Wie eine junge Frau Black Lives Matter mitgründete

Vergangenen Mai wurde in Minneapolis der Afroamerikaner George Floyd von einem Polizisten getötet, als dieser bei einer Festnahme mehrere Minuten lang auf Floyds Hals kniete. Was danach folgte, war eine Welle von Protesten gegen Polizeigewalt im ganzen Land, die sich vor allem unter dem Schlagwort „Black Lives Matter“ (BLM) zusammenfand.

Der Name der Bewegung selbst ist jedoch älter. Alicia Garza erzählt in ihrem Buch „Die Kraft des Handelns“, wie sie ihn im Juli 2013 zum ersten Mal verwendete, als sie in einer Bar die Urteilsverkündung im Fall des getöteten Schwarzen Jugendlichen Trayvon Martin verfolgt – Hautfarben erscheinen bei ihr durchgängig in Großschreibung.

Der Mann, der ihn erschoss, wurde seinerzeit freigesprochen. Danach twitterte sie den Hashtag „blacklivesmatter“. Gemeinsam mit Patrisse Cullors und Opal Tometti entstand die Bewegung von BLM.

Zu Beginn ihres fast 400-seitigen Buches blickt die 39-Jährige auf die Zeit, in die sie hineingeboren wurde – die Reagan-Ära. Hier verortet sie die Ursachen für die anhaltenden systemischen Probleme. Eine grundsätzliche Umverteilung von der Mittelschicht zu den Reichsten, so Garza, habe die Schwarze Bevölkerung dabei unverhältnismäßig stark getroffen.

Hohe Arbeitslosigkeit und ein harter Anti-Drogen-Krieg waren die Folgen: „Reagan bot weißen Männern der Arbeiterklasse eine Antwort darauf, warum nach einer Periode von Wohlstand und wirtschaftlichem Aufstieg ihre Löhne sanken: weil die Regierung Geld für Programme verschleuderte, die Frauen und People of Color unterstützte.“

Alicia Garza bei einer Konferenz, 2019.Foto: imago

Unter Reagan habe eine Polarisierung entlang der Trennlinien von Hautfarbe, Geschlecht und Klasse stattgefunden – und das, obwohl es bereits Bewegungen für Bürgerrechte und Black Power gegeben hatte. Von einem konservativen Konsens zum Nachteil der Schwarzen Bevölkerung seien also ihre frühen Jahre geprägt gewesen.

Aufgewachsen in San Francisco, gehörte das Organisieren von Bewegungen zu ihrem Leben. Und sie verspürte den Drang, ihr Wissen, „dass die Dinge nicht so sind, wie sie sein sollten“, mit anderen zu teilen. Deshalb ging es ihr „genauso sehr um menschliche Verbindungen und den Aufbau von Beziehungen, wie um das Erreichen eines politischen Ziels.”

[Alicia Garza: Die Kraft des Handelns. Wie wir Bewegungen für das 21. Jahrhundert bilden. Aus dem amerik. Englisch von Katrin Harlass u.a. Tropen, Stuttgart 2020. 395 S., 20 €.]

Eindrücklich beschreibt sie, wie sie in der Graswurzelbewegung „People Organized to Win Employment Rights“ (POWER) eine Heimat fand, die sich für die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Schwarzen Community in Bay View Hunters Point in San Francisco einsetzte.

Die Bewohner des Viertels sollten durch teure Sanierungen vertrieben werden. Garza sammelte mit POWER genug Stimmen für ein Referendum, indem sie im ganzen Viertel an Türen klopfte.

Protest darf nicht nur in sozialen Medien stattfinden

Bewegungen, das lernt man bei Garza, sollen Menschen dazu bringen, sich mit ihrer Umwelt aktiv auseinanderzusetzen. Ihr Fokus liegt dabei auf der Schwarzen Bevölkerung – die trotz innerer Konflikte solidarisch miteinander sein müsse. Um wirkmächtig zu sein, könne man sich nicht nur mit Menschen zusammentun, die die eigenen Ansichten teilen.

Garza unterscheidet zwischen „Einheitsfronten“, die klein sind, aber einen hohen politischen Übereinstimmungsgrad haben, und größeren „Volksfronten“, die Menschen helfen, „sich der Welt zu stellen, so wie sie ist“.

Black Lives Matter wolle dabei anderen Minderheiten keinesfalls den Wert absprechen. Allerdings seien Schwarze in den Vereinigten Staaten „auf eine ganz einzigartige und systematische Weise Angriffen ausgesetzt“.

In der Schwarzen Befreiung sieht Garza die Befreiung für alle. Wichtig ist ihr, dass Bewegungen nicht nur in den sozialen Medien stattfinden. Es sei schön, eine Million Follower auf Twitter zu haben, man müsse sich jedoch fragen: Für wen und wofür? Effektiv sei BLM erst geworden, als sich Menschen für die Bewegung praktisch engagierten.

Die Macht liegt bei den Weißen

Der Erkenntniswert von Garzas Buch liegt eindeutig in der Darstellung des Effekts, den Bewegungen auf die Veränderung er Verhältnisse haben können. Merkwürdig mutet jedoch ihr Exkurs zu einer Frau an, die sich über BLM aufregt.

Diese sagt, sie wolle am liebsten alle als Menschen betrachten – ohne Ansehen der Hautfarbe. Da die USA trotz historischer Schuld gegenüber Indigenen und Schwarzen ohnehin von Weißer Identitätspolitik geprägt seien, folgt bei Garza der Fokus der nicht-weißen Bevölkerung einem Ermächtigungsdenken.

Dass die Macht bei den Weißen liegt, lässt sich mit guten Argumenten vertreten. Dass die USA ohnehin von Weißer Identitätspolitik getrieben seien, diese Haltung ist mindestens diskutabel.

Kritisch sieht Garza auch die Rolle von Männern. Sie selbst, eine queere Frau, spricht sich zurecht für eine stärkere Beteiligung von Frauen und queeren Menschen aus. Ein Beispiel ist für sie der Aktivist DeRay Mckesson, der aus ihrer Sicht oft zu Unrecht für die Bewegung gesprochen habe.

Schwarze Frauen müssten auch in Führungsrollen Schwarzer Graswurzelbewegungen eine Rolle spielen, zu oft seien sie in der Vergangenheit in den Hintergrund gedrängt worden. Dass das heutzutage erfreulicherweise nicht mehr der Fall ist, kann man an der Prominenz Garzas und ihrer Mitstreiterinnen sehen.