Wer hat an der Uhr gedreht?

Wer dieser Tage erst damit begonnen hat, „The Crown“ zu schauen, und brav chronologisch vorgeht, Staffel für Staffel, Folge für Folge, muss tapfer sein. Zum einen, klar, gibt es in England seit Wochen die Diskussion um den Wahrheitsanspruch und Fiktionsgehalt der Serie, aufgehängt an der vierten Staffel mit Lady Di und Prince Charles.

Doch dauert es natürlich seine Weile, bis die Staffeln durchgeguckt sind, Serien sind schließlich enorm zeitintensiv. Will auch heißen: Spoilergefahr!

Zum anderen ist der Schlag, zu dem die Serienmacher zu Beginn der dritten Staffel ausgeholt haben, ein extrem brutaler: Das Personal wurde komplett ausgetauscht.

Claire Foy spielt nicht mehr die Königin, sondern Olivia Colman, Vanessa Kirby ist nicht mehr Prinzessin Margaret, sondern Helena Bonham Carter, Matt Smith nicht mehr Prinz Philip, sondern Tobias Menzies, und immer so weiter, bis zum noch so unwichtigen Höfling.

Burghart Klaußner übersprang schnell einfach mal 20, 30 Jahre

Wenn man knapp zwanzig Stunden mit immer denselben Schauspielern und Schauspielerinnen verbracht hat, ist es gewöhnungsbedürftig, plötzlich in ein Antlitz zu gucken, das, zum Beispiel im Fall der Königin, völlig anders aussieht: teigiger, großäugiger, sichtlich älter.

Der Move, der da unternommen wird, ist natürlich nachvollziehbar. Die Jahrzehnte hinterlassen nun einmal ihre Spuren an den Mitgliedern des Königshauses, in der Realität nicht anders als in der Fiktion.

Aber so richtig stimmig wirkt das alles nicht: 1963 ist Claire Foy noch die Queen und entsetzt über Kennedys Ermordung. Und ein Jahr später sieht man Olivia Colman, wie sie ihrem Premier verspricht, Lyndon B. Johnson auf die Jagd einzuladen? Was macht „The Crown“ denn da mit der Zeit? Wie lax geht diese Serie mit dem Wesen der Zeit um? Die Queen innerhalb eines Jahres gleich um ein Jahrzehnt altern lassen?

Colman wurde 1974 geboren, Foy 1984. Zumal es an anderer Stelle kein Problem war, Burghart Klaußner zwei, wenn nicht gar drei Jahrzehnte überspringen zu lassen: Klaußner ist gleichermaßen der Lehrer von Prinz Philip wie auch von Charles, und dabei nicht groß gealtert.

Wie gefährlich ist “The Crown” für die Königin

Es wird in „The Crown“ viel an der Uhr und also an der Zeit gedreht. Weshalb die Debatte um die vierte Staffel eher lahm wirkt.

Mehr Fiktion als mit dem Austausch der Schauspielerinnen und Schauspielern geht kaum, da hat die Realität wirklich keine Chance. Interessanter ist, dass die Serie selbst Teil der Realität geworden ist. „The Crown“ thematisiert von Beginn an die Gefahren, in denen sich die Monarchie befindet, die zu ihrer Abschaffung führen könnten.

Auf einer schönen Metaebene stellt „The Crown“ also selbst eine Gefahr für das Königshaus dar. Zu viel Offenheit, zu viele Blicke hinter die Kulissen, und seien sie noch so fiktiv, haben einer Monarchie noch nie gut getan.