Wenn Orchester verstummen

Die DDR hatte die beste Klassik-Versorgung weltweit. 24 der 76 ostdeutschen Orchester aber haben die Wiedervereinigung nicht überlebt.




Die Berliner Philharmoniker beim Festakt zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990.Foto: picture-alliance / dpa

In Großbritannien kam 1991 ein Sinfonieorchester auf 6,1 Millionen Einwohner. In Ostdeutschland lag die Quote bei 219 000 Personen, in Thüringen und Ost-Berlin sogar bei 160 000. Das hat vor 29 Jahren Jutta Allmendinger ausgerechnet, damals wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut, heute Präsidentin des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung. Auch in der alten Bundesrepublik war die Versorgung mit sinfonischer Klassik besser als in jedem anderen Land der Welt – mit Ausnahme des untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaats eben.

„Die sozialistische Gesellschaft fördert das kulturvolle Leben der Werktätigen“, hieß es in Artikel 18 der DDR-Verfassung. Mochte auch im Bereich der Konsumgüter Mangelwirtschaft herrschen, die planmäßige Pflege „aller humanistischen Werte des nationalen Kulturerbes und der Weltkultur“ war hier bis hinein in die allertiefste Provinz sichergestellt.

Allein auf der Fläche des heutigen Landes Brandenburg existierten fünf Bühnen mit Orchester und eigenem Opernensemble. Davon ist nur die Musiktheatersparte am Staatstheater Cottbus übrig geblieben, in Senftenberg und Schwedt, Frankfurt (Oder) und Potsdam gibt es längst keine fest angestellten Sängerinnen und Sänger mehr.

Die Vielfalt war auf Dauer nicht zu halten

Obwohl nach der Wiedervereinigung ein „Substanzerhaltungsprogramm“ für die Theater, Museen, Orchester und Bibliotheken aufgelegt wurde, das in den Jahren 1991 bis 1993 mit Bundesmitteln in Höhe von 1,5 Milliarden D-Mark ausgestattet war, wurde bald klar, dass die Artenvielfalt in den blühenden Kulturlandschaften des Ostens dauerhaft nicht zu erhalten sein würde.

Die Deutsche Orchestervereinigung, die Gewerkschaft der Profimusiker und -musikerinnen hat in ihrer Zeitschrift „Das Orchester“ jetzt in einem Themenschwerpunkt zu 30 Jahren Wiedervereinigung exemplarisch die Auswirkungen der Nachwendezeit auf die sinfonische Musik aufgearbeitet.

Staunend kann man da erfahren, wo überall es in der DDR instrumentale Klassik-Kollektive gab. Im nordthüringischen Heiligenstadt beispielsweise oder auch in Salzwedel an der Grenze zu Niedersachsen, in Stendal, Bad Salzungen, Döbeln und Eisleben. In vergleichsweise kleinen Städten wie Chemnitz und Halle an der Saale musizierten sogar jeweils zwei Orchester nebeneinander.

Die Kollektive brachen als Stammkunden weg

Weil nach 1989 aber ein großer Teil der Stammkundschaft wegblieb – die Schulen und Kombinate waren regelmäßig (aber nicht immer ganz freiwillig) zu den Konzerten gekommen –, wurden bis 2010 auf dem Territorium der ehemaligen DDR 24 der 76 E-Musik-Orchester aufgelöst und 18 fusioniert. 38 Prozent der Planstellen fielen nach 1989 im Osten weg, im Westen waren es lediglich sieben Prozent.

Dabei haben sich die allermeisten Gemeinden zwischen Stralsund und Görlitz wirklich bemüht, Klassik vor Ort weiterhin zu ermöglichen. Eine Fusion schien dabei oft der Königsweg: 1992 beispielsweise wurden die Landeskapelle Rudolstadt und das Staatliche Sinfonieorchester Saalfeld zusammengelegt, sogar auf Anregung der Musikerinnen und Musiker, die hofften, dann das ganz große Repertoire spielen zu können. Jeweils 50 Mitglieder gab es auf beiden Seiten, entstehen sollte ein 67-köpfiges Ensemble – am Ende des Verschmelzungsprozesses blieben allerdings dann doch nur 42 Planstellen übrig.

Noch bitterer entwickelte sich die Liaison zwischen der Thüringen-Philharmonie Suhl und dem Landessinfonieorchester Gotha. Zwölf Jahre nach dem Zusammengehen zog sich Gera aus der Finanzierung zurück, die einzige Rettung war eine weitere Fusion, diesmal zwischen Gotha und Eisenach. Plauen und Hof, Nachbarn auf 30 Kilometer Distanz, doch einst vom Eisernen Vorhang getrennt, konnten sich dagegen nicht zur Orchesterehe durchringen. Notgedrungen kam es zur Fusion von Plauen mit Zwickau, obwohl die Städte 44 Kilometer auseinanderliegen.

Wendeverlierer gründeten das Filmorchester

Eigenständig blieb das Theater des ganz im Westen von Thüringen gelegenen 21 000-Seelen-Städtchens Meiningen. Dort profitierte man von zahlungskräftigen Besuchern aus den angrenzenden Altbundesländern Hessen und Bayern. Sie machen 28,5 Prozent der Abonnenten im 730-Plätze-Musentempel aus, bei den Einzelkartenkäufern sind sie sogar in der Mehrheit.

Zum Sammelbecken der Wendeverlierer wurde das Deutsche Filmorchester Babelsberg. Als „Selbsthilfeprojekt“ gründete es der Bratscher Klaus-Peter Beyer 1990 mit Kollegen aus dem abgewickelten DDR-Rundfunkorchester. Bald kamen Mitglieder des ebenfalls aufgelösten Defa-Sinfonieorchesters dazu, außerdem Arbeitslose aus dem Berliner „Metropol“-Operettenhauses.

Zunächst gab es nur ABM-Mittel, seit 1996 fördert das Land Brandenburg das Filmorchester, während sich Potsdam zu keinerlei institutioneller Förderung durchringen konnte. Überhaupt hat sich die Boom-Gemeinde vor den Toren Berlins in Sachen Nachwendekultur nicht mit Ruhm bekleckert.

Orchester-Abwicklung in Potsdam

Als Bezirkshauptstadt verfügte man zu DDR-Zeiten selbstverständlich über ein Mehrspartenhaus mit Schauspiel, Orchester und Oper. Doch während mit viel EU-Fördergeld in die Hardware investiert wurde – es entstanden ein neues Theater sowie ein neuer Konzertsaal, beide architektonisch äußerst gelungen –, wurde bei der Software massiv gespart. Erst löste man das Musiktheater auf, dann wurde die Brandenburgische Philharmonie abgewickelt.

Ersatz bietet seit 2000 die Kammerakademie Potsdam, die zwar überregional geschätzt wird, aber auf prekärer Basis arbeiten muss. Die Musikerinnen und Musiker sind nicht fest angestellt, sondern werden lediglich projektbezogen unterstützt.