Wenn der Staat zum Hehler wird

„Es gibt gewisse Dinge, die sind und bleiben schön“, so lautete der Slogan im Werbeprospekt der Kunst & Antiquitäten GmbH, der in den Interhotels für westdeutsche Besucher auslag. Von dort wurden sie busweise nach Mühlenbeck gekarrt, zum Lagerhaus des DDR-Außenhandelsbetrieb, der von hier den Ausverkauf von Möbeln, Gemälden, Porzellan abwickelte. „Wir übernehmen Zollabfertigung und auch den Transport von Haus zu Haus“, empfahl sich das KuA abgekürzte Unternehmen weiter im Prospekt, auf dem eine historische Pendeluhr prangt. Der Handel florierte, zwischen 1973 und 1989 erwirtschaftete das Unternehmen rund 430 Millionen DM. Woher die Bestände kamen, wollten die damaligen Kunden nicht so genau wissen.

Das hat sich seither kaum geändert, wie die Herbsttagung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste ergab. Zum zweiten Mal nahmen sich Provenienzforscherinnen und -forscher unter dem Titel „VEB Kunst“ des Themas Kulturgutentzug und Handel in der DDR an. Damals entschloss sich das von Kulturstaatsministerin Monika Grütters nach dem Gurlitt-Fall forciert gegründete Deutsche Zentrum mit Sitz in Magdeburg, nicht nur die NS-Raubkunst auf seine Agenda zu nehmen, sondern fortan auch die in der DDR staatlich entwendeten Kulturobjekte, seien sie aus Museen oder von Privatpersonen. Bei einer Podiumsdiskussion am Vorabend sprach Ulrike Lorenz, Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar, von der neunfachen Menge ungeklärter Fälle im Vergleich zur NS-Raubkunst.

„Wir sind ein gutes Stück weiter“, rief Gilbert Lupfer, Vorstand des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste, den rund 170 zugeschalteten Teilnehmerinnen und Teilnehmern vom Bildschirm aus trotzdem optimistisch zu. Die in Halle geplante Tagung musste coronabedingt ins Netz verlegt werden. Inzwischen seien viel mehr Fakten und Kontexte zur Rolle der Museen, Bibliotheken, Archive, der Ämter und Ministerien, vor allem der Betroffenen zutage getreten, sagte Lupfer. Allerdings sei das Thema kaum im alten Westen angekommen, schränkte er ein. Die Verwicklungen der dortigen Händler, Sammler, Museumsdirektoren blieben unterbelichtet.

Nur wenige Spuren führen nach draußen

Das ist 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ein deprimierendes Ergebnis. Der Kunstentzug in Dresden, Leipzig, Halle bleibt damit vorerst weiterhin ein Kapitel allein der DDR. Nur wenige Spuren führen nach draußen, ja in den internationalen Handel, wie das Abschlussreferat von Xenia Schiemann und Margaux Dumas – beide Absolventinnen bei Bénédicte Savoy an der Technischen Universität Berlin – am Beispiel einer Kommode von Guillaume Beneman aus dem 18. Jahrhundert demonstrierte.

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Das Pendant steht im Louvre. Das vorgestellte Stück aber nahm seinen Weg in den 1940er Jahren aus Paris nach Berlin in die Repräsentationsräume der Reichsbank, von dort 1952 ins Märkische Museum und schließlich auf den Weltmarkt. 1986 wurde die Kommode für 151 200 Pfund zunächst in London, neun Jahre später in New York für 937 500 US-Dollar ebenfalls bei Christie’s versteigert. Die beschädigte Marmorplatte befindet sich noch heute im Märkischen Museum. Welche Rolle die Kunst & Antiquitäten GmbH dabei spielte, haben die Archive noch nicht ausgespuckt.

Aber es gibt Anlass zur Hoffnung. Bernd Isphording vom Bundesarchiv in Berlin berichtete vom hinterlassenen Schriftgut der KuA, mehrere Kilometer laufender Aktenbestand, für die er ein Findbuch aufgelegt hat. Allerdings gestaltet sich die Einzelfallrecherche weiterhin schwierig. Aufklebenummern verraten zwar, ob die Bezahlung in bar oder per Autotausch – als AT notiert – erfolgte, ansonsten helfen die Codes bei der Identifizierung von Einlieferern und Käufern kaum – es wurde gezielt verschleiert.

