Wie Berlins Profivereine mit den neuen Corona-Auflagen umgehen

Sie sind neben Hertha und Union die Leuchttürme des Berliner Sports: Jetzt stehen Basketballer, Eishockeyspieler, Handballer und Volleyballer vor der nächsten Herausforderung. Aber Jammern gilt nicht – auch wenn’s weh tut.

Alba Berlin

Marco Baldi handelt seit dem Beginn der Pandemie nach einer einfachen Devise: Jammern hilft nicht. Auch nach den am Mittwoch beschlossenen Maßnahmen, die die Basketballer von Alba Berlin an so vielen Fronten treffen, hält er sich daran. „Ich möchte nicht in den vielstimmigen Klagechor einstimmen. Dass die Lage sehr, sehr ernst ist, ist doch klar“, sagt der Manager des Deutschen Meisters. „Wir müssen diese Situation jetzt mit Solidarität, Zusammenhalt und Hartnäckigkeit angehen.“

Im Frühjahr ist Alba auf diese Art besser durch die Krise gekommen als viele andere Vereine. Die tägliche digitale Sportstunde fand viel Beachtung – und als eine der wenigen Sportarten haben die Basketballer ihre Saison mit einem abgeschirmten Turnier in München noch beendet. Diese Erfahrungen helfen. Hinzu kommt, dass Alba nicht nur ein Profiklub ist, sondern auch in Kindergärten und Schulen Präsenz zeigt. Dazu kommt eine riesige Jugendabteilung und gute Beziehungen zur Politik. „Über die Jahre haben wir direkte Verbindungen in die Gesellschaft aufgebaut – und das hilft“, sagt der Manager.

Marco Baldi wird künftig wohl einer der ganz wenigen Zuschauer bei den Alba-Spielen.Foto: imago images/Bernd König

Doch nicht nur die Profimannschaft steht mit dem Fanausschluss vor einem Problem, dem gesamten sozialen Bereich wird die Arbeitsgrundlage entzogen. Amateursport – und dazu gehört nun mal auch die gesamte Jugendabteilung – ist vorerst nicht erlaubt. Was mit den zahlreichen Schul-AGs wird, ist noch unklar. Ob es erneut staatliche Hilfen gibt, ebenfalls.

„Das ist ein Überlebenskampf. Im Sport gibt es niemanden, der dabei irgendwas gewinnen kann“, sagt Baldi. Anstatt langfristiger Planung ist aktuell Improvisation gefragt. Denn ob die Saison auch nur ansatzweise wie vorgesehen durchgeführt werden kann, ist fraglich. Das haben nicht zuletzt die sieben Corona-Infektionen im Profiteam gezeigt.

Der direkte finanzielle Verlust durch den Zuschauerausschluss ist dabei gar nicht das größte Problem. Bei den bisherigen zwei Heimspielen waren nur 700 Fans erlaubt, damit lässt sich praktisch kein Geld verdienen. „Da hängen aber noch viele andere Dinge dran“, gibt Baldi zu bedenken. Etwa Verträge mit Sponsoren, Hospitality-Einnahmen und letztlich auch die Bindung der Fans an den Verein.

Eisbären Berlin

Im Eishockey hat sich die Situation durch die neuen Beschlüsse nicht wesentlich verändert. Der Spielbetrieb in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) hat noch gar nicht begonnen. In DEL 2 ist der Saisonstart weiterhin für den 6. November geplant, dann unter den neuen Voraussetzungen ohne Fans. Am ersten Novemberwochenende soll auch der Deutschland-Cup in Krefeld stattfinden, nach diversen Absagen nur noch mit drei Nationen.

Peter John Lee hofft mit den Eisbären weiter auf den Saisonstart.Foto: imago images / Christian Thiel

Anschließend startet ein Testwettbewerb mit acht Teams aus der DEL. Die Eisbären empfangen dabei in ihrem ersten Spiel die Schwenninger Wild Wings – und Peter John Lee geht auch davon aus, dass dies so bleibt. Klar wäre: „Wir spielen am 13. November definitiv im Welli ohne Fans.“ Die nächsten Heimspiele sind für den 3. und 5. Dezember terminiert, möglicherweise sind dann wieder Zuschauer erlaubt.

Wie es ist, vor komplett leeren Rängen zu spielen, können die Berliner bereits an diesem Wochenende bei ihren Tests in Kassel und Bad Nauheim erleben.

„Für uns erst einmal okay, wir sind nicht so hart betroffen wie andere Ligen. Die DEL hat sehr konservativ geplant, jetzt warten wir ab, wie sich alles entwickelt”, sagt Lee. Der Berliner Geschäftsführer versucht, die Hoffnung nicht aufzugeben. Ein Saisonstart der DEL im Dezember ist weiterhin denkbar – eine Absage der kompletten Spielzeit oder zumindest eine weitere Verschiebung allerdings auch.

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Die Eisbären würden das vermutlich überstehen, allerdings könnten ihnen auf Dauer die Gegner ausgehen. Bei den Kölner Haien beispielsweise fehlt rund eine Million Euro, um überhaupt in eine Saison ohne Zuschauer zu starten. Deshalb hat der Traditionsklub mit dem Verkauf von symbolischen Tickets begonnen. Preis pro Karte: Zehn Euro.

Füchse Berlin

Bob Hanning hatte am Mittwoch so viel zu tun, dass er zunächst nichts von den neuen Beschränkungen für den Profisport mitbekam. Nach der Videokonferenz zur umstrittenen Abstellungspflicht der Handball-Nationalspieler sagte der Manager der Füchse Berlin noch leicht orientierungslos: „Das muss ich mir erst einmal anschauen.“ Was er später sah, wird ihm nicht gefallen haben.

Mit 24 Stunden Abstand saß der Schock immer noch tief. „Ich würde mir wünschen dass die Politik nicht alles gleichschaltet, sondern manchmal auch Dinge akzeptiert, wenn sie perfekt gemacht werden“, sagte Hanning und nannte das kommende Zuschauerverbot „einen ganz bitteren Schritt“.

Bob Hanning ist bekannt für seine schrillen Pullover.Foto: imago images/Bernd König

In gewisser Weise bringt er sogar Verständnis für die Maßnahmen mit, denn der Sport habe schließlich eine Vorbildfunktion. „Aber ich würde mir eine stärkere Differenzierung wünschen.“ Realistisch rechnet auch Hanning zumindest bis weit in die Saison nicht mehr mit vollen Arenen. Ein paar Fans hätten aber zumindest für eine Grundstimmung in der Max-Schmeling- Halle gesorgt. Die fehlen nun, wobei dem Manager klar ist: „Die Zuschauer, die jetzt nicht mehr kommen dürfen, sind nicht für den Untergang der Füchse verantwortlich.“

Trotzdem steht dieses Schreckensszenario im Raum. Und das gilt für alle Berliner Profiklubs neben dem Fußball. „Du brauchst Leuchttürme im Sport, wenn es die Klubs nicht mehr gibt, sind sie unwiederbringlich weg. Das muss allen klar sein.“

Dabei fühlt sich Hanning von der Politik gerade in Berlin durchaus wertgeschätzt, die neuesten Beschlüsse zur Eindämmung der Corona-Pandemie würden es den Klubs allerdings nicht leichter machen. „Das tut schon weh“, sagt der Füchse-Manager. Und die Schmerzen dürften mittelfristig wohl kaum nachlassen.

BR Volleys

Europaweit gibt es kein Männer-Volleyballteam, das mehr Fans bei seinen Heimspielen in die Halle lockt als die BR Volleys aus Berlin. Rund 5000 Zuschauer kommen im Schnitt zu den Spielen des Bundesligisten in die Max-Schmeling-Halle. Für Volleyballverhältnisse ist das extrem viel. Der Lockdown light schmerzt den Klub daher sehr.

Volleys-Geschäftsführer Kaweh Niroomand sorgt sich weniger um den ökonomischen Ausfall, der durch den Fanausschluss entsteht. „Ich befürchte einen großen ideellen Schaden“, sagt er. „Die Nähe der Fans zu dem Klub geht so komplett verloren. Und diese Bindung der Zuschauer an den Verein ist extrem wichtig für uns.“

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Wirtschaftlich macht Niroomand vor allem der Umstand zu schaffen, dass die Volleys die vertraglich vereinbarten Leistungen mit den Sponsoren durch den Fanausschluss nicht einhalten können. „Es ist so, als bekommt man zwei Euro von jemandem und gibt ihm drei Tomaten. Jetzt bekommt er aber plötzlich gar keine Tomate mehr für sein Geld“, erklärt der 67-Jährige das Problem. „Wir sind jetzt auf das Wohlwollen der Sponsoren angewiesen.“

Kaweh Niroomand ist Manager der Volleys, aber auch Sprecher der Berliner Profiklubs.Foto: imago images/Nordphoto

Und auf Staatshilfen. Doch diese sind nicht besonders leicht zu bekommen. So sind bisher von den 200 Millionen Euro, die der Bund dem Sport als Nothilfe zukommen lassen will, bislang erst rund ein Fünftel beantragt worden. Der Grund: Die Rahmenbedingungen sind streng.

Bei bestimmten Konstruktionen sollen die Gelder nur dann fließen, wenn der ganze Verein mit all seinen Abteilungen in finanzielle Nöte geraten ist und nicht nur die Profiabteilung. Außerdem sollen nur jene Klubs die Sporthilfen gezahlt bekommen, die nicht schon zuvor Staatsmittel im Kampf gegen Corona erhalten hatten wie zum Beispiel das Kurzarbeitergeld.

Fest steht: Wie für die Volleys wird es für extrem viele Profiklubs im deutschen Sport ein harter Kampf werden, um den wirtschaftlichen Schaden einigermaßen begrenzt zu halten. Zumal, und das ärgert Kaweh Niroomand besonders, die aufwendigen Maßnahmen zum Infektionsschutz mit viel Mühe und hohen Kosten verbunden waren.

„Wir sind für unser Hygienekonzept in der Max-Schmeling-Halle sehr gelobt worden. Die Gefahr, sich bei einem Spiel der Volleys mit dem Virus zu infizieren, war sehr gering“, ist Niroomand überzeugt. „Nun müssen wir und viele andere – nicht nur im Sport, sondern auch im Hotelgewerbe oder der Gastronomie – dafür büßen, dass sich einige nicht an die Vorgaben der Politik gehalten haben.“