Wer A sagt, muss auch B sagen

Das hat Hertha BSC wirklich wieder einmal hervorragend hinbekommen. So hervorragend, dass alle Menschen, die nicht besonders viel mit diesem Verein am Hut haben, sich in ihrer vermutlich nicht besonders guten Meinung von diesem Verein noch einmal bestätigt fühlen dürften.

In der Vorlesung „Wie schaffe ich es, einen leitenden Mitarbeiter anständig und würdevoll zu verabschieden?“ hat Hertha offensichtlich lieber auf dem Smartphone rumgedaddelt, anstatt aufmerksam zuzuhören. Die nach unten offene Peinlichkeitsskala hat der Klub mit der Trennung von Bruno Labbadia und Michael Preetz jedenfalls mal wieder verlässlich unterboten.

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Wenige Minuten nach dem Schlusspfiff des Spiels gegen Werder Bremen vermeldete die vorab informierte „Bild“-Zeitung die Entlassung von Trainer Bruno Labbadia. Der wiederum wurde in einem Live-Interview fürs Fernsehen davon in Kenntnis gesetzt.

„Was macht das mit Ihnen?“, musste sich Labbadia vom bekannt einfühlsamen Sky-Moderator fragen lassen. Kurz darauf sagte Manager Michael Preetz dem ZDF, dass er die Nachricht von Labbadias Entlassung nicht bestätigen könne. Was wohl sogar der Wahrheit entsprach.

Denn Preetz war, obwohl Vorstand Sport, nicht nur nicht in diese Entscheidung einbezogen worden; er ist selbst zum Opfer der neuen Entwicklung geworden. Herthas Führung mit dem erst vor knapp zwei Monaten als Vorstandschef eingesetzten Carsten Schmidt hat sich für die große Lösung entschieden. Und das ist – abgesehen von der zweifelhaften Umsetzung –die richtige Entscheidung. Wer A sagt, muss auch B sagen.

Hertha BSC braucht eine Neuausrichtung

Die Entlassung Labbadias allein wäre nur ein weiteres Herumdoktern an den Symptomen gewesen; es geht jetzt um eine grundsätzliche Neuausrichtung des Vereins. Und dass diese Neuausrichtung dem langjährigen Manager Preetz nach einer weiteren Saison voller Enttäuschungen nicht mehr anvertraut werden sollte, das ist nur zu verständlich.

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Im Frühjahr 2019 hat sich Hertha auf Preetz‘ Betreiben hin entschlossen, die Zusammenarbeit mit Trainer Pal Dardai zu beenden. Die Begründung lautete, dass die Mannschaft auf dem Weg zu schönerem und attraktiverem Fußball einen neuen Impuls brauche. Jetzt, zwei Jahre und vier Trainer später, soll Dardai zurückkehren. Weil Hertha, um den Totalabsturz zu verhindern, wieder mehr von jener Kernigkeit benötigt, für die Dardai steht wie kein anderer.

Die Zeit der Romantik ist bei Hertha BSC vorbei

Ante Covic, Jürgen Klinsmann, Alexander Nouri und Bruno Labbadia, das waren die vier Trainer, die sich seit Juli 2019 vergeblich an Dardais Erbe versuchen durften. Schon in der Vergangenheit – Friedhelm Funkel, Michael Skibbe, Otto Rehhagel – hat Preetz mit seinem Trainierentscheidungen zum Teil spektakulär danebengelegen.

Und so fällt das Saldo seiner fast zwölfjährigen Amtszeit alles in allem deutlich negativ aus. Dass er zwei Abstiege mit Hertha in seinen ersten drei Jahren als Manager unbeschadet im Amt überstehen konnte, wird vermutlich immer zu den großen Mysterien des Fußballs zählen.

Trotzdem hat sein Ende etwas Tragisches. In einer Zeit, in der im Profifußball der Kommerz mehr und mehr die Romantik verdrängt, hat Preetz für viele Hertha-Fans zumindest noch eine echte Verbundenheit mit dem Klub verkörpert. Das Bild vom blauweißen Blut, das angeblich durch seine Adern fließe, hat Preetz selbst zur Genüge strapaziert.

Fast ein Vierteljahrhundert stand er bei Hertha unter Vertrag, erst als erfolgreicher Stürmer, später als Manager-Azubi von Dieter Hoeneß, schließlich als Vorstand Sport.

Die Zeit der Romantik ist jetzt endgültig vorbei. Stattdessen übernehmen nun die kühlen Rechner, die in Hertha vor allem eins sehen: ein Projekt.