Privater Kunst- und Antiquitätenhandel wurde brutal ausgebremst

Wenn auch das Verfahren staatlich legitimiert war, um Valuta einzufahren, bestand offensichtlich trotzdem ein Unrechtsbewusstsein. Die Museen wurden bedrängt, Objekte abzuliefern, die Privatsammler mit der Steuerfahndung kriminalisiert, Ausreisende mussten vermeintlich unter Kulturgutschutz stehende Objekte zurücklassen. Die KuA köderte im ganzen Land mit Experten, die Geldbündel bei sich trugen, oder übte mit Hilfe der Staatssicherheit Druck aus. Der noch existierende private Kunst- und Antiquitätenhandel wurde brutal ausgebremst, um die Ware ins eigene Lager, nach Mühlenbeck umzuleiten.

Vom Schicksal zweier Kunsthändler erzählten die Kunsthistorikerinnen Claudia Maria Müller und Christin Müller-Wenzel. Moderatorin Sylvie Kürsten fehlten anschließend erst einmal die Worte, die Betroffenheit vermittelte sich auch über den Bildschirm. Claudia Maria Müller berichtete von ihrem Großvater, der seit den 1930er Jahren einen Kunsthandel zunächst in Dresdens Innenstadt, nach der Ausbombung von seiner Privatwohnung aus in Blasewitz führte. Künstler, Wissenschaftler, Ärzte kauften bei ihm ein, Helene Weigel, Manfred Krug schauten vorbei, West-Künstler, um ihre Gagen in DDR-Mark auszugeben. „Es ging nicht nur um Erwerb, sondern auch um eine Leidenschaft, sich mit Kunst zu beschäftigen, eine Nische“, so Claudia Maria Müller, als müsste sie sich immer noch der Vorwürfe erwehren.

Als der Onkel nach dem Tod des Großvaters 1972 das Geschäft übernehmen wollte, erhielt er keine Genehmigung. Seine Ausreise in den Westen zog sich hin. Erst 1986 eröffnete er in München einen eigenen Laden, allerdings ohne die Bilder mitnehmen zu dürfen, sie blieben zurück bei den Verwandten in Dresden. Die dortige Familie schützte vor den Nachstellungen der Steuerfahnder, dass der großväterliche Betrieb schon in den 1970er Jahren stillgelegt worden war. Claudia Maria Müller aber durfte als Kind keine Freunde mit nach Hause nehmen, musste das Geheimnis wahren. Heute arbeitet sie als Provenienzforscherin bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

„Es kann nicht jedes Unrecht wieder gutgemacht werden“

Das Ende der 1947 gegründeten Galerie Henning in Halle fiel noch tragischer aus. Eduard Henning, der mit seiner Frau Eva ein mutiges Programm bestritt, aber nach Ausstellungen mit Picasso schnell unter Formalismusverdacht geriet, musste im Dezember 1961 seine Räume zwangsschließen. Ein halbes Jahr später nahm er sich das Leben. Die Enkel betreuen heute den Nachlass, geblieben sind mehrere Kisten mit Briefen.

„Es kann nicht jedes Unrecht wieder gutgemacht werden“, hatte Rainer Bobra, Kulturminister von Sachsen-Anhalt, in seinem Grußwort zu Beginn der Tagung auf das Dilemma der Kulturgutverluste in der DDR aufmerksam gemacht. Anders als bei der NS-Raubkunst gibt es keine „Washingtoner Prinzipien“, die zumindest die öffentlichen Museen zu Rückgabe zwingt. Die Fristen für die DDR sind seit Mitte der 1990er Jahre abgelaufen. Wer damals keinen Antrag stellte, kommt heute zu spät.

Gilbert Lupfer sprach deshalb von zumindest einem „kleinen Stück historischer Gerechtigkeit“, die von der Forschung geleistet werden könne, indem sie an das Ausmaß des Unrechts erinnere. Das sei doch schon ein Wert an sich, klang es eher hilflos. Doch wie geht man mit den Forschungsergebnissen um? Den Museen, die gesetzlich den Auftrag haben zu sammeln, dürfen nicht einfach restituieren. „Das ist eine rechtliche, eine politische Frage“, so Lupfer. Höchste Zeit, dass auch hier „Prinzipien“ entwickelt werden. Für die einstigen Besitzer und ihre Nachfahren bedeutet selbst ein geringer Kunstwert sehr viel mehr.