Wie aus dem Knirps Tadej Pogacar ein Riese wurde

Als Kind war Tadej Pogacar zu klein für ein Rennrad, doch er lernte alle Hindernisse zu überwinden. Nun hat er sensationell die Tour de France gewonnen.




Tadej Pogacar trug auf der letzten Etappe der Tour der France erstmals das Gelbe Trikot.Foto: Reuters

Die Tour de France entwickelt sich zum Jungbrunnen. Im vergangenen Jahr war es der 22-jährige Egan Bernal, der am vorletzten Berg der Tour de France das weiße Trikot des besten Jungprofis mit einer Soloattacke gegen das gelbe eintauschte.

In diesem Jahr setzte Tadej Pogacar noch einen drauf. Der Slowene, der erst am Montag 22 wird, ließ sich Zeit bis zum letzten Berg dieser Tour, der Planche des Belles Filles. Die raste er aber beim Zeitfahren förmlich hinauf, er wirkte dabei wie von der Kette gelassen.

Denn erstmals passten die starken Helfer von Primoz Roglic aus dessen Team Jumbo Visma nicht auf ihn auf. Stattdessen mussten sie im Zielbereich mit ansehen, wie Pogacar ihren Kapitän Roglic förmlich zerstörte. Er nahm seinem Landsmann und freundschaftlich verbundenen Rivalen zwei Minuten ab. Es war ein erschütternd deutlicher Sieg.

Roglic selbst kam mit leichenblassem Gesicht zur Pressekonferenz. „Ich bin enttäuscht, natürlich habe ich mir das nicht so vorgestellt“, sagte er. Die Tränen, die er vergossen hatte, waren längst weggewischt, aber diese Niederlage wird tief in seinem Herzen bleiben.

Die letzte Etappe gewann am Sonntagabend Sam Bennett im Sprint

Der strahlende Held des Samstagabends blieb davon seltsam unberührt. Pogacar schien auf einer Wolke des Glücks zu schweben. Sein Rennstallmanager Mauro Gianetti drückte und herzte ihn. Pogacar aber hatte noch auf der Pressekonferenz Mühe zu begreifen, was ihm da geglückt war. „Selbst diese Pressekonferenz ist eine zu große Sache für mich“, meinte er. Am Sonntag dürfte er dann so langsam verstanden haben, was ihm da gelungen war. Im Gelben Trikot ging er auf die letzte Etappe, die drei Stunden später in Paris Sam Bennett gewann, der Träger des Grünen Trikots.

Danach wurde dann der junge Bursche aus dem Dorf Komenda gefeiert. „Kleiner Prinz“ hatte ihn die „Gazzetta dello Sport“ getauft, und diesem Bild entspricht Pogacar irgendwie auch.

Angedeutet hatte sich der historische Moment zunächst nicht. Der Beginn von Pogacars Radsportkarriere war voller Hindernisse. Als er mit neun Jahren seinen älteren Bruder zum Radsport begleitete, weil der das toll fand, gab es für ihn kein Rad. Er war zu klein, ein Rad in seiner Größe war beim Klub nicht vorhanden.

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Auch Jahre später war er immer noch der Kleine. „Seine Altersgenossen überragten ihn um zehn bis 20 Zentimeter“, erzählt Pogacars Jugendtrainer Miha Koncilija. Er ist sich aber sicher, dass dies auf lange Sicht gesehen kein Nachteil war. „Er lernte dabei zu kämpfen, sich gegen Größere und Stärkere durchzusetzen“, sagt Koncilija.

Und Pogacar setzte sich durch. Oft wurde der Knirps ganz oben auf dem Siegerpodest dabei immer noch von denen überragt, die auf den Stufen darunter standen. Im Rennen aber hatte er die Lulatsche bezwungen.Nationale Aufmerksamkeit errang Pogacar erstmal bei den U-17-Landesmeisterschaften. „Es war ein schwerer, ein bergiger Kurs. Etwa 40 Kilometer vor dem Ziel zog er allein los und gewann“, erinnert sich Koncilija.

Schon vorher war er den Fachleuten aufgefallen. „Seit seinem 14. Lebensjahr haben wir Aufzeichnungen von ihm“, sagt Radoje Milic. Milic ist Sportwissenschaftler, leitet das leistungsdiagnostische Labor an der Universität Ljubljana. „Die Daten, die wir haben, zeigen ein kontinuierliches Wachstum“, erzählt er.

Im Vorjahr war Pogacar bei der Spanien-Rundfahrt schon auf Platz drei gefahren

Allerdings eines in großen Schritten. Musste Pogacar anfangs kämpfen, sich in seiner Altersgruppe durchzusetzen, so wuchs er spätestens mit 18 Jahren über sie hinaus. Mit 20 hatte er seinen ersten Profivertrag. In diesem Alter gewann er auch sein erstes World-Tour-Rennen. Es war die Kalifornienrundfahrt. Die Flasche mit dem Siegerchampagner durfte er auf dem Podium noch nicht einmal selbst öffnen. Das verboten ihm die Jugendschutzgesetze in den USA.

Kein Jugendschutzgesetz hält ihn vom Siegen ab. Im vergangenen September, bei seiner ersten Grand Tour, der Vuelta, stürmte er mit einer Attacke am letzten Berg der Rundfahrt durch Spanien noch auf Platz drei. „Da waren alle gewarnt. Roglic und Jumbo Visma haben das offenbar vergessen und nicht genug Vorsprung auf Pogacar in den Tagen zuvor herausgeholt“, tadelte der große Eddy Merckx in der französischen Sportzeitung „L’Equipe“ die Unterlegenen. Und sprach zugleich dem Sieger ein Sonderlob aus.

Merckx hat, obwohl er bei seinem ersten Toursieg schon 24 war, dem jungen Helden noch etwas voraus. Er gewann bei seinem Tour-Debüt wie Pogacar Gesamt- und Bergwertung. Der Belgier holte sich damals aber auch das Grüne Trikot. Gut zu wissen, dass es für Jungstar Pogacar noch unerledigte Jobs gibt.