Bolzplatz wird zu einem Mini-Algerien, Kadimi erzählt mit leichter Hand über die Probleme des Landes, über Frustration, Stagnation und Korruption. Plötzlich zeigen die Kinder mit ihrer Rebellion einen möglichen Ausweg. Sie besetzen den Platz; Adila, die der verlorenen Revolution nachtrauert, unterstützt sie.

Kinder aus anderen Vierteln und bald aus dem ganzen Land kommen in die Cité und zelten auf dem Platz – Fridays for Future auf Algerisch. Das Fernsehen berichtet über den ungleichen Kampf. Dem Geheimdienstchef sind zunächst die Hände gebunden, denn er will nicht gegen Kinder vorgehen.

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Geschickt kombiniert die Autorin die Romanhandlung mit Tagebuchnotizen von Adila, mit denen der Leser in die Geschichte Algeriens eintaucht. „Dezemberkids“ erschien 2019, als die junge algerische Protestbewegung Hirak gerade ihren Anfang nahm. Veränderung lag in der Luft – dieses Gefühl vermittelt auch der Roman.

Die kürzlich verabschiedete neue Verfassung aber muss die Anhänger der Hirak-Bewegung bitter enttäuschen, es wird sich nicht viel ändern. Doch „Dezemberkids“ atmet einen Geist, der weiterhin Mut macht.