Wie die Krimis Generationen von Fernsehzuschauern faszinierten

Schuld, Verantwortung, Gerechtigkeit, Vergebung – was unser Zusammenleben ausmacht, das macht auch den „Tatort“ aus. Seit 50 Jahren. Der „Tatort“ ist über diesen Zusammenhang und diesen Zeitraum hinaus mehr als eine Generationenfrage, er ist eine Frage für Generationen von Fernsehzuschauern geworden.

Wenn über neun Millionen am Sonntagabend um 20 Uhr 15 an der Scheide zwischen Wochenende und Wochenbeginn die ARD einschalten, ist ein Fixpunkt im jeweiligen Leben angesteuert. Die Regelmäßigkeit und die Konstanz verwandeln den Tagesbegleiter Fernsehen in ein Erlebnis, einen Fernseh-Event.

Spannend sind die Krimis nicht

Was erstaunlich ist, der „Tatort“ ist ja eigentlich nicht spannend. Er folgt einem vorhersehbaren Muster von (Mord-)Tat und Aufklärung, es steht von Anfang an fest, dass der Täter/die Täterin gefasst wird. Ermittlungsort und Ermittlerteam variieren, in gleicher Weise Aufklärungslogik und Verhörstrategie, so weit klar, so weit erwartbar. Und doch kann sich die Reihe in den engen Grenzen der Krimigattung eines besonderen Twists an Variation rühmen. Die Beständigkeit liegt in der Besonderheit und umgekehrt.

Aktuell ermitteln 22 Teams in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Und wenn eine Meret Becker den Berliner „Tatort“ 2022 verlassen wird, folgt ihr eine Corinna Harfouch nach. Die Anziehungskraft der Reihe und die ihr innewohnende Anstrengung der neun ARD-Anstalten lassen immer wieder die erste Reihe der Schauspielerinnen und Schauspieler, der Regisseurinnen und Regisseure, der Autorinnen und Autoren fürs Engagement gewinnen.

Ulrike Folkerts spielt seit 1989 Kommissarin Lena Odenthal.Foto: imago images / United Archives

Ein „Tatort“ kann, wie beim mit 85 Einsätzen führenden Duo Batic und Leitmayr (Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl) in den insgesamt 1147 „Tatort“-Folgen, eine Lebensaufgabe oder aber nur eine Lebensabschnittsaufgabe sein – ein Hingucker ist er allemal. Die Bandbreite der Ermittler fordert den Zuschauer zur Entscheidung heraus, er hat seine Lieblinge, er wird zum Fan weniger Polizistinnen und Polizisten und akzeptiert nolens volens den großen Rest.

Die gesellschaftskritische, wenn nicht volkspädagogische Grundierung – hat sich im „Tatort“ auch nur ein Verbrechen jemals gelohnt? – wird selten konterkariert; mal mit der Action eines Nik Tschiller (Til Schweiger), mal mit dem Klamauk des Münster-„Tatorts“ mit Frank Thiel (Axel Prahl) und Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) oder mit der Subversion des LKA-Ermittlers Felix Murot (Ulrich Tukur).

1980 konnte auch dies als Bruch mit Konvention und Tradition verstanden werden. Da tauchte in der 84. Folge Nicole Heesters als erste Frau am „Tatort“ auf, als Mainzer Oberkommissarin Marianne Buchmüller. Fernsehgeschichte schrieb aber erst die dritte Kommissarin: Lena Odenthal, seit 1989 und bis heute gespielt von Ulrike Folkerts.

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Natürlich ist der „Tatort“ ein marktkonformes, marktgängiges Fernsehprodukt. Der Zuschauer soll und will nicht zuvörderst mit Überraschungen und Überdehnungen überhäuft werden. Das große Publikum liebt es konventioneller, in der Dekade 1990-1999 lag der Frankfurter Brinkmann mit 17,29 Millionen Zuschauern vorne, in der nächsten gewannen die Berliner Ritter/Stark mit 10,41 Millionen, 2010-2019 fanden sich Boerne/Thiel mit 14,57 Millionen Zuschauern an der Spitze.

Der Tatort stellt die Ordnung wieder her

Was die anhaltend großen Zahlen über 50 Jahre belegen: Der „Tatort“ gehörte und gehört zu den prägenden TV-Angeboten. Das ARD-Produkt hat eine Ausnahmestellung.

Ausnahme bedeutet hier Aufgabe und Autorität. Der „Tatort“ liefert in seinen Morden und weiteren Untaten für die Zuschauer fremdes, verirrtes Leben, ein bisschen Angst und in der Aufklärung die Wiederherstellung der Ordnung. Du sollst nicht töten!, lautet die oberste Maxime.

Joachim Król und Nina Kunzendorf verkörperten bis 2015 die Frankfurter Polizisten Frank Steier und Conny Mey.Foto: Imago

An dieser Richtschnur hat sich über die Jahrzehnte sehr wenig geändert, deutlich mehr Spin gab es bei der Figur des Kommissars und der Kommissarin. Die Identität dieser Heldinnen und Helden ist – im Rahmen der Mehrheitsbevölkerung – vielfältig und vielgestaltig geworden.

Scheidung mit/ohne Kind, Alkoholprobleme, mit Mühe wird zwischen Gut und Böse geschieden, einsam bis bis zum Einzelgängertum – fluide Gestalten treten dem Zuschauer gegenüber, der diffus sozialkritische Gestus ist vielleicht der größte gemeinsame Nenner. Und im Automatismus des Fahnden-Müssens sind sie alle gefangen.

Steier war nach sechs Fällen Geschichte

Es war ein weiter Weg vom klassischen Beamten Paul Trimmel und dem Bajuwaren Melchior Veigl über den selbstbeherrschten Ruhrgebietskommissar Heinz Haferkamp und den „Scheiße“ brüllenden Duisburger Horst Schimanski, der das Recht als Rache auslebte, bis hin zur Auflösung der Kommissar-Figur im Frankfurter Frank Steier, gespielt von dem großartigen Joachim Król. Steier zeigte nicht mehr in Abgründe anderer, er war selber einer. Und nach sechs Fällen leider schon „Tatort“-Geschichte.

50 Jahre „Tatort“ können nicht in der Routine gefeiert werden. „In der Familie“ ist also ein Zweiteiler zum Jubiläum, geschrieben von Bernd Lange, inszeniert von Dominik Graf und Pia Strietmann. Er bringt die Ermittlerteams aus Dortmund und München zusammen. Luca Modica (Beniamino Brogi) betreibt mit seiner Frau Juliane (Antje Traue) eine kleine Pizzeria in Dortmund. Das Lokal läuft nicht übermäßig gut, die Familie kann sich als Lieferdienst über Wasser gehalten. Kokain wird im Auftrag der ’Ndrangheta umgeschlagen.

Hansjörg Felmy als Kommissar Haverkamp. Der Essener Kriminalist gab sich überaus seriös.Foto: WDR

Mit dem plötzlichen Auftauchen von Pippo Mauro (Emiliano de Martino) ändert sich die Situation. Mauro hat in München einen Mord begangen, Luca muss ihm Unterschlupf gewähren, die Organisation verlangt es. Juliane will, dass Luca aus den illegalen Geschäften aussteigt, sie lässt sich von Kriminaloberkommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel) zum „Verkabeln“ überreden, Tochter Julia (Emma Preisendanz) weiß von all dem nichts.

Mittlerweile sind auch die Münchner Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) eingetroffen, sie wollen Mauro festnehmen, doch die Dortmunder Fahnder, allen voran Faber (Jörg Hartmann) können sie davon abbringen: Sie wollen nicht die kleinen Fische, sondern die großen fangen. Die Abhöraktion misslingt gründlich, Dalay quittiert den Dienst, es zeigt sich, wie sehr die ’Ndrangheta-Abhängigen ausgeliefert sind. Fortsetzung in München, im zweiten Teil am 6. Dezember.

[„In der Familie“, ARD, diesen Sonntag und am 6. Dezember, 20.15 Uhr]

Dieser „Tatort“ nimmt sich Zeit. Wo sonst in Dortmund die Kommissare selbst im Mittelpunkt stehen, werden „In der Familie“ die Opfer, Täter und Verdächtigen ausführlich vorgestellt. Das verhindert schon mal ein Übermaß an Mafia-Klischees. Und der Zuschauer ist besser im Bilde als die Ermittler. Hier wird nicht rekonstruiert, hier ist der Zuschauer mitten im Geschehen Sehr genau, nachgerade fein wird auch das Verhältnis zwischen den Münchner und den Dortmunder Polizisten behandelt. Da sind rare komische Momente eingearbeitet, die Doppelfolge ist wahrlich keine Lachnummer.

„In der Familie“ ist des 50-jährigen Jubiläums würdig, klassisch in der Machart, quasi ein Musterbeispiel für das „Tatort“-Muster. Wobei Muster nicht einengend verstanden werden darf. Der „Tatort“ nimmt sein Krimigenre ernst und doch mischen sich unter die erwartbare Krimiware Ausnahme-Fälle, die subversive Antithese, wie sie in Münster und in Frankfurt gerne geprobt wird. Variantenreichtum und Formattreue bilden die Klammer dieses Fernseherfolgs.

Die Fernsehkultur ist Kulturgeschichte geworden

Ein halbes Jahrhundert „Tatort“ spannt einen Bogen historischer (Fernseh-)Zeit, die wie eine deutsche Sitten-, Bilder-, Habitus-, Milieu-, Diskurs- und Ästhetikgeschichte gesehen werden kann. Eine Fernsehkultur, die Kulturgeschichte geworden ist. „Den Tatort denken heißt immer auch: Deutschland denken“, schreibt Wolfram Eilenberger in dem Buch „Der Tatort und die Philosophie“.

Der „Tatort“, bemerkt ARD-Programmdirektor Volker Herres zum Jubiläum, „ist der kollektive Traum, in dem sich die Zeit ein Bild von sich selbst macht – von den Ermittler-Typen über die Täter-Profile bis hin zu den Lebenswelten und Landschaften, in denen seine Fälle spielen.“ Nur so sei seine jahrzehntelange, millionenfache Anziehungskraft zu erklären.

Für die Gegner und Feinde des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems gewiss ein Ärgernis und ex negativo das größte Kompliment: Der „Tatort“ ist Systemfernsehen